Schirachs neues Diskussionsdrama Und hier kommt die finale Frage

In Berlin wurde das neue Stück des Erfolgsautors Ferdinand von Schirach uraufgeführt: "Gott" handelt von Sterbehilfe. Leider geben die Expertendarsteller sehr windschiefe Figuren ab.
"Gott"-Inszenierung im Berliner Ensemble: Eine kerngesunde alte Frau (Josefin Platt) will in Würde sterben dürfen

"Gott"-Inszenierung im Berliner Ensemble: Eine kerngesunde alte Frau (Josefin Platt) will in Würde sterben dürfen

Foto: Matthias Horn / Matthias Horn / Berliner Ensemble

Die Freiheit ist eine Zumutung für den Menschen, diese Theateraufführung ist es auch. Zu sehen sind Männer und Frauen in Anzügen, die über die Bürde der Wahlfreiheit diskutieren, und darüber, wer über das Leben und Sterben des Individuums entscheiden darf. Zu Wort kommt die 78-jährige Elisabeth Gärtner (gespielt von Josefin Platt), die gern ihr Leben in Würde beenden möchte, weil sie nach dem Tod ihres geliebten Ehemanns keine Freude mehr am Dasein hat.

Es sprechen ein Ethikratsvorsitzender, zwei Ärzte, eine Verfassungsrichterin, ein Rechtsanwalt und ein Kirchenmann, dargestellt von Schauspielerinnen und Schauspielern, die jeweils mit den Händen vor dem Leib wedeln oder gottergeben die Finger zum Gebet falten. Manchmal schreien die Schauspielkünstler ein bisschen und rücken einander auf die Pelle, stets aber sind sie um ein deutliches, übernuanciertes Sprechen bemüht, als hätten sie es mit einer äußerst begriffsstutzigen Zuhörerschaft zu tun.

Charme einer Ausnüchterungszelle

"Wissen Sie, wie lange ich über meinen Selbstmord mit meinen Kindern gesprochen habe?", fragt die zwar kerngesunde, aber lebensmüde, ihren grauen Haarschopf schüttelnde Frau Gärtner in einem Moment emotionalen Aufruhrs den Medizin-Sachverständigen, der das Verschreiben tödlicher Medikamente an Sterbewillige für unvereinbar mit dem Ethos des Ärztestands hält. "Sind Sie wirklich so arrogant, dass Sie Ihre Meinung als Arzt über die Ihrer Patienten stellen dürfen?"

"Gott"-Holzbühne im Berlin: Miniatur-Hörsaal für eine geskriptete Talkshow

"Gott"-Holzbühne im Berlin: Miniatur-Hörsaal für eine geskriptete Talkshow

Foto: Matthias Horn / Matthias Horn / Berliner Ensemble

"Gott" heißt das Theaterstück des Autors Ferdinand von Schirach, das der Regisseur Oliver Reese am Donnerstagabend im von ihm geleiteten Berliner Ensemble zur Uraufführung bringt. Die Bühne ist ein hölzerner Miniaturhörsaal mit dem Charme einer Ausnüchterungszelle, den der Bühnenbildner Hansjörg Hartung gezimmert hat. Das Publikum, das im Corona-bedingt spärlich möblierten Zuschauerraum sitzt, wird zu einer Sitzung des Ethikrats mit Experten und einer Betroffenen begrüßt, das ist die Grundsituation dieses Dramas zum Thema Sterbehilfe. Viel wird über ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020 gesprochen, das das "Recht auf selbstbestimmtes Sterben" garantiert und hier so zusammengefasst wird: "Der Bürger hat die Freiheit, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen."

Das Publikum stimmt per Handzeichen ab

Ärzte dürfen nun nach deutschem Recht Sterbewilligen beim Suizid helfen, aber sollen sie es auch? "Die ethische Frage bleibt", sagt der schmale, mit Brille und Fliege ausstaffierte Schauspieler Gerrit Jansen in seiner Rolle als Ratsvorsitzender und Versammlungsleiter. "Über sie wollen wir heute sprechen." Am Ende der Aufführung im Berliner Ensemble darf das Publikum per Handzeichen darüber abstimmen, ob es moralisch richtig oder falsch ist, dass Menschen wie Frau Gärtner ein tödliches Medikament bekommen - ohne genaue Stimmenzählung wird von der Bühne herab befunden, dass eine klare Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer die Beihilfe zum Suizid gutheißt.

Der Schriftsteller und Jurist Ferdinand von Schirach hat diese Art der geskripteten Talkshow mit anschließender Publikumsbefragung (und meist sehr genauer Auszählung der Stimmen) bereits in seinem Bühnenhit "Terror" aus dem Jahr 2015 praktiziert. Debattiert wird darin über das rechtliche und moralische Für und Wider eines Flugzeugabschusses. Darf ein offenkundig von Terroristen entführtes, mit unschuldigen Passagieren voll besetztes Passagierflugzeug, das auf ein mit Fans gefülltes Fußballstadion zurast, kaputt geballert werden oder nicht?

Moderne Form des Dokumentarstücks

Sowohl "Terror" als auch "Gott" sind Fleißarbeiten eines eifrigen Argumentesammlers und Advokaten, der mit der alten Künstlerforderung ernst zu machen scheint, dass man das Denken gefälligst den Zuschauerinnnen und Zuschauern überlassen soll. So ganz stimmt das aber natürlich doch nicht.

In "Gott", das wird in Berlin deutlich, wo das Stück zeitgleich mit einer Parallel-Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus gezeigt wird, legt Schirach zumal dem theologischen Sachverständigen, einem Bischof der katholischen Kirche, ziemlich wackelige Argumente in den Mund und lässt ihn lahm über die "Pervertierung unserer christlichen Werteordnung" zetern.

Thiel heißt dieser von Veit Schubert als beflissen Coca-Cola trinkender Dogmatiker gespielte Kirchenmann, der vom Star des Abends, dem Anwalt und Sterbehilfe-Befürworter Biegler (Martin Rentzsch), in einer schrill pathetischen Szene eine Bibel in die Hand gedrückt bekommt. Dass im christlichen Buch der Bücher zwar von diversen Suizidgeschichten die Rede sei, aber nirgendwo ein Verbot der menschlichen Selbsttötung ausgesprochen werde, gehört zu den interessanten Fakten, die das Publikum an diesem Theaterabend serviert bekommt.

Leider verzichten die Kontrahenten im Stück radikal auf jede Pointe und reden mit Ausnahme des salbungsvollen Klerikers staubtrockenes Juristendeutsch. Immerhin, einmal benutzt einer der Mitspieler eine Formulierung, die im Text des Stücks nicht zu finden war: Er wolle jetzt noch "eine finale Frage" stellen. Die bedrückende Wirkung dieses Theaterabends, an dessen Ende sich der Autor schüchtern auf der Bühne verneigte, besteht darin, dass er die immer gleiche Finalfrage in sehr vielen Varianten formuliert.

"Gott". Nächste Vorstellungen im Berliner Ensemble  am 11., 12., 13., 25., 26. und 27.9.

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