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LITERATUR Feines Tuch, perfekte Lügen

John le Carré, der Meister des Spionagethrillers, zeigt in seinem neuen Roman, daß die Geheimdienste dieser Welt immer noch nicht aufgegeben haben. Von Ruth Klüger
aus DER SPIEGEL 37/1997

Klüger, 65, arbeitet als Germanistin und Autorin ("weiter leben") in Irvine, Kalifornien. Zuletzt erschien von ihr die Essaysammlung »Frauen lesen anders«.

Man könnte denken, daß nach dem Ende des Kalten Krieges Arbeitslosigkeit unter den Autoren von Spionageromanen ausgebrochen sei. Doch weit gefehlt: Im Fall von John le Carré etwa scheint die neue Weltordnung überhaupt erst die Fähigkeit zu vielschichtiger Charaktergestaltung freigelegt zu haben.

In seinem neuen Roman »Der Schneider von Panama« bestimmen zwar Korruption und Geldgier die Charaktere, doch der Autor schildert die Figuren derart plastisch und plausibel, daß selbst die Halunken einem sympathisch werden.

Panama nach dem Sturz des Diktators und Drogenschiebers Noriega: Die US-Truppen sind abgezogen, bis Ende 1999 werden sich die Amerikaner ganz aus der Kanalzone zurückziehen. Andere Großmächte wollen sich am Profitpotential des Schiffswegs beteiligen und bereichern. Wer hat die besten Chancen?

In London gibt es Tories, die ihrem Empire nachtrauern und endlich wieder eine Rolle spielen wollen. Leider fehlt die Kompetenz eines George Smiley, le Carrés berühmtester Figur, eines Spionagemeisters mit Gewissen, der sein Metier versteht. Im Kontrast zu dieser britischen Oberschicht, die ihre Macht mißbraucht, stehen die loyalen, anständigen Menschen von Panama, denen es an den Kragen geht und die sich durchschlagen, ehrlich oder nicht, wie's eben kommt.

Der britische Geheimdienst schickt einen skrupellosen jungen Mann aus guter Familie dorthin, der sich bisher vor allem als Golfspieler und Schürzenjäger ausgewiesen hat. Andrew Osnard verpflichtet sich den Titelhelden des Romans durch ein Gemisch aus Erpressung und Bestechung.

Der, Harry Pendel, ist das in London geborene uneheliche Kind eines jüdischen Vaters, der aus Rußland kam, und eines irischen Dienstmädchens. Er hat seine Eltern nicht gekannt. Zuerst vernachlässigt, danach von einem Onkel kriminell ausgenützt, hat Pendel im Gefängnis gesessen und ist dann nach Panama ausgewandert, wo er eine Familie gegründet und sich eine Existenz aufgebaut hat: auf der Basis einer erfundenen Vergangenheit und seinem Talent fürs Schneiderhandwerk.

Sein genetisches Erbe ist von den beiden Klischees bestimmt, daß die Iren wie kein anderes Volk die Kunst der rhetorischen Flunkerei ("blarney") beherrschen, während Juden sich mit Textilien auskennen und vor kleinen Illegalitäten nicht zurückschrecken. Doch Harry ist so liebenswürdig und im Grunde seiner Seele gewissenhaft, daß ihm alles verziehen wird.

Als Herrenschneider stattet Pendel die Prominenten des Landes mit feinem englischen Tuch aus, und daher, so meint man in London, müßte er auch die Geheimnisse dieser Leute kennen. Er kennt sie nicht und sieht sich gezwungen, sie zu erfinden. Und sein Antagonist, der Playboy und Geheimdienstler Andy, fällt auf die Lügen herein, die er gewissermaßen provoziert hat - zur nicht geringen Schadenfreude des Lesers.

Harry lügt mit Genuß, und hier erlaubt uns sein Erfinder zugleich einen humorvollen Einblick in die kreativen Prozesse des Geschichtenerzählens. Aber vor allem lügt er, der geborene Antiheld, aus Schuldgefühl und um sich anzupassen. Die Komik dieser Romankonstruktion schlägt um in Tragödie, denn hinter den Unwahrheiten lauert eine reale Welt voller Gefahren und Gewalt. Die Lügen gehen von der Wirklichkeit aus, wie wir sie aus der Zeitung kennen, und münden am Ende in eine noch viel schrecklichere Wirklichkeit.

Im Nachwort verbeugt sich der Autor vor Graham Greene und dessen Roman »Unser Mann in Havanna«. Le Carré ist des öfteren an Greene gemessen worden, ein allzu schmeichelhafter Vergleich mit einem großen Vorgänger. Dessen »Unterhaltungsromane« (er selbst nannte sie so: »entertainments« - um sie von seinen seriöseren Werken abzusetzen) sind immer mehr gewesen als pure Unterhaltung. Bei le Carré trifft das Umgekehrte zu: Er mag sich noch so sehr bemühen, aus seinen komplexen Figuren, verwickelten Situationen und vorzüglichen Dialogen bleibende Wahrheiten über die Conditio humana herauszuschlagen - es kommt doch immer nur ein spannender Spionageroman dabei heraus.

Durch den höheren Ehrgeiz aber wird die ganze Angelegenheit aufgebläht: »Der Schneider von Panama« könnte gut und gerne ein Drittel kürzer sein. Greene kannte die Grenzen der Gattung: Keine seiner »Unterhaltungen« ist auch nur halb so lang wie dieses Buch. Man bringt eben für dergleichen nicht unbedingt dieselbe Geduld auf wie für Proust oder Henry James. Seiten zu überspringen ist bei le Carré aber auch nicht möglich, denn scheinbare Nebenfiguren stehen plötzlich im Brennpunkt von wichtigen Schachzügen, und wer nicht aufgepaßt hat, muß zurückblättern.

Eines muß man John le Carré allerdings lassen: Der Hochstapler als Spion, der in einer Welt voller Missetaten noch Intrigen dazuerfindet, die wiederum zum Anlaß neuer Missetaten werden - das ist schon ein brillanter Einfall.

Ruth Klüger
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