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Fernsehen: ZDF im Würgegriff?

Ein privater Medien-Monarch herrscht auf dem Lerchenberg. Er hat beim ZDF Redakteure und Programmdirektoren am Gängelband. Mit Geld und Geschick hat der Filmhändler und TV-Produzent Leo Kirch die Branche in Furcht oder Abhängigkeit versetzt. In Mainz macht seine Firmengruppe jährlich 120 Millionen Mark Umsatz.
aus DER SPIEGEL 19/1976

Er läßt sich im Mercedes 600 kutschieren und speist gern im Grill des »Bayerischen Hofs«. Doch seinem Schneider Michael Hussmüller am Münchner Maximiliansplatz schreibt er für Anzüge unauffällige englische Tuche vor; und wenn Kameras klicken, wird er unsichtbar. Anonym gedeiht sein Geschäft.

Auch an einem für ihn wichtigen Tag, am 6. November vergangenen Jahres im ZDF, wartete Dr. Leo Kirch, 49, Filmkaufmann, Fernsehproduzent, mehrfacher Millionär und Freund der CSU-Fürsten Strauß und Zimmermann, bescheiden beim Unterhaltungschef Peter Gerlach im dritten Stock.

Droben, in der 14. Etage des ZDF-Hochhauses auf dem Mainzer Lerchenberg, präsentierte Intendant Holzamer dem Verwaltungsrat einen neuen, angeblich parteiunabhängigen Programmdirektor -- »im Überrumpelungsmanöver wie ein Kaninchen aus dem Hut« (so ein Ratsmitglied).

Das Kaninchen hatte Leo Kirch eigens im eigenen Mystere-Jet aus Wien eingeflogen. Gerd Bacher, konservativer Ex-Generalintendant des Österreich-Funks ORF, harrte nur acht Meter vom Ort der Handlung entfernt -- bei Ursula Grothaus, Holzamers persönlicher Referentin, seiner Ernennung; der Sekt für die Siegesfeier war schon kaltgestellt. Doch dann scheiterte das Spiel: Als die vier SPD-Ratsherren Nein sagten, praktizierte Hans-Dietrich Genscher als FDP-Vertreter Koalitionstreue. CDU-Chef Kohl zahlte die Zeche. Er stellt den Verlierer als Wahlpublizisten an.

Dabei zu helfen, wenn CDU/CSU und FDP einen Kirch durch viele gemeinsame Geschäfte vertrauten Programmdirektor im Zweiten Deutschen Fernsehen installieren -- damit hätte der Filmkaufmann sein zweifellos imponierendes Lebenswerk gekrönt. Der »Howard Hughes of Germany« (so die Münchner »Abendzeitung") gebietet über ein Firmen-Imperium gigantischen Ausmaßes. Mit seinen vier Stammhäusern Beta-Vertrieb, Beta-Technik, Taurus und Unitel sowie eine Fülle von Neben- und Zweigfirmen mit undurchsichtigen Beteiligungsverhältnissen macht er rund 250 Millionen Mark Umsatz pro Jahr.

In einem winzigen, karg möblierten Büro in der Münchner Kardinal-Faulhaber-Straße regiert er unerkannt und beinahe allmächtig Wie ein kleiner Herrgott des deutschen Film- und Fernsehgeschäfts. Er dealt mit Produzenten, Händlern, Redakteuren und vielen Mächtigen in ARD und ZDF. Und er ist, auch ohne Bacher, schon jetzt der heimliche Herrscher auf dem Mainzer Lerchenberg.

Dank Leo Kirch, der es bisher verstanden hat, jeden ZDF-Programmdirektor für sich einzunehmen, haben wir längst eine Spielart des kommerziellen Fernsehens in der Bundesrepublik. Fortwährend melkt er die öffentlich-rechtlichen Kühe: Was Holzamer sendet, wird für gutes Geld zu einem Gutteil von Kirch beschafft. Ob Spielfilm, Oper oder Krimi-Import, TV-Konzert, Werberahmen- oder Kinderprogramm: Überall ist die Kirch-Firmengruppe so stark vertreten, daß ihr Mainzer Programmanteil einem Monopol nahekommt. Er habe, klagen seine Konkurrenten, das ZDF »im Würgegriff«.

Die meisten US-Serien, etwa »Bonanza«, »Kung Fu«, »Lassie« und »Flipper«, kommen über diesen Filmhändler in den zweiten Kanal. Im Kinder- und Jugendprogramm (Jahresetat: etwa 25 Millionen Mark) beträgt der Kirch-Anteil rund 80 Prozent; ähnlich hoch wird sein Spielfilm-Aufkommen eingeschätzt. Für Opern und Konzertproduktionen hat ihm die Abteilung »Theater und Musik« mit Billigung der Anstaltsleitung ein jährliches Budget von knapp zehn Millionen Mark zugestanden, für das er im voraus -- undenkbar bei anderen Produzenten -- oft nicht einmal Titelvorschläge einreichen mußte.

Allein 1974 hatte die Kirch-Gruppe mit dem ZDF Verträge über 120 Millionen Mark gemacht. Das war mehr als ein Drittel der Summe, die Mainz in jedem Jahr insgesamt für direkte Programmaufwendungen zur Verfügung hatte (294 Millionen) und weit mehr als der Gesamtposten für Fernsehproduktionen etwa des WDR (88,5 Millionen).

Nur ein Teil dieser Abschlüsse, nämlich über 46 079 913 Mark, entfiel auf Kirchs Stammfirma Beta/Taurus direkt. Die restlichen Verträge betrafen entweder Firmen, die ihm mehrheitlich gehören (Unitel mit Abschlüssen über 11,57 Millionen, Iduna-Film mit 6,38 Millionen) oder Gesellschaften, die existentiell von ihm abhängig sind.

Das geht unter anderem so: Die Kinderserie »Kli-Kla-Klawitter«, von Beta fürs ZDF entwickelt, gab der Christsoziale Kirch mit erheblichem Gewinn zur Produktion an die »TV-60« des Sozialdemokraten Claus Hardt. Hardt ist Vorsitzender des deutschen Fernsehproduzentenverbandes und lebte eine Zeitlang überwiegend von dieser Serie. Nach 52 Folgen wird »Kli-Kla-Klawitter« dieses Jahr eingestellt, aber die Nachfolgeserie hat das ZDF »TV-60« schon zugesagt.

Andere Firmen, auch weit entfernte wie Argos in Paris oder Szikuti in Japan, übernehmen Vertriebs- oder Zulieferaufträge für Kirch-Produkte -- oft kräftig geknebelt. Erst kürzlich gestand der Geschäftsführer des Filmverleihs Wagner-Hallig in Bad Soden, dessen Stiefsohn für Beta in den USA arbeitet, einem ARD-Redakteur: »Leo setzt uns geschäftlich ungeheuer unter Druck.«

Vielleicht kennt nur Leo alle (mutmaßlich 25) Unternehmen, die sein Weltreich ausmachen und seine Macht begründen. Jedenfalls hat nur er für sie alle den direkten Zugang zu den Finanzpfründen des ZDF.

Mit dem Mainzer Sender kam er in der ZDF-Startphase 1963 ins Geschäft. Der damalige Programmdirektor Ulrich Grahlmann, der zwei Jahre später wegen »anstaltsschädigenden, vertragswidrigen Gesamtverhaltens« den Hut nehmen mußte, gab Kirch einen Auftrag über 15 Millionen Mark. Das ZDF lagerte dafür einen Vorrat von 300 Lichtspielen ein. Während aber die ARD den Kirch-Anteil an ihrem Spielfilmprogramm administrativ beschränkte (auf derzeit 25 Prozent), wurde das Beta-Monopol auf die ZDF-Filmbeschaffung durch Paketkäufe und Sonderabschlüsse unter den folgenden Programmdirektoren Viehöver und Prager nur weiter ausgebaut.

Das soll wohl auch so bleiben. Bereits vor seinem Amtsantritt am 1. März dieses Jahres machte der neue ZDF-Programmchef Dieter Stolte -- vergangenen Silvester gegen 17 Uhr -- bei Kirch in St. Moritz einen stillen Besuch. Bald darauf, im Februar, lag das Angebot eines neuen Beta-Filmpakets im Wert von 30 Millionen Mark, zahlbar hälftig in den Jahren 1977 und 1978, beim ZDF auf dem Tisch. Jetzt will der Kaufmann die Kohlen gegen Bankbürgschaft sofort.

Gewiß bringt der Pauschal-Deal mit Kirch dem Sender manchen Vorteil. Dessen Späher sind für den Einkauf von Rechten bei sämtlichen internationalen Film-Messen und -Festivals vor Ort, die Mainzer mithin meist schneller als die ARD-Konkurrenz am Ball. Auf seine Kosten bereisen namhafte deutsche Medien-Journalisten oder festangestellte Fernsehredakteure den Globus -- zu Kirchs Gewinn.

Jedes Lichtspiel kostet bei Beta im Paketkauf, die Mainzer wissen es zu schätzen, jetzt einheitlich 126 000 Mark. Doch auf einen Hit kommen viele Luschen, die das Programm belasten und -- wenn überhaupt nötig -- viel billiger zu haben wären. Für Kirch macht's die Menge: Der Zwischenhändler macht immer einen goldenen Schnitt.

Welcher Produzent sein Produkt aber direkt nach Mainz verkaufen möchte, wird vom Filmeinkäufer Hans Blank an Beta verwiesen. Blank, nebenbei Besitzer und Verpächter eines einträglichen Weingutes in Erbach/Rheingau, war einst wegen unlauterer Manipulationen aus der Wiesbadener Filmbewertungsstelle gefeuert worden. Er sitzt heute im ZDF an der Schaltstelle zu Beta.

Ohne Kirch und seine Mainzelmänner, die Branche weiß es, geht nichts auf dem Lerchenberg. Nachdem etwa Intendant Holzamer 1973 mit dem sowjetischen Fernsehen in Moskau Direktkäufe ausgehandelt und die ZDF-Hauptabteilung Dokumentarspiel auf die SU-Spionageserie »17 Tage im Frühling« optiert hatte, vereinbarte Filmbeschaffer Blank eine Vorführung der Synchronfassung für ZDF-Redakteure beim Ost-Berliner TV-Funk.

Blank zu den ZDF-Emissären: Alle Sowjetfilme seien über Herrn Gambaroff, Pegasus-Film Berlin, abzuwickeln, der aber habe ein Exklusivabkommen mit Kirch. Schon in West-Berlin wurden die Dokumentarspiel-Redakteure sodann von einem Beta-Bevollmächtigten in Empfang genommen und nach Ost-Berlin eskortiert. »Wir würden«, erklärte ihnen der dortige TV-Verkaufsleiter Silbermann, »ja lieber direkt mit euch abschließen, aber ohne die Münchener Mafia geht es bei euch ja wohl nicht.«

Beim Prix Italia 1971 in Venedig war ZDF-Kulturchef Wolfgang Brobeil von einem mehrteiligen italienischen TV-Spiel über Leonardo da Vinci beeindruckt und beantragte die Stoffzulassung für den Ankauf beim Programmdirektor Viehöver. Daraufhin telefonierte ein Beta-Abgesandter mit der italienischen RAI und erklärte: »Sie machen das Geschäft mit dem ZDF über uns oder gar nicht.« Als RAI-Vertriebschef Ernesto Braun, ein früherer ZDF-Mitarbeiter, ablehnte, wies Viehöver das Projekt prompt zurück. »Leonardo da Vinci« ging an die ARD.

Jüngst lehnte die ZDF-Hauptabteilung »Theater und Musik« den von der Hamburger Polytel für 500 000 Mark angebotenen Ingmar-Bergman-Musikfilm »Die Zauberflöte« als zu teuer ab. Kirch offerierte denselben schon fertigen Film als Projekt einer Neuproduktion für 900 000 Mark. Das ZDF kaufte -- für 800 000 Mark (und der gleiche Trick verfing beim Wiener ORF).

Nach Vertragsabschluß ließ Kirch die Mainzer Herren wissen, es habe sich mittlerweile herausgestellt, daß die »Zauberflöte« auch zur Kino-Auswertung geeignet sei. Er bitte also, den bereits bezahlten Film erst in frühestens einem Jahr zu senden. Auch das wurde ihm zugestanden.

Drei Beispiele von vielen, und alle werden von der ZDF-Spitze gedeckt. Als der SPIEGEL (27/1970) vor bald sechs Jahren erstmals über Beta-Mauscheleien im ZDF berichtete, wiegelte Intendant Holzamer vor dem Verwaltungsrat ab, die Verdächtigungen seien »sämtlich ungerechtfertigt«. Als SPD-Fernsehrat Wilhelm Dröscher Ende letzten Jahres den Intendanten ersuchte, auf neuerliche, in einem ARD-Fernsehreport vorgetragene Kritik am Beta-Monopol im ZDF zu antworten, entgegnete Holzamer, er sehe »keine Veranlassung, in einer Sendung der ARD die interne Geschäftspolitik des ZDF unter Preisgabe unserer Geschäftspartner zum Gegenstand einer Untersuchung zu machen«.

Die Katholiken Holzamer und Kirch, so heißt es, pilgerten gelegentlich gemeinsam zur Morgenmesse, Kirch trägt in der Branche daher den Spitznamen Kathedralowitsch. Insider reden im Zusammenhang mit diesen beiden, dem Kohl-nahen Planungschef Alois Schardt und dem Chef der Programmwirtschaft Alfred Hauss von einer Kumpanei in catholicis«. Wenn diese Personen einig sind und mit dem jeweiligen Programmdirektor übereinstimmen, gibt es fürs ZDF-Programm kaum eine andere Kontrollinstanz.

Durch einen Organisationsfehler der Mainzer Anstalt sind Ausgabe und Kontrolle der Programm-Mittel dort in einer Hand. Das Geld steht der Programmdirektion direkt zur Verfügung und kann vom Verwaltungsdirektor nicht überwacht werden. Das schwarze Kartell segnet daher wohl auch ab, wenn es bei Kirch-Kontakten immer wieder Merkwürdigkeiten gibt.

So kam es schon in den sechziger Jahren vor, daß das ZDF von Beta bezogene Filme -- etwa die Serien »Zauber-Karussell« und »Pat und Patachon« -- billig an die Firma zurückverkaufte, um sie später teuer wiederzuerwerben. Noch heute liefert Beta mitunter Filme in technisch mangelhaften Sendekopien an, die vom Sender zur Aufbereitung nach München zurückgeschickt werden. Beta kassiert dafür beträchtliche Bearbeitungsgebühren und reicht manchmal kurz vor der Sendung dann doch wieder die alten Kopien ein.

ZDF-Redakteure reagieren auf derlei Kirch-Spiele, so einer von ihnen zum SPIEGEL, »mit ohnmächtigem Zorn«. Vor allem verdrießt sie, »daß diesem Anbieter Summen gezahlt werden, die schlichtweg unvernünftig sind«

Die Kinderserie »Karlsson auf dem Dach« etwa -- die dritte Folge wurde letzten Sonntag gesendet -- brachte Kirch zu einem Minutenpreis von 5 540 Mark ins Programm. Die Serie »Kim«, 26mal 25 Minuten, kostete bei ihm 1974 pro Minute 5 200 Mark -- aber schon 3 500 Mark, kalkuliert ein Fachmann, »wären ein angemessener Preis«. Da die Durchschnittsminute in der ZDF-Hauptabteilung Kultur 1974 mit 3 260 Mark zu Buche schlug, läßt sich sagen: Kirchs Produktionshonorare sind um mehr als ein Drittel zu hoch.

Trotz derart stattlicher Aufwendungen erhält das ZDF dafür von den Beta-Firmen immer nur die deutschen Senderechte. Das große Geschäft liegt jedoch auf dem Weltmarkt. Dort kann Kirch die total bezahlten Filme nochmal und nochmal auf eigene Rechnung verkaufen, während andere Produzenten wie der Kölner Hans Hermann Köper (bei der Kinderserie »Robinzak« beispielsweise für rund 100 000 Mark pro Sendung) die Weltrechte ans ZDF mitverkaufen müssen.

»Wir könnten«, sagt Köper, »jeden Beta-Preis erheblich unterbieten, und es würde uns dabei immer noch gut gehen. Aber wir kommen ja kaum zum Zuge.«

Kirch ist inzwischen unter anderem deshalb in Mainz fast unschlagbar, weil er Stoffe und Stars vielfach exklusiv anbieten kann. Er setzt die Redaktionen zudem mit der Drohung, dem ZDF bei Abnahmeverweigerung publikumswirksame Stücke wie »Bonanza« zu entziehen, unter Druck.

Die Berliner und die Wiener Philharmoniker, das Chicago Symphony Orchestra sowie der Dirigent Karl Böhm stehen bei der Kirch-Firma Unitel für weltweite Fernseh- und Kassettenrechte unter Exklusivvertrag. Herbert von Karajan ist mit 49 Prozent Kirchs Teilhaber bei Cosmotel. Leonard Bernstein hat für Unitel erst letzten Herbst (Gesamtpreis fürs ZDF: fünf Millionen Mark) alle zehn Mahler-Symphonien dirigiert.

Und wenn's mal schwer wird, das ihm zugestandene gewaltige Musik-Sendevolumen mit teuren Opern, Operetten und Konzerten zu füllen, schiebt der externe Programmchef auch ohne schriftliche Abmachung mal eben für zwei Millionen Mark 13 Stunden Balanchine-Ballett ins ZDF. Programmdirektor Viehöver, so argumentierte Kirch bei dieser Gelegenheit, habe ihm kurz vor seinem Tod mündlich den Auftrag dazu erteilt.

Mit den leitenden Herren in Mainz stand Kirch schon immer auf familiärem Fuß. Viehöver pflegte gern mit einem der beiden Beta-eigenen Mystere-Jets zu reisen. Er war auch, unter anderem nach seiner Hochzeit mit der Chanson-Diseuse Rut Rex, in Kirchs Appartementhaus in St. Moritz-Surlej ein lieber Gast.

Dort oben, beim üppigen Dinner und zwischen Kathedralowitschs erlesenen Kunstschätzen, wurde so manches ZDF-Ding gedeichselt. Kirch lud Viehöver, Karajan und den ehemaligen Wiener ORF-Direktor Helmut Zilk zu Koproduktionsabsprachen gern zu sich. Er ist ein glänzender Gastgeber, ein charmanter Plauderer und ein Mäzen, der für seine Lieben und deren Angehörige trefflich sorgt -- sogar noch postum, wenn es ihm unmittelbar gar nichts mehr bringt.

Yvonne, Viehövers Tochter aus erster Ehe, studiert auf Kirch-Kosten an der Münchner Journalistenschule. Familie Prager hat sich nach dem Ableben des Viehöver-Nachfolgers in einer Kirch-Villa nahe Albufeira an der portugiesischen Algarve erholt.

Für seine Freunde in den Medien hat »Onkel Leo« immer ein sonniges Plätzchen parat: in St. Moritz, auf Korfu oder in Jugoslawien, auch (besonders zu den Filmfestspielen) auf seinen beiden Jachten im Hafen von Cannes. Manch ein Prominenter könnte von Leos Großzügigkeit künden: Der Münchner Kulturkritiker Joachim Kaiser zum Beispiel residierte erst kürzlich auf Beta-Kosten im New Yorker Plaza-Hotel -- mit einem 300-Dollar-Tagesspesensatz.

Denn die Beta versteht sich nun einmal als »eine große Familie«. Zehnerkisten mit »Volkacher Ratsherr« vom fränkischen Weingut des Kirch-Bruders Franz signalisieren den ZDF-Angehörigen zu Weihnachten als »geheimes Verständigungsmittel«, wer (neben wenigen Kirch-ferneren Wein-Liebhabern) alles dazugehört.

Zum Beispiel vom Serienredakteur Joachim Tettenborn, vom Unterhaltungsredakteur Gert Mechoff (der die von Beta gelieferten »Dick-und-Doof«-Filme betreut), natürlich vom Film-Einkäufer Hans Blank sowie vom Kinderprogramm-Chef Josef Göhlen weiß die Branche, daß sie dem Herrn aus München gewogen sind. Göhlen ist der wohl prominenteste Passagier auf dem gutgeschmierten Beta-ZDF-Personalkarussell.

Der Hobby-Kinderbuchautor ("Bill Bo und seine sechs Kumpane") hatte vor seinem Amtsantritt in Mainz für Beta die Serie »Kli-Kla-Klawitter« entwickelt, die er nun schön regelmäßig auf dem Bildschirm plaziert. Seine Lebensgefährtin Andrea Wagner, Tochter des CSU-Politikers Leo Wagner, besorgt derweil in München weiter die Produktion.

Als Poppe Berg, Leiter des Auslandsvertriebs im finnischen Fernsehen, dort hatte gehen müssen, machte er zunächst bei Beta Station. Nachdem er die Leiterin der ZDF-Abteilung »Programmaustausch Eurovision«, Lucy Camponovo, geheiratet hatte, ließ er sich selber in Mainz anstellen -- als Referent in der Abteilung »Auslandsvertrieb«. In München-Unterföhring liegen die Werkstätten von Beta und ZDF Tür an Tür. Aber auch ohne solch gute Nachbarschaft wäre für Eingeweihte offensichtlich, daß die beiden Häuser infolge geschickter Personalpolitik schon beinahe identisch sind.

Da ist etwa Helmut Siebler, früher ZDF-Redakteur in der Abteilung »Konzertante Musik": Er arbeitet jetzt für Beta. Sein Zwillingsbruder Gerhard Siebler hat in Mainz unverändert die Abteilung »Honorare und Lizenzen« unter sich. Aber das Fräulein Moltkau, einst Honorar-Sieblers engste Mitarbeiterin, hat sich mit all ihren ZDF-Intimkenntnissen gleichfalls zu Kirch davongemacht.

Nicht genug: Eva Kalthoff, die im Mainzer Kinder- und Jugendprogramm früher die Beta-Serien »Flipper«, »Daktari« und »Lassie« betreute, fand nach ihrer Pensionierung bei Kirchs »Arena-Synchron« einen neuen Job. Zu ihm ging Frau Barrera-Vidal, jahrelang rechte Hand des Filmeinkäufers Hans Blank. Demnächst folgt Heinrich Krauss, bislang Leiter der katholischen Redaktion »Kirche und Leben«. Und Inge Kaiser, die Tochter des Mainzer Technischen Direktors, sitzt bei Beta/Taurus im Besetzungsbüro.

Derart mit dem Lerchenberg verschwistert und verschwägert, wäre es ein Wunder, wüßte Leo Kirch nicht binnen Minuten über alle für ihn interessanten ZDF-lnterna Bescheid. Wenn in Mainz ein Film oder eine ausländische Serie auch nur als vage Programmidee diskutiert wird, hat Beta sie schon gekauft. »Die waren schon immer«, erinnert sich Ernesto Braun in Rom, »schneller als die Hauspost«

Allzu enge Kirch-Kontakte können für öffentlich-rechtliche Angestellte jedoch auch anstrengend und mitunter sogar gefährlich sein. 1970 mußte sich Programmdirektor Viehöver durch die drastische (nach einem Arbeitsgerichtsprozeß später zurückgenommene) Kündigung eines Mitarbeiters gegen das Gerücht wehren, seine mit 465 000 Mark Hypotheken belastete Wiesbadener Villa sei »von einem freien TV-Produzenten mitfinanziert« worden (SPIEGEL 26/1970).

Daß Kirch ZDF-Angestellte mit Tausendmark-Scheinen freundlich zu stimmen versuchte, hat der SPIEGEL (27/1970) bereits vor sechs Jahren unwidersprochen publiziert. In der Zwischenzeit wurde der Filmeinkäufer des Wiener ORF, Hans Trilety, wegen solcher Einnahmen entlassen. Nachdem Trilety, zugleich Ko-Geschäftsführer der Kirch- Konkurrenz Telepool, Beta nicht mehr botmäßig sein wollte, legte der Wiener Kirch-Bevollmächtigte Leopold Blechinger (Jupiter-Film) beim Sender Trilety-Quittungen für dreimal 10 000 Schilling Schmiergelder auf den Tisch.

Danach betrug der Beta-Filmanteil im ORF wieder gut 70 Prozent. Noch vor seinem Ausscheiden schanzte Intendant Bacher seinem Freund Kirch noch einmal Verträge über rund 800 Programme zu -- ein paar Glanzstücke und viel beinahe unsendbaren Schund. Allein für die Musikredaktion wurden für 88 Millionen Schilling (12,3 Millionen Mark) so viele Unitel-Produkte ins Archiv geschaufelt, daß auf lange Zeit keine aktuellen Aufträge vergeben werden können.

Einem anderen ORF-Mitarbeiter, der in einer Koproduktionssache seinem Sender, mittelbar damit aber auch Beta dienstbar werden wollte, bot Kirch »für Ihren persönlichen Einsatz« -- erfolglos -- Bargeld an. Und erst kürzlich wieder lagen den technischen Unterlagen bei einer Beta-Filmabnahme im ZDF mehrere große Braune bei. Die Tausender wurden, vor aller Augen entblättert, wohltätigen Zwecken zugeführt.

»Volkacher Ratsherr« zu Weihnachten: Na schön! Doch wenn Bares den Besitzer wechselt, wenn Schweizer Nummernkonten ausgespielt werden, ist das wohl mehr als nur -- so ein leitender ZDF-Mann -- »eine Form subkutaner Korruption«.

Vor drei Zeugen bekundete ZDF-Redakteur Heinz Oepen 1974 an einem dem SPIEGEL bekannten Ort, Kirch habe ihm -- vergeblich -- ein solches Nummernkonto angedient. Als Oepen seinen Chef Viehöver über das Angebot informiert habe, habe dieser geantwortet, das müsse er selbst entscheiden: für einen Programmdirektor eine wahrlich erstaunliche Auffassung der Dienstaufsichtspflicht.

Oepen, ehemals Mainzer Unterhaltungschef, war 1971 zum einfachen Musikredakteur degradiert worden -- vorgeblich wegen »Leistungsminderung«, und weil ihm die Serie »Hei-Wi-Tip-Top« mißlungen war (SPIEGEL 42/1972). Daß er jüngst abermals für den vakant gewordenen Chef-Job der Hauptabteilung »Theater und Musik« ausgeschlagen wurde (er bezieht nach einem gewonnenen Arbeitsgerichtsprozeß ohnehin das volle Gehalt eines Hauptredaktionsleiters), führen Insider auf Leo Kirchs Macht in ZOF-Personalentscheidungen zurück.

Dennoch konnte sich Oepen. auf Anfrage des SPIEGEL, »ehrlichen Herzens« nicht an das Kirch-Angebot erinnern. Auch Filmredakteur Klaus Brühne, der 1969 seine Funktion als stellvertretender Hauptabteilungsleiter verloren hatte, weil er einem Branchendienst Beta-Zahlen nannte, wollte über Tausender bei der Filmabnahme nicht reden: »Wenden Sie sich mit Fragen über den Filmankauf an die Pressestelle, das ist der offizielle Weg.« Wenn es solche Fälle von Beta-Schmierversuchen gibt, so sind sie aber nicht dort, sondern mutmaßlich im Panzerschrank des Justitiars Fuhr dokumentiert.

Nach wie vor herrschen in Studios, Agenturen und TV-Büros großes Zittern und großes Schweigen, sobald der Name Beta fällt: »Nennen Sie um Gotteswillen nicht meinen Namen, sonst bin ich in der Branche ein toter Mann.« Manchmal erreicht die Furcht vor der »Münchner Mafia« groteske Ausmaße. Mit einem Medien-Monarchen in der Größenordnung Axel Caesar Springers legt sich jedenfalls freiwillig niemand an.

Um das aufgeblähte Imperium mit seinem riesigen Finanzierungsbedarf nicht zu gefährden, muß Leo Kirch immer weiter expandieren. Sein jährliches Kreditvolumen wird auf zumindest 20 bis 25 Millionen Mark geschätzt. Er ist in eine Größenordnung geraten, in der eine falsche Marktprognose schon Millionenverluste bedeuten kann.

An jeder Operettenproduktion, sagt ein Kirch-Mitarbeiter, verliere die Firma Unitel derzeit zwischen 200 000 und 300 000 Mark. Kirch hatte in audiovisueller Euphorie Anfang der siebziger Jahre zu viele Stoffe zur weltweiten TV- und Kassettenauswertung zu teuer angekauft, auf denen er nun sitzt. Seine Geldgeber, vornehmlich die an Unitel mit 25,01 Prozent beteiligte Westdeutsche Landesbank, haben deshalb für diese Firma einen Aufsichtsbeirat gegründet, der Kirchs Manövrierfähigkeit leicht reduziert.

Er wird daher anderswo immer teurer und aggressiver. 1973, 50 weist der Prüfungsbericht des Rechnungshofs Rheinland-Pfalz (Aktz. 4-345/73) aus, hat das ZDF 13,9 Millionen Mark mehr als im Jahr davor für den Erwerb von Rechten angezahlt -- überwiegend an Beta. Bei den Filmrechten betrug das Ausgabenplus 9,5 Millionen Mark, da -- so der Rechnungshof -- »1973 höhere Preise als früher gezahlt werden mußten«.

Damals beteiligte sich Kirch auch an der neugegründeten Berliner »Arena-Synchron«, die heute neben seiner

* »Das »Fernsehstudio München« gehört l00prozentig dem ZDF. Die Geyer-Werke stellen Filmkopien her.

Münchner »Beta-Technik« den bundesdeutschen Synchronmarkt beherrscht. 9 000 von 15 000 ZDF-Sendeminuten wurden 1972 auf einen Schlag zum Eindeutschen aus München nach Berlin verschoben, wo die Honorarsätze für Sprecher und technisches Personal erheblich niedriger sind. Rund 300 freiberufliche Münchner Synchronsprecher gerieten in Existenznot.

Da Kirch mit dem ZDF einen Pauschalpreis pro Minute vereinbart hat, braucht er dem Sender seine Kalkulation nicht offenzulegen. Er und seine Berliner Partner konnten die Honorarersparnis von mehr als 30 Prozent also überwiegend kassieren. Zudem konnte er, weil er Arbeit nach Berlin brachte, die steuerliche Berlin-Präferenz und billige Senatskredite in Anspruch nehmen -- mit weniger als fünf Prozent zu verzinsen gegenüber zehn Prozent auf dem freien Geldmarkt. Auch im Synchrongeschäft drückt Kirch nun jeden Konkurrenten an die Wand.

Nicht einmal Prozesse. die seine düpierten Konkurrenten gegen ihn anstrengen, können ihn stoppen. So streitet beispielsweise derzeit der Basler Filmkaufmann Arthur Cohn, der Kirch einst als Zwischenhändler die Serien »Daktari«, »Lassier« und »Flipper« zugeschustert hatte, gerichtlich mit Beta: Kirch besitze für die mittlerweile abgeschlossenen ZDF-Verlängerungsverträge keine Rechte. Ein anderer Kirch-Kontrahent bereitet gegenwärtig eine Kartellgerichtsklage vor.

Doch zumeist weht derlei wie das Hornberger Schießen aus. 1972 hatte Kirch die Serie »McCloud« von der US-Produktions- und Vertriebsfirma MCA ("Kojak«, »Columbo") dem ZDF angeboten, MCA wollte aber -- wie dort üblich -- direkt verkaufen. Die Frage, wer die Rechte besitze, konnte das Landgericht München nicht klären. Da Beta! Taurus zum Termin nicht erschien, verhängte die 7. Zivilkammer (Aktz. 70 111/72) ein Versäumnisurteil. Bis heute hat das ZDF »McCloud« nicht gesendet.

Es ist der Sender selbst, der Kirch immer wieder protegiert und anderen Produzenten Abfuhren erteilt. Daher erwarteten Programm-Macher und Redakteure nun vom neuen Programmdirektor, dem (laut »TV-Courier") »moralischen Kategorien uneingeschränkt verpflichteten« Dieter Stolte, eine Änderung. Es sei ihm wichtig, betonte Stolte auf seiner ersten Pressekonferenz, »den Leistungswettbewerb unter den Produzenten wieder

Doch auch er scheint sich mit der Markt-Macht einzurichten. Im gleichen Atemzug sagte Stolte am 31. März nämlich auch, daß das ZDF »größter Abnehmer von Spielfilmen und Serien der Beta« sei und daß diese Firma in Mainz ein Monopol habe, sei nicht mehr als »eine Legende«.

Durch die SPIEGEL-Recherchen verunsichert, trat Leo Kirch dieser Tage zum erstenmal aus der Anonymität. »Wohl um die erwartete SPIEGEL-Story zu entschärfen«

Das ZDF im Würgegriff? Eine von den Ländern getragene öff entlich-rechtliche Anstalt in der Hand eines einzigen Programmlieferanten? Den Aufsichtsgremien in Mainz ist dabei nicht mehr wohl.

Sie wollen endlich wissen, wer das ZDF-Programm denn nun eigentlich macht. SPD-Ratsherr Wilhelm Dröscher begehrt deshalb diese Woche Auskunft vom Intendanten Holzamer, welche Beträge für welche Sendungen das Kirch-Imperium in Wirklichkeit schluckt. Bei der nächsten Fernsehratssitzung am 21. Mai sollen die Karten auf den Tisch.

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