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Fernsehen: Köpcke für Kinder?

Teenager interviewen Militärs über My Lai, Jung-Reporter berichten über Watergate -- im Ausland werden längst regelmäßig TV-Nachrichten für Kinder, häufig von Kindern, produziert. Nun will sich auch die ARD noch einmal an einer Aktualitäten-Sendung für Ihr Junges Publikum versuchen. Stuttgarts drittes TV-Programm kommt der »schwerfälligen« Arbeitsgemeinschaft zuvor und startet im Herbst einen extra-Dienst für Heranwachsende.
aus DER SPIEGEL 17/1976

Weißbuch und Grüner Plan, Hardthöhe, Sockelbetrag, Butterberg, AG, IG, EG. Salt, Opec und ÖTV -- mit ihren Kürzeln und Kennworten mißraten die Nachrichten des deutschen Fernsehens mehr und mehr zur Rätselstunde.

Schon viele Erwachsene, das ist durch Tests erwiesen, werden von Wortschwall und Bilderflut in »heute« und »Tagesschau« überschwemmt. Schulpflichtigen Zuschauern indes vergeht Hören und Sehen total. »Es ist unverantwortlich«, rügt Elisabeth Schwarz, Leiterin des Stuttgarter TV-Nachmittagsprogramms, »daß den Kindern unentwegt Begriffe um die Ohren gehauen werden, mit denen sie nichts anfangen können.«

Vom Beginn des TV-Programms zur Kaffeestunde bis -- wenigstens -- abends um acht lassen Millionen von Grundschülern und Teenagern die illustrierten Tagesnachrichten über sich ergehen. Doch die Anstalten wissen nicht, ob die Heranwachsenden die oft zu knapp, oft zu wirr dargebotenen Aktualitäten sehen wollen und, wenn ja, verstehen können.

Letzte Woche nun trafen sich deutsche Macher aus TV-Nachrichten- und Kinderprogramm-Redaktionen mit 50 Regisseuren und Produzenten von 30 europäischen und überseeischen Fernseh-Organisationen in Remscheid zur Aufklärungs- und Nachhilfestunde. Einziges Thema der achttägigen Klausur-Tagung: »Fernseh-Informationen für Kinder ab sieben Jahren«.

Während ausländische Sender auf dem »komplizierten Terrain«, so Tagungsleiter Mohrhof, erste Schritte wagten und erste Erfolge verbuchten, scheiterten in der Bundesrepublik bislang alle Versuche, Tagesnachrichten auch an den kleinen Mann zu bringen.

Im April 1970 begann der Hessische Rundfunk, in seine Jugendserie »Ich wünsch' mir was« »Nachrichten des Monats« einzublenden. Da verlas vor der Kamera ein adrett gekleideter Dreizehnjähriger, meist ohne Versprecher, Texte, die ihm erwachsene Routiniers vorgeschrieben hatten.

Doch mitten in der »infantilen Streublümchenwelt der Serie« ("Frankfurter Rundschau") wirkte der schnieke Jung-Sprecher nur komisch. Nach sieben Auftritten verschwand der Köpcke für Knirpse wieder von der Bildfläche.

Nach dem Frankfurter Fiasko, im Frühjahr 1971, bestellten sich die ARD-Programmdirektoren eine spezielle »Tagesschau für Kinder«. Doch nachdem die Herren die in der Hamburger »Tagesschau »-Zentrale gebastelten Pilotsendungen begutachtet hatten, waren sie, wieder mal, uneins. Einige vermißten eine »kindergerechte Aufbereitung« des Nachrichtenstoffs' andere beanstandeten »zuviel pädagogischen Krimskrams«, nahezu alle wollten, angeblich aus Geldmangel, der »Tagesschau« nicht die für den Extra-Dienst erforderlichen Redakteurs-Stel-

* Zwischen den Schlagzeilen. »Ich wünsch' mir was«.

len genehmigen. Die Nullnummern wanderten ins Archiv.

Mehr als ein paar unterhaltsam-belehrende Reihen wie »Alltag« oder »Zwischen den Schlagzeilen« hatten die bundesdeutschen Sender also auch weiterhin nicht zu bieten.

Dabei war an geglücktem und mißlungenem, kurz- und langlebigem Anschauungsmaterial aus dem Ausland kein Mangel. Schon 1969 hatte das Dänische Fernsehen eine Nachrichten-Sendung »für Jugendliche gestartet und darin beispielsweise auch ein Interview zwischen zwölfjährigen Reportern und einem dänischen General über das Massaker von My Lai verwendet.

Bei derartigen Gesprächen, lobte später der britische Kommunikationsforscher Halloran das dänische Experiment, »ist der Interviewte gezwungen, sich verständlich zu machen und direkte Antworten auf direkte Fragen zu geben, die ein Erwachsener niemals stellen würde«. Dennoch gaben die Dänen ihre neuartige Kinderstunde inzwischen wieder auf. »Dieses Programm«, bekannte resigniert sein Produzent in Remscheid, »wurde am Ende nur noch von Staats-Pensionisten angeschaut.«

Andere Macher hingegen sind fest davon überzeugt, mit ihren Nachrichten für Kinder auch wirklich bei den Kindern anzukommen. Die »Canadian Broadcasting Corporation« beispielsweise gestaltet ihre wöchentlich halbstündige Reihe »What's New?« größtenteils im Stil der »Tagesschau«, liefert dazu aber besser ausgewähltes und kommentiertes Hintergrundmaterial.

Unter dem Stichwort »Erntedankfest« wird über Inflation. Arbeitslosigkeit und deren wirtschaftliche Foken aufgeklärt. Ein Beitrag beschäftigt sich mit den globalen Beziehungen im linksradikalen Untergrund (einschließlich der Baader-Meinhofs vor deutschen Gerichten). Im Zeitraffer präsentieren die kanadischen Redakteure die Geschichte Spaniens, und zwischendurch lassen sie gelegentlich zwei Puppen politische Gespräche fuhren.

Im Gegensatz zu solch magazinhaft präsentierten Nachrichten sind die erfolgreichen Kinder-News der BBC als flotte Personality-Show aufgezogen. Viermal in der Woche zieht der lässige Twen John Craven zur Teezeit »John Cravens Nachrichten-Runde« ah und lockt »durchaus auch mit harten Szenen, (ein BBC-Sprecher) regelmäßig fünf Millionen Klein-Briten an.

Auch amerikanische Kommerz-Stationen gehen inzwischen gern mit aktuellem Kinderfunk auf Sendung. In den USA sitzen in Redaktionen und vor den Kameras vornehmlich Jungen und Mädchen; denn Kinder wissen am besten, so die Devise der US-Programmacher, was Kinder interessiert und was sie verstehen. So stellte sich die Reporterin Koco Eaton, 12, vor Washingtons Watergate-Hotel und erklärte ihren Altersgenossen in den von McDonald's gesponserten »Youth News« die Hintergründe des Skandals.

Doch solches Kinderspiel, und nicht nur das, war unter den Machern in Remscheid höchst umstritten. Nach Meinung der Münchener Professorin und Remscheider Gast-Dozentin Hertha Sturm können Kinder bis elf Jahre reales und irreales Geschehen auf dem Bildschirm überhaupt nicht unterscheiden -- da wäre »Pan Tau« dann Nachricht. Watergate ein Märchen und eine besondere »Tagesschau« für die Katz.

Eine von Kindern gemachte und präsentierte »Tagesschau« ist allerdings auch für den WDR-Kinderprogramm -- Redakteur Gert Müntefering »schlichtweg ein Schreckgespenst«. Aber »die Frage, wer die für Kinder wichtigen Neuigkeiten definiert«, gesteht Mohrhof, »bleibt bislang offen«.

So dürfte sich die ARD denn wohl auch wieder viel, viel Zeit nehmen, bis sie sich -- möglicherweise -- noch einmal zu einem Versuch mit fernsehgerechten Kinder-Nachrichten aufraffen wird: So lange will die unternehmungsfreudige TV-Redakteurin Schwarz in Stuttgart nicht warten. Beim SDR hat sie in den letzten Monaten »verschiedene Formen von Kinder-Nachrichten ausprobiert«. In »engem Kontakt« mit Zeitungsjournalisten und der hauseigenen Nachrichten-Redaktion läßt sie derzeit noch Programme auf Probe produzieren. Die endgültige Form, »unheimlich schwer zu finden«, steht noch nicht fest.

Wohl der Starttermin. Zum Herbst will Frau Schwarz ihre neue Sendeform in Süddeutschlands dritten Kanal einschleusen: »Wir springen dann einfach ins Wasser.«

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