Ferda Ataman

Noch nicht bereit für "Moslems" als Bürgermeister? Bitte integriert euch endlich!

Ferda Ataman
Eine Kolumne von Ferda Ataman
Eine Kolumne von Ferda Ataman

Mitglieder in einem CSU-Ortsverband sind gegen ihren eigenen Bürgermeisterkandidaten - weil er Muslim ist. Oft haben sich diejenigen, die am lautesten "Integriert euch" rufen, selbst am wenigsten integriert.

Şener Şahin ist der wahr gewordene Traum aller Leitkultur-Prediger. Gäbe es eine Integrationsbemessungsbehörde, der Bayer aus Wallerstein im Landkreis Donau-Ries hätte bestimmt einen Ehrenwimpel. In seinem Migranten-Benimmheft stünde vermutlich sowas wie:

  • verhaltensunauffällig,

  • spricht perfekt Deutsch mit Lokalkolorit,

  • geht mit seiner evangelischen Frau und den Kindern an Weihnachten in die Kirche,

  • verdient ehrliches Geld mit einem Werkzeugmaschinen-Betrieb,

  • spielt in der 2. Herrenmannschaft Fußball im SV Holzkirchen.

Ein waschechter Wallersteiner mit Mikromigrationsgeschichte: geboren im Nachbarort Nördlingen hat er irgendwann rübergemacht. Da gibt's aber noch etwas: seine "türkischen Wurzeln". Eigentlich sollte Şahin bei den Kommunalwahlen im März für das Bürgermeisteramt kandidieren - der Vorstand des Ortsverbands hatte sich klar dafür ausgesprochen. Doch an der Basis und im Gemeinderat kamen einige Parteimitglieder damit nicht klar, weshalb Şahin letzte Woche erklärte, dass er seine Kandidatur zurückziehe.

Was die dogmatischen CSUler offenbar störte: Şahin ist "Moslem" (so nennt man das auf dem Land offenbar noch) und das "C" im Parteinamen stehe nun einmal für "christlich". Aber stimmt das, muss man bibelfest sein, um bei den Unionsparteien mitzumachen? Die Debatte ist alt und kommt regelmäßig auf, wenn jemand mit türkischem Namen seinen oder ihren Hut in den Ring wirft, auch bei den Christdemokraten .

Zwar hatten die Spitzenpolitiker über die Jahre ein sehr launenhaftes Verhältnis dazu , doch der demografische Wandel und die sinkende Attraktivität der Kirchen zwingen Volksparteien zur Flexibilität. 2018 erklärte die CDU von oberster Stelle, dass auch Muslime willkommen sind . Und bei der CSU heißt es im Grundsatzprogramm  klipp und klar: "Das C in unserer Partei steht für die christliche Werteorientierung. [...] Unsere Partei steht allen Menschen offen, die sich zu diesen Grundwerten und unseren Zielen bekennen - unabhängig von ihrem persönlichen Glauben."

Doch dann trifft so ein Grundsatzparagraf in Wallerstein auf echte Menschen mit echten Ressentiments. Da haben manche lieber keinen Kandidaten, als "einen Moslem". Şahin selbst ist deswegen nicht sauer. "Wenn Leute sagen, sie sind noch nicht so weit, dass sie einen Moslem als Bürgermeister haben wollen, ist das für mich okay", sagte er der "Süddeutschen Zeitung ".

Aber soll man die Geschichte wirklich einfach abhaken und nur feststellen, dass sich manche Regionen in Deutschland weiter entwickelt haben als andere? In Hannover wurde vor ein paar Monaten erstmals ein Politiker mit türkischem Namen zum Oberbürgermeister gewählt, in Wallerstein ist es halt schon ein Fortschritt, dass sich der CSU-Vorsitzende traut, so einen vorzuschlagen?

Warum fordert die CSU Wertekunde nur für Geflüchtete?

Nein. Die Geschichte vom modernen Moslem und den in den Fünfzigerjahren hängengebliebenen CSUlern ist kein Einzelfall und weder aufs Land, noch auf die CSU beschränkt. Erstaunlich viele Menschen müssen offenbar erst noch lernen, dass es nicht okay ist, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass seine Religion stört. Wegen des Grundgesetzes, der Verantwortung für die deutsche Geschichte und dies das.

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Ataman, Ferda

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Verlag: S. FISCHER
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Das wirft eine längst überfällige Frage auf: Wieso ist das Thema "Integration" nur für Migranten reserviert? Warum fordern die Unionsparteien nur Wertekunde für Geflüchtete? Offensichtlich brauchen manchmal auch weiße Ureinheimische Hilfe, um in Deutschland, im Jahr 2020 anzukommen. Die Faustregel: je heftiger die pauschalen Urteile über "die Moslems", desto desintegrierter die Person (gilt natürlich auch für die Abwertung anderer Gruppen).

Das bayerische Innenministerium, das für Integrationspolitik zuständig ist, schreibt auf seiner Internetseite : "Wir möchten eine Kultur des Miteinanders, sodass Menschen mit ausländischen Wurzeln sich einbringen können und wollen. Bei der Arbeit und in die örtliche Gemeinschaft." Prima, sehr weitsichtig. Dann integriert doch bitte erst einmal die Biobayern, die arme Zugewanderte und ihre Nachkommen daran hindern, Bürgermeister zu werden.

Was aber tun mit all den integrationsunwilligen Deutschen, die "noch nicht soweit sind", Muslime in Ämtern zu ertragen? Die Soziologin Anette Treibel schlug vor ein paar Jahren vor, die Integrationskurse für alle zu öffnen . Günstiger wären vermutlich Faltblätter, die unsere Demokratie und das Grundgesetz erklären.

Der allererste Schritt wäre aber einzusehen, dass unsere Integrationsdebatte verlogen und verbogen ist. Denn die gleichen Leute, die Şahin wegen seiner Religion ablehnen, behaupten wahrscheinlich, die Moslems würden sich besonders schwer tun, sich zu integrieren. Dass sie sie selbst aktiv daran hindern, fällt ihnen vermutlich gar nicht auf. Ich nenne es das Desintegrations-Paradox.