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MALEREI / BOTERO Feiste Elsbeth

aus DER SPIEGEL 23/1968

Die Nürnberger Patrizierin Elsbeth Tucher ist schlimm entstellt: Die Wangen der ursprünglich knochigen Person sind krankhaft aufgeschwemmt, über die Kiefer hängt ein monströses Doppelkinn, und der Hals ist dick wie ein Ofenrohr.

So massiv hat der kolumbianische Maler Fernando Botero, 35, ein deutschen Menschen teures Bildmotiv verwandelt: jenes Frauenporträt Albrecht Dürers, das auch die Zwanzigmarkscheine der Bundesbank illustriert.

Mit seiner feisten Elsbeth (einer Kohlezeichnung, die Dürer-Details in fünffacher Größe kopiert, Proportionen aber grotesk verzerrt) will freilich der in New York lebende Exote den alten Meister durchaus nicht kränken -- er empfindet ihm kongenial und wünscht sich seine Werke nur ein wenig wuchtiger.

Aus Sympathie hat er die -- mit 20 anderen Botero-Werken jetzt in der Münchner Galerie Buchholz ausgestellten Porträt-Paraphrasen gleich dreifach signiert: mit einem Dürer-Monogramm, einem Botero-Monogramm und mit dem Namenszug »dürerobotero«.

In Ehrfurcht vor den Alten nämlich geht der derzeit originellste Maler aus Südamerika ein Kunstproblem an, das seine Vorläufer schon seit Jahrhunderten beschäftigt hat: die Darstellung dreidimensionaler Körper auf einer Fläche.

Er löst es durch krasse Übertreibung: Botero pinselt oder strichelt die Einzelformen seiner Bildobjekte in derart draller Modellierung, daß sie sich plastisch vor die Leinwand zu wölben scheinen. Mit solchem Stereo-Effekt hat sich der Kolumbianer außer dem Deutschen Dürer, von dem er auch ein Selbstporträt schändete, noch andere Hauptleute der Kunstgeschichte anverwandelt. Er variierte zum Beispiel Leonardos Mona Lisa ("im Alter von zwölf Jahren"), ein Papstbildnis von Raffael sowie ein Rubens-Selbstporträt mit Gattin. Den Nachschöpfungen gab Botero Ballonköpfe, Elefantenglieder und knochenlose Wurstfinger. Auch seine Figurengruppen und Obst-Stilleben eigener Erfindung weisen genauso eindrucksvolle Rundungen auf.

Boteros Bilder, mit denen er »stärker den Tastsinn als die Augen ansprechen« möchte, sind das abseitige, kuriose Resultat aus lateinamerikanischem Erbe (dem Einfluß präkolumbischer Götzenbildnisse sowie spanischer Kolonial-Madonnen) und europäischer Kunst-Erfahrung.

Nach Europa hatte schon der malende Knabe aus der kolumbianischen Industriestadt Medellin den Blick gewandt -- als 16jähriger Oberschüler schrieb Botero einen Aufsatz über Picasso, dessen Werke er nur durch Reproduktionen kannte, wurde kommunistischer Umtriebe verdächtigt und mußte die Anstalt verlassen.

Der Relegierte wirkte dann als Bühnenbildner für ein Wandertheater, vornehmlich im Stil des belgischen Surrealisten Magritte. Mit dem verdienten Honorar zog er nach Bogotá wo er in kurzer Zeit 25 Bilder malte, ausstellte und verkaufte, in denen Europas Kunst-Entwicklung von Gauguin bis Picasso gespiegelt war. Nun, 1952, war ihm der Weg in die Alte Welt offen.

Dort allerdings -- Botero schrieb sich an der Madrider Kunst-Akademie San Fernando ein -- ließ er sich nicht von der Malerei des 20. Jahrhunderts inspirieren, sondern von den guten alten Werken seit der Renaissance.

So labte er sich im Prado an Velazquez, in Paris (wo ihn das Mus& d'Art Moderne enttäuschte) an den Barock-Franzosen des Louvre und auf einer Motorradfahrt nach Italien an den Fresken des Frührenaissance-Meisters Piero della Francesca.

An Pieros Werk zumal bewunderte der Kunst-Tourist, »wie Form und Farbe mittels Zeichnung und nicht durch Schatten oder Heildunkel« verarbeitet waren -- es war sein eigenes ästhetisches Problem.

Zwar fiel Botero, wieder in Amerika, noch einmal in eklektische Ausbeutung der Moderne zurück; doch als »es niemanden mehr zu kopieren gab«, verdammte er die Kunst der Gegenwart ("Der schrecklichste Niedergang aller Zeiten") und blieb fortan bei einer Renaissance-Technik der Mo-

* »Papstbildnis nach Raffael«.

dellierung, einer altmeisterlichen, milchigen Palette und seiner eigentümlichen Schwellkopf-Motivik.

Erst hatte er entdeckt, daß eine Mandoline »ähnlicher« aussah, wenn er Schalloch und Wirbel verkleinerte, die Wölbung ihres Bauches aber übertrieb. Dann wandte er dasselbe Prinzip auf Priester, Melonen, Schoßhunde und Präsidenten an. Selbst Eßgeräte wie Gabeln malt er nun schwammig aufgedunsen.

Die magisch oder auch satirisch wirkenden Grotesk-Bilder gelten schon als museumswürdig. So nahm zum Beispiel das New Yorker Museum of Modern Art Boteros Mona Lisa ab; und aus der Münchner Ausstellung, aus der bislang 16 Bilder zu Preisen zwischen 3600 und 10 000 Mark verkauft wurden, will sich nun auch ein deutsches Institut bedienen:

Für eine Dürer-Huldigung zum 500. Geburtstag des Meisters, 1971, wünscht sich die Nürnberger Kunsthalle Boteros dicke Dürer-Typen.

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