Inna Schevchenko

Femen-Aktivistin Schevchenko über den Krieg Putin vergewaltigt die Ukraine

Inna Schevchenko
Ein Gastbeitrag von Inna Schevchenko
Die Ukraine soll einen Missbrauch hinnehmen – das war schon lange Putins Plan. Nun liegt es an den Frauen, den Krieg zu gewinnen.
Inna Schevchenko, Aktivistin der feministischen Gruppe Femen

Inna Schevchenko, Aktivistin der feministischen Gruppe Femen

Foto: INNA SHEVCHENKO / Inna Shevchenko

Vor fünf Monaten wurde ich Mutter eines kleinen Mädchens. Wenn Männer wüssten, wie schwierig und wie schön es ist, Leben zu erschaffen, würden sie niemals Krieg führen.

In diesem Moment wird meine Heimat grausam angegriffen. Wladimir Putin, der Verrückte, hat einen umfassenden Krieg gegen die Ukraine und das ukrainische Volk begonnen. Einen Militärangriff im Herzen Europas, der den Kontinent in seinen dunkelsten Moment treibt.

Dieser schreckliche Krieg wird von einem kleinen Mann mit gigantischen Machtambitionen und einem Durst nach Missbrauch geführt. »Like it or don’t like it, it's your duty, my beauty« das sagte Putin bei einer der Pressekonferenzen, die seinem Angriff auf die Ukraine vorausgingen. Er zitierte einen bekannten, groben Vergewaltigungswitz. Die »Schönheit« Ukraine zu zwingen, sich ruhig hinzulegen und den Missbrauch hinzunehmen, das war schon seit einiger Zeit Putins Plan.

Dieser Krieg begann 2014, als Russland als Reaktion auf den prodemokratischen ukrainischen Bürgeraufstand auf dem Maidan die ukrainische Krim annektierte und die östlichen Regionen Donezk und Luhansk besetzte. Während dieser acht Jahre starben mehr als 14.000 Ukrainer, und Tausende wurden vertrieben. Mit seinem jüngsten Schritt erkannte Präsident Putin jedoch die beiden separatistisch geführten Regionen als unabhängige Republiken an und behauptete, das Land mit einer umfassenden militärischen Intervention zu »entmilitarisieren« und zu »entnazifizieren«.

»Schweigen im Angesicht eines Tyrannen macht den Tyrannen stärker.«

In nur wenigen Stunden wurden viele ukrainische Regionen von der russischen Armee angegriffen, darunter auch die Region Cherson, in der meine Familie lebt. Voller Horror und Verzweiflung rufe ich nun meine Eltern regelmäßig an, um zu überprüfen, ob ihr Haus noch nicht bombardiert wurde.

Putins Horror ist eine unabhängige Ukraine mit europäischen Ambitionen. Als Putin die Anerkennung der separatistischen Republiken ankündigte, mit einer Rede, die ohne Übertreibung die schrecklichste Rede für die gegenwärtige Weltordnung ist, schrieb Putin die Geschichte der Ukraine um und leugnete ihre Kultur. Er behauptete, dass die Ukraine kein Recht habe, ein unabhängiger Staat zu sein. Für ihn sind Ukrainer Nazis, wenn sie kein gemeinsames Schicksal mit Russland anstreben.

Doch die Wahrheit ist, dass nach zwei Revolutionen und acht Jahren russischen Krieges eine beträchtliche Anzahl der 40 Millionen Menschen in meinem Land in einer demokratischen Ukraine leben will. Diejenigen, die Putin als »Nazis« beschimpft, haben bei den letzten Wahlen einen jüdischen Präsidenten gewählt und den nationalistischen Kandidaten bei den Parlamentswahlen nur fünf Prozent der Stimmen gegeben. Viele dieser Ukrainer sind bereit zu leiden, und einige würden sogar für eine freie und friedliche Zukunft ihres Landes sterben. Und Wladimir Putin will nicht, dass es diese Ukraine gibt, weil er weiß, dass früher oder später auch die Russen diese Freiheit und Würde kennenlernen wollen.

Als Solidaritätsaktion mit der russischen Punkband Pussy Riot fällte Inna Schevchenko ein Holzkreuz in Kiew. Gegen die Band lief zu der Zeit in Moskau ein Prozess

Als Solidaritätsaktion mit der russischen Punkband Pussy Riot fällte Inna Schevchenko ein Holzkreuz in Kiew. Gegen die Band lief zu der Zeit in Moskau ein Prozess

Foto: Sergey Dolzhenko/ dpa

Putin ist ein Serienaggressor. Bevor er der Ukraine seinen Krieg erklärte, behauptete er im Jahr 2000, »Tschetschenen vor Terroristen zu retten«, indem er Säuberungsaktionen durchführte, 2008 behauptete Putin, »Georgien durch eine Invasion Frieden zu bringen«. In Russland hat er Gegner und Kritiker seines Regimes verfolgt, verhaftet und versucht, sie zu ermorden. Er unterstützte Marionettendiktatoren wie Lukaschenko in Weißrussland oder Janukowitsch 2010 in der Ukraine. Wir Genossinnen aus der Femen-Bewegung haben uns ihm heftig widersetzt, bevor wir ins Exil gedrängt wurden.

Aber wie so oft sind Serienmissbrauch und wiederholte Gewalttaten nur möglich, wenn sie ignoriert, verharmlost oder unterstützt werden. »Ich bin so wütend auf uns selbst für unser historisches Versagen. Nach Georgien, Krim und Donbas haben wir nichts vorbereitet, was Putin wirklich abgeschreckt hätte«, twitterte die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, als ukrainische Städte unter dem Beschuss russischer Panzer und Raketen zitterten. Doch Putins Krieg in der Ukraine ist kein Scheitern der westlichen Politik, er ist seine direkte Wirkung.

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Die EU und Deutschland haben Russland und seinen Präsidenten bis zum letzten Tag vor der Invasion als Handelspartner betrachtet. Die Abhängigkeit von russischem Gas und Projekte wie Nord Stream 2 haben Putins Pläne nur verstärkt und finanziert.

Es gab zahlreiche rote Linien, aber der westlichen Diplomatie fehlte es an Mut und Kreativität, darauf zu reagieren. Putin spielte immer nach seinen eigenen Regeln und konnte jederzeit die Folgen eines weiteren Versuchs, das Völkerrecht zu verletzen, absehen, weil der Westen nach den immer gleichen schwachen diplomatischen Regeln gespielt hat. Westliche Länder wollten mit Putin einen Dialog führen, während er sich für den Ringkampf entschieden hatte. Sie verhängten lächerliche Sanktionen, die keine oder nur eine kurze Wirkung hatten, weil sie nicht an die Größe der russischen Wirtschaft angepasst waren. Währenddessen zog Putin die Grenzen neu. Bis zu diesem grausamen Krieg schien die EU zu ignorieren, dass der Kampf um die Ukraine die Zukunft des Kontinents bedeutete.

Doch Schweigen im Angesicht eines Tyrannen macht den Tyrannen stärker. Das Hinwegsehen über Gewalttaten erzeugt mehr Gewalt. Die Neutralität zwischen Gut und Böse endet immer auf der Seite des Bösen.

Heute führt die Ukraine den Krieg ganz allein. Sie kämpft für die Werte, die Europa verteidigen sollte, deren Bedeutung es aber vergessen hat. Die Ukrainer kämpfen darum, die letzte Nation zu sein, die starke europäische Bestrebungen hat. Es ist eine junge Generation von Ukrainern, und sie wird diese Gewalt nicht verzeihen und auch die Feigheit nicht vergessen, die ihnen diesen Krieg eingebracht hat.

Wir werden unsere Töchter und Söhne lehren, dass es nur hilft, mutig gegen das Böse aufzustehen und trotz hoher Einsätze das Gute zu verteidigen. Nur das kann Frieden garantieren. Wenn Männer Kriege führen, liegt es somit an den Frauen, sie zu gewinnen.

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