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LITERATUR Fernöstliche Familienrätsel

aus DER SPIEGEL 16/2007

Der Schatten des Zweiten Weltkriegs ist lang. Inzwischen sind es schon die Enkel, die auf mehr oder weniger literarisierter Spurensuche einem dunklen Familiengeheimnis aus jener Zeit nachforschen: Eine offenbar unabweisbare »Sehnsucht nach Gewissheit« treibt sie dazu, nach mehr als einem halben Jahrhundert die Schuld oder Unschuld ihrer Vorfahren endlich endgültig festzustellen. Auch in dem erstaunlichen Erstlingsroman der Kanadierin Madeleine Thien, 32, der auf Deutsch »Jene Sehnsucht nach Gewissheit« heißt (im Original eher nüchtern »Certainity"), laufen viele Handlungsfäden durch die Jahrzehnte, zurück bis zum Großvater, der 1945 auf Borneo als Kollaborateur vor den Augen seines kleinen Sohns erschossen wurde. Dessen Tochter namens Gail, in Vancouver aufgewachsen und von Beruf Rundfunkreporterin, verfolgt die Lebensspuren einer phantastisch verzweigten Familiengeschichte. Die Autorin, deren Eltern aus Asien nach Kanada kamen, begibt sich dabei erklärtermaßen teilweise auf autobiografischen Grund. Und doch wirkt ihr Buch in keiner Szene bloß wie romanhaft aufbereiteter Familienstoff. Es ist prall und wild, abenteuerlich und farbensatt; es hat die Motivfülle und den Detailreichtum eines souverän komponierten Romans.

Die Erzählung bewegt sich - getrieben von der Sehnsucht nach Gewissheit, die naturgemäß unerfüllbar bleibt - scheinbar traumwandlerisch vorwärts und rückwärts zwischen Vancouver, Sandakan, Melbourne, Jakarta, Hongkong und Amsterdam, doch sie verliert dabei weder die familiären Figuren noch die kunstreich durchgespielten Leitmotive je aus dem Blick.

Madeleine Thien ist unglaublich ehrgeizig, wie sich das für eine Anfängerin gehört. Ihr Buch ist auch ungeniert sentimental und pathetisch, vor allem aber ist es bis in die kleinsten Verästelungen von einer stürmischen Lebendigkeit.

Madeleine Thien: »Jene Sehnsucht nach Gewissheit«. Deutsch von Almuth Carstens. Luchterhand Literaturverlag, München; 304 Seiten; 19,95 Euro.

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