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Erotik Feiner Unterschied

aus DER SPIEGEL 35/1996

Auf dem Buchcover zeigt sie sich noch frohgemut mit der Zeichnung eines Mannes samt Phallus: Zehnmal hat die Verlegerin und Herausgeberin Claudia Gehrke, 43, ihr Jahresperiodikum »Das heimliche Auge« publiziert, ihr Kompendium erotischer Grenzgänge, ohne daß Sittenwächter zum Zuge kamen. Nun sind die lustbetonten, für mancherlei Frei- und Frechheiten offenen Bände erneut unter Beschuß geraten: Am 5. September wird sich die Tübinger Verlegerin in Bonn einfinden, um während einer Sitzung der Bundesprüfstelle Argumente gegen einen Indizierungsantrag vorzutragen. Gleichzeitig ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen die Vertriebsgesellschaft von »Pro Familia«, wo die Gehrke-Jahrbücher unter der Rubrik »Partnerschaft und Sexualität« als »einmalige Sammlung erotischer Texte, Bilder und Zeichnungen« angeboten werden. Gehrke weist den Vorwurf der Pornographie zurück: Die Collage aus Wort und Text stelle einen »künstlerischen Gesamtzusammenhang« dar. Das graphische Konzept stehe »völlig im Widerspruch zum Konzept pornographischer Hefte«. Und in der Tat: Alle Versuche, »Das heimliche Auge« in Pornogeschäften zu verkaufen, scheiterten kläglich. Zu eigenwillig, zu irritierend, zu intelligent? Wer weiß, vielleicht beweist in Zeiten der Gewaltvideos sogar die Bundesprüfstelle Sinn für den feinen Unterschied.

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