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Fernsehen: Mit 30 Programmen ins Paradies?

Mit Pilot-Projekten in vier Großstädten soll in der Bundesrepublik das Kabel-Fernsehen getestet und der Bildschirm erstmals auch für kommerzielle Interessen freigegeben werden. Noch sind die geplanten Versuche, in die Multi-Millionen investiert werden müssen, juristisch und finanziell nicht abgesichert. Ein bundesweiter Start der Kabel-Television, Mitte der 80er Jahre denkbar, könnte vom Satelliten-Fernsehen überrollt werden.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Eduard Zimmermann jagt Missetäter, Ernie schäkert mit Bert, Nowottny mit sich selbst. Gottes Wort zum, Höfers Worte am Sonntag. Der Aufsichtsbeamte hat sich vor der Sendung vom ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgerätes und der 49 Kugeln überzeugt -- das ist das deutsche Fernsehen, mit Tagesschau und Wetterkarte.

Zwischen »Heidi« und Hitparade, Krümelmonster und Pfarrer Sommerauer, zwischen Lembke, Löwenthal und all dem anderen Klimbim geht es über die Sender wie das TV-Ballett über die Show-Treppen: förmlich, pünktlich, schicklich,

Von 20 000 Angestellten für jährlich über zwei Milliarden Mark produziert und, vor allem, verwaltet, ist es ein wahrhaft deutsches Fernsehen: technisch geleckt, inhaltlich ausgewogen, mit portioniertem Programm und proportionierter Politik, mit Koordination statt Konkurrenz und peniblem Ritual statt spontanem Zugriff.

Fernsehen in Deutschland: praktisch längst in jedem Haushalt heimisch, Volkes beliebtester Müßiggang. Seine Farbqualität ist weltweit Spitze, der Ruf seiner Produktionen gediegen wie der von Daimler-Benz.

Dennoch: Im internationalen Vergleich droht die Bundesrepublik zum Entwicklungsland zu verkümmern und den Anschluß an die rapide Ausbreitung neuer, revolutionärer Kommunikationstechniken zu verpassen.

Die meisten der rund 20 Millionen bundesdeutschen TV-Haushalte sind immer noch auf bloß drei Programme angewiesen, die zudem erst nachmittags sichtbar werden und vor Mitternacht wieder dichtmachen. Dabei wäre es technisch längst kein Problem mehr, der deutschen TV-Klientel

* neben ARD und ZDF sämtliche Dritten Programme, die Sendungen der DDR, der Schweiz und Österreichs sowie anderer westeuropäischer Nachbarn zugänglich zu machen,

* Kleinkinder, Gymnasiasten, Studenten und erwachsene Fortbildungswillige über den Bildschirm zu unterrichten und abzufragen, > Trabantenstädten und einzelnen Stadtvierteln ein eigenes Programm mit Lokal-Information und -Unterhaltung zuzuschalten,

* Minderheiten wie Briefmarkensammlern oder Taubenzüchtern gezielte Service-Sendungen anzubieten, > Bürgerinitiativen, Altenklubs und Emanzen über die Mattscheibe ein elektronisches Forum einzurichten, > schließlich den bislang passiven Konsumenten über einen sogenannten Rückkanal direkt mit dem Fernsehnetz zu verbinden und so, wie Brecht einst verlangte, den stummen Empfänger zum aktiven Sender umzupolen.

Wunschtraum den einen, den anderen Alp: die totale Kommunikation aus dem Sessel, der Sprung vom Massen- zum Individualmedium, zum vermenschlichten Bildschirm, den nicht länger nur staatlich kontrollierte Gemeinwesen beliefern, sendern auch kommerzielle Händler, Medien-Spekulanten, der Herr Jedermann, und sein Nachbar.

Nun ist die Vision keine Utopie mehr: Am Freitag vor Pfingsten gaben die Ministerpräsidenten der Länder, nach der Verfassung die Gralshüter der Funkhoheit, nach zweijährigem Gerangel grünes Licht für den Versuch mit einer Technologie, unter der sich mehr als die Hälfte aller Bundesdeutschen überhaupt nichts vorstellen kann: dem Kabelfernsehen.

Kabelfernsehen, so definierte eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission das aktuelle Schlagwort, »ist die Verteilung von Rundfunkprogrammen über Kabelsysteme, in denen neben den ortsüblich empfangbaren Programmen weitere am Ort drahtlos normalerweise nicht empfangbare -- oder neue -- Programme übertragen werden«.

Lokalprogramm der Gemeinde Melick-Herkenbosch.

Großantennen fangen ferne, für gewöhnliche Dachantennen unerreichbare Sendungen auf, in Studios werden eigens Programme abgespielt oder produziert, das Ganze wird über Kabel in die Wohnung geleitet, wo der Gerätebesitzer die Bilderflut aus einer Steckdose zapft wie heute den Strom.

Mit einer modernen Variante jenes Kupferdrahts. durch den Thomas Edison einst seine ersten Telephonate ausprobierte, sollen nun jeweils rund 10 000 Haushalte in den Städten Berlin, München, Mannheim/ Ludwigshafen und Köln oder Wuppertal verkabelt werden und über die exklusiven Leitungen Anschauungsmaterial jeder nur erdenklichen Art beziehen und, in Grenzen, auch von sich geben können.

Doch auch nach dem -- zögernden -- Ja-Wort der Landesherren kommt das Kabel in Deutschland nur langsam voran. Mag der Start der Pilotprojekte auch beschlossen sein, bei den heikelsten Fragen -- wer darf mitmischen? Wer wird kontrollieren? Wie werden die Erfahrungen ausgewertet? -- fehlt der Konsens. Vor allem umgingen die Ministerpräsidenten peinlich das Problem der Finanzierung. Denn das Experiment, ließ Berlins Regierender Bürgermeister Stobbe überschlagen, »sei keine Sache, die mit ein paar Millionen über die Bühne geht«. Es darf wohl etwas mehr sein.

In Bayern und Nordrhein-Westfalen, wo vermutlich die etablierten Sender BR und WDR die Kabel-Projekte allein durchführen werden, dürften die Anstalten tief in die Funkhauskassen greifen und sicher schon bald wieder Gebührenerhöhung fordern.

In Berlin und Mannheim dagegen, wo sich die zuständigen Sender mit Privat-Interessenten wie Verlegern, Film- und Plattenfirmen in das neue Medium teilen sollen, ist die Geldfrage völlig offen. Schon hat sich Hessens Landeschef Holger Börner (SPD) aus verfassungsrechtlichen Gründen geweigert, das Risiko kommerzieller Privatiers bei den Kabel-Experimenten mit öffentlichen Gebühren abzusichern. Schon fordert Börners CDU-Kollege Stoltenberg für die vier Pilotprojekte »vergleichbare finanzielle Bedingungen« also nirgends oder überall den Einsatz von Rundfunkgeldern.

Auch die Frage, ob und in welchem Umfang Werbung, möglicherweise sogar lokale Reklame, zur finanziellen Aufstockung zugelassen werden soll, blieb bislang ohne Antwort.

Selbst die juristischen Konstruktionen für die Kabel-Veranstalter wirken noch wacklig: Soweit private Programm-Macher überhaupt zugelassen werden, dürfen sie ihre Sendungen nicht selbst verantworten, sondern müssen das entscheidende letzte Wort »zum Zweck der Koordinierung und Überwachung« (so der Staatsvertrag-Entwurf) einer neuartigen, öffentlichrechtlichen Dachorganisation mit Rundfunkversammlung, Vorstand und Geschäftsführer überlassen.

»In jedem Wort, in jedem Satz« des vieldeutigen Ergebnisprotokolls sah Berlins Stobbe denn auch »Welten begraben« -- und mancher Skeptiker gar, nicht ganz zu Unrecht, auch alle Hoffnungen auf einen baldigen ätherlosen Fernseh-Frühling.

Wenn die Pilotprojekte ihren Zweck, alle Möglichkeiten des Kabelfernsehens bei Machern und Konsumenten zu testen, erfüllen sollen, müssen aus Gebührenaufkommen, Privathand und Werbeetats Millionen lockergemacht werden -- für das vorerst exklusive Vergnügen einer verschwindend kleinen, durch geographischen Zufall begünstigten Zuschauerschaft.

Vielleicht spendiert der Bund auch Steuergelder. In der Hoffnung auf Bonner Zuschüsse gründeten die Ministerpräsidenten jedenfalls rasch eine neue Kommission, die nun bei Innen-, Post-, Forschungs- und Finanzministerium um eine Gabe anklopfen soll.

Solange gefeilscht werden muß, dürfte auch das Palaver nicht verebben, das die Reizvokabel Kabelfernsehen von Anfang an begleitet hat. Erstmals in der noch kurzen Geschichte der Massenkommunikation stand hier nämlich ein Medium zur Verfügung, das technologisch reif, ideologisch hingegen unbewältigt war.

Die Sozialdemokraten, empörte sich der CDU-Mediensprecher Christian Schwarz-Schilling, wollten aus »ideologischen Motiven« das »öffentlichrechtliche Monopol auch für den Bereich der neuen Medien zementieren«.

Die CDU, konterte SPD-Vorstandssprecher Lothar Schwartz, betreibe »die Demontage des bewährten öffentlich-rechtlichen Systems« und verfolge über das Kabel »engstirnige und eigensüchtige Machtpolitik«.

Eine »grundlegende Umwälzung der Medienstruktur in Richtung auf eine Teilprivatisierung« schwarzmalte der WDR-Intendant und ARD-Vorsitzende Freiherr von Sell (SPD). Das Kabelfernsehen, sorgte sich DGB-Chef Vetter, werde zum »Einfallstor der Privatisierer«. Wenn via Kabel erst einmal das Monopol von ARD und ZDF gebrochen sei, frohlockte CDU-MdB Gerold Benz, könne ein Begriff wie »Kapitalismus« nicht mehr zu einem negativ besetzten Schlagwort gemacht werden. Kabel mit Rechtsdrall?

Und natürlich ging es wieder einmal ums Geschäft. Schwarz-Schilling lockte mit der »Schaffung von Tausenden neuer Arbeitsplätze«, der Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie schwärmte von »beachtlichen geschäftsbringenden Exportchancen«. Immerhin dürfte die totale Verkabelung der Bundesrepublik wenigstens 25, vielleicht 100 Milliarden Mark kosten.

Ist »unser Problem«, fragte da SPD-Börner wie ein Mahner in der Wüste, »wirklich ein Zuwenig an Information, Bildung und Unterhaltung«, oder leide die Gesellschaft »nicht vielmehr schon jetzt an einem Überange-. bot an Zerstreuung' das die meisten nur schwer den Weg zur Muße und schöpferischen Tätigkeit finden« lasse.

Bayerns Katholiken teilten die Skepsis des Genossen: Die »totale Information und Kommunikation« wäre »anthropologisch« vielleicht gar nicht mehr »zu verkraften«. Die »medienpolitischen Konsequenzen« hielt der heutige Forschungsminister Volker Hauff schon vor Jahren für so »weitreichend, daß von einer »Systemveränderung' gesprochen werden muß«.

Nur -- verändert wohin? In das so oft verheißene Kommunikations-Paradies, wo das Kabel den Bürger endlich mündig macht und der Draht den einzelnen aus seiner Isolierung führt? Oder in ein illustriertes Inferno, in dem das Weltbild endgültig auf die Maße der Braunschen Röhre schrumpft?

Weltanschauliche Untermalung begleitet -- zumindest in der Bundesrepublik -- das Comeback des Kabels, das vor Jahrzehnten noch als primitiver Ton-Leiter weit verbreitet war. »Drahtfunk« belieferte in den 30er Jahren viele Volksempfänger und übermittelte im Zweiten Weltkrieg, als die Freiluft-Sender häufig ausfielen, die Bevölkerung mit den neuesten Nachrichten über feindliche Bombergeschwader.

Nach Kriegsende verbreiteten die Amerikaner über das »Drahtfunksystem im Amerikanischen Sektor Berlin« (DIAS) ihr demokratisches Kontrastprogramm auf 27 000 intakt gebliebene Anschlüsse. Erst die hochqualifizierte Ultrakurzwelle machte den Drahtfunk schließlich entbehrlich. 1963 wurde er in der Bundesrepublik. 1966 in West-Berlin eingestellt.

Zu jener Zeit fand der Kupfer-Leiter in den USA längst wieder regen Zuspruch. Ein Unternehmer in Palm Springs hatte es satt, durch eine Gebirgskette vom Empfang der zehn TV-Programme abgeschnitten zu sein, die die Bewohner von Los Angeles, gut 150 Kilometer weiter westlich, über ihre Antennen einfingen. Er setzte eine Spezial-Antenne auf einen nahe gelegenen Hügel und bot die damit aufgeschnappten zehn Programme der kalifornischen Metropole gegen geringes Entgelt auch seinen Nachbarn an.

Das Experiment machte Schule. Wo immer geographische Hindernisse einen einwandfreien Empfang beeinträchtigten, wurden große Gemeinschaftsantennen installiert und von diesen Kabel in Hochhäuser und Bungalows geführt. Als das Farbfernsehen die Ansprüche an die Empfangsqualität noch steigerte, ließen sich auch die Bewohner von sonst gut versorgten Millionenstädten wie New York willig ans Kabel legen: Es garantierte einen sauberen Bildschirm.

Allerdings: Kaum ein Kabel war ausgelastet. Fast alle boten Platz für Zusatzprogramme. Anfangs wurden nur Übertragungen von lokalen Sportveranstaltungen eingespeist, dann Spezial-Dienste für schwarze und südamerikanische Minoritäten, schließlich ganze Tagesprogramme gesendet.

Inzwischen bestehen in über 7000 amerikanischen Städten weit über 4500 Kabel-Systeme, an die rund 17 Prozent aller US-Haushalte angeschlossen sind. Weltweit beachtetes Modell zukünftiger Kabel-Entwicklung ist das »Qube«-System in Columbus, Staat Ohio, das 30 verschiedene Programme offeriert (siehe Seite 242).

In der Kabel-Dichte hat Kanada die USA inzwischen überrundet. In manchen Städten sind vier von fünf Haushalten an den TV-Draht geschweißt. In Japan beziehen über eine Million Haushalte ihre Television via Kabel.

In der holländischen Gemeinde Melick-Herkenbosch wird seit Februar 1974 ein vom Kultusministerium unterstütztes Lokal-Fernsehen über Kabel erfolgreich getestet. Eine Sonderstellung nimmt Brüssel ein: Die meisten Einwohner der belgischen Hauptstadt können dank der städtischen Verkabelung bereits ein Dutzend in- und ausländischer Programme empfangen.

Von solch luxuriöser Bilderfülle ist die hochindustrialisierte Bundesrepublik Deutschland noch weit entfernt. Zwar wurden auch hier verschiedentlich Gemeinden (wie Rosenheim) oder Stadtteile (in Nürnberg, Hamburg, Düsseldorf) verkabelt -- doch nur um topographisch oder durch Hochhaus-Neubauten bedingte Empfangsschwierigkeiten auszuräumen. Für eine bescheidene Gebühr können die deutschen Kabelkunden störungsfrei ARD, ZDF und ein oder zwei Zusatzprogramme, etwa einen entlegenen dritten Kanal, beziehen -- mehr nicht.

Private Kabel-Spekulanten, die mit Hoffnung auf Gewinn selbstgemachte Programme in bestehende oder neue Kabel-Netze schleusen wollten, scheiterten bislang am bundesdeutschen Rechtsgrundsatz, daß Kabel-TV Rundfunk, dieser öffentlich-rechtlich und Sache der Länder sei. Die Hüter dieses hoheitlichen Funkbegriffs stützen sich auf das berühmte »Fernsehurteil«, mit dem das Bundesverfassungsgericht 1961 Adenauers Alleingang auf den Bildschirm rigoros stoppte.

Zwar konstatierten die Karlsruher Richter damals, es sei »von der Bundesverfassung nicht gefordert, daß Veranstalter von Rundfunksendungen nur Anstalten des öffentlichen Rechts sein können«. Aber »aus technischen Gründen« und »mit Rücksicht auf den außergewöhnlich großen finanziellen Aufwand« müsse »die Zahl der Träger solcher Veranstaltungen verhältnismäßig klein bleiben«.

Sie blieb exklusiv. Der Ludwigshafener Zeitungsverleger Schaub, der Anfang 1971 in den Schaukästen seines Verlagsgebäudes und in einer benachbarten Kneipe ein Privat-Programm verbreitete, gab die »gewisse Provokation« nach einem halben Jahr wieder auf -- angeblich »weil sich die ganze Geschichte nicht mehr rentiert« hatte.

Dem Fernseh-Produzenten Sontag wurde vom Berliner Senat die Lizenz für die Kabeldienste ausschließlich in einem einzigen Gebäude versagt, weil er »nicht den Zugang dritter Personen zu den betreffenden Wohnungen und den Empfangsgeräten kontrollieren« könne, das Publikum folglich nicht eingrenzbar' das Ganze also Rundfunk sei.

In Sennestadt bei Bielefeld untersagte die Düsseldorfer Landesregierung einen ähnlichen Versuch, als in dem fraglichen Hochhaus-Komplex gerade die Probesendungen angelaufen waren

»Klein aber fein« wollte der heutige Regierungssprecher Böllin, damals Intendant von Radio Bremen, in einer Bremer Trabantenstadt ein werktäglich viertelstündiges Lokalfernsehen über Kabel starten. Doch Politiker und Intendanten-Kollegen nahmen an dem »öffentlich-rechtlichen Pflock« (Bölling) in der kahlen Kabel-Landschaft Anstoß, Böllings »Fenster zum Nachbarn« (geplantes Programm-Motto) blieb geschlossen.

Zumindest die »technischen Gründe«, die die Karlsruher Verfassungswahrer einst aus dem begrenzten TV-Frequenzraum von UHF und VHF herauslasen, ziehen im Zeitalter der Kabel-Vision nicht mehr: Ein Koaxialkabel kann 30, ein Lichtwellen-Leiter aus Glasfaser, wie er bereits nahe der englischen Stadt Hastings verlegt worden ist, über 100 Programme aufnehmen.

Das oft mißdeutete Fernsehurteil, entschied inzwischen auch einer seiner Väter, der Karlsruher Richter Willi Geiger, sei von der Technik überholt und der Staat jetzt »von Verfassungs wegen verpflichtet, alles ihm Mögliche zu tun, damit sich der Bürger nach eigener Wahl objektiv und zuverlässig informieren kann«.

Indes: Eine rote Rohe macht noch kein Kabelfernsehen. »Die anhaltende Auseinandersetzung um den Rundfunkbegriff"' erläuterte der Medienkundler Langenbucher, werde »weniger von zukunftsweisenden, ordnungspolitischen Zielvorstellungen bestimmt« als vom »Versuch, bestehende Strukturen zu sichern und auszudehnen«.

Auch die 1974 von der Bundesregierung eingesetzte »Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems« konnte da kaum weiterhelfen. Zwei Jahre durchforsteten ihre 22 Mitglieder das juristische, ökonomische, politische und technische Dickicht, das den klaren Blick in die Zukunft der Kommunikation immer mehr zu verdecken drohte.

Ihre Recherchen und Prognosen füllen einen 237seitigen Bericht nebst acht Anlagebänden -- eine respektable Fleißarbeit voll Skepsis gegenüber dem Kabelfernsehen. Der Bedarf an mehr TV-Programmen, resümierte der Kommissions-Vorsitzende Eberhard Witte, »ist heute jedenfalls nicht in drängendem Umfang da«. So riet das Gremium von »völliger Untätigkeit« auf dem Kabel-Feld ebenso ab wie von einer totalen Verkabelung des Landes. Statt dessen empfahl es Pilotprojekte, auf die sich die Ministerpräsidenten jetzt endlich geeinigt haben. Doch zur gleichen Zeit, vielleicht Anfang der 80er Jahre, da in Berlin, München und Ludwigshafen die Kabel in die Erde gesenkt, in den Wohnungen die neuen Steckdosen angeschraubt und in den Studios der Kabelgesellschaften die Scheinwerfer angeschaltet werden, wird möglicherweise vom Himmel ein noch größerer Bildersegen kommen: aus Fernseh-Satelliten.

Schon Anfang 1977 haben die in der internationalen Fernmeldeunion vereinigten Länder auf einer Weltverwaltungskonferenz für Fernsehsatelliten in Genf den Äther aufgeteilt, sehen sind über Indien, Brasilien und den USA erste Prototypen in Umlauf.

Von nationalem Rechts-Gezänlk und provinziellem Monopol-Denken kaum gebremst, unbeeinflußt von Proporz-Sorgen und Ausgewogenheits-Gerede, werden diese Himmelssender in 36 500 Kilometer Höhe auch über der Bundesrepublik stehen und senden, was das Zeug hält. Im Wettlauf mit dieser Television aus dem Kosmos könnte das Kabelfernsehen, zumindest im spät erwachten Deutschland, den kürzeren ziehen, noch bevor es voll im Einsatz ist.

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