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ZEITGEIST Fesche Zwerge, zarte Drachen

Nach »Der Herr der Ringe« und »Harry Potter« lockt der Märchenton immer mehr erwachsene Leser. Karen Duve und Walter Moers schreiben Romane im Es-war-einmal-Stil. Der 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen befeuert zusätzlich die neue Lust am Fabulieren.
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 11/2005

Einen wie Pedsi - wollen wir den in unsere Phantasie lassen? Immerhin fährt der Mann Kutsche, von zwei Schafen gezogen. Die sind nicht einfach weiß, sondern »wolkenweiß«. Dazu trägt der Herr Kniehosen, Schnallenschuhe, einen viereckigen Spitzenkragen überm Cape und einen breitkrempigen Federhut.

Allerdings ist der elegante Pedsi ein Zwerg und eine Märchenfigur. Er gehört in Karen Duves neuen Roman »Die entführte Prinzessin«, der im Untertitel anzeigt, wes Geistes himmlisches Kind er ist: »Von Drachen, Liebe und anderen Ungeheuern«.

Erwachsenenkindern schlägt jetzt die Märchenstunde. Nach »Harry Potter« und »Der Herr der Ringe«, Vorlage für die erfolgreichste Literaturverfilmung aller Zeiten, werden nun auch die reiferen Semester ins Reich der Zauberer und Drachen gelockt.

Die neue Märchenmode hat einen märchenhaften Grund. Es war einmal, eben gerade erst im Jahre 2004, da hatte die Warengruppe Belletristik eine Umsatzsteigerung von 6,5 Prozent, das Segment »Märchen, Sagen, Fabeln und Legenden« aber ein Wachstum von stolzen 27,9 Prozent. Und wenn der Trend nicht gestorben ist, dann wird er weiterleben.

Hinzu kommt, dass das Märchen ein zeitlos wunderbares Gefährt ist, um an den kritischen Kontrolleuren des Literaturbetriebs vorbei unbeschadet zum Leser zu gleiten. Wen, außer Germanisten oder Feuilletonisten, interessiert es, ob eine Mär eine Botschaft, eine innere Logik, einen glaubhaften Bezug zu irgendeiner realen Zeit hat? Die Märchenverpackung hat einen ähnlichen Effekt, wie ihn die Erzählmaschinen des Fernsehens haben, die Soaps, Telenovelas und der sonstige TV-Süßstoff: Jede störendkritische Ahnung des Konsumenten à la »Was soll das eigentlich?« wird von der Neugier »Wie geht es bloß weiter?« vertrieben. Vor der enthemmten Erzähllust muss die Kritik die Waffen strecken - Fabula rasa.

Duves Prinzessinnen-Story ist ein gutes Beispiel für das Weglaufen vor der Zensur, die das literarische Über-Ich sonst ausüben würde. Die Märchenverkleidung verhindert kritisches Verweilen, bloß weiter, bloß keine Zeit für Reflexionen verschwenden. Die Bewohner des Nordlandes sind so klischeehaft-bescheuert wie der Name des Reiches, in dem König Rothafur regiert: »Snögglingduralthorma«. Das klingt wie die Kreuzung von Knäckebrot und Kopfschmerztabletten. Aber bitte nicht das literarische Lineal herausholen und die Qualität nachmessen. Der Name erfüllt seinen Zweck, und der heißt: Die Protagonisten werden in den moorigkühlen Gefilden nicht lange bleiben. So ist es. Prinzessin Lisvana, blond, stur, maulfaul in Beziehungsdingen, wird entführt. Von wem? Man muss nicht die geheimnisvolle literarische Dekonstruktion bemühen, um zu verstehen, wie sich ein Text gleichsam von selbst in Bewegung setzt.

Auf Blondinenprinzessinnen stehen schöne schwarzhaarige Südländerkönigssöhne. Diego heißt er, Diego bleibt er - immer verliebt, glutvoll und leidend und letztlich siegreich. Ein Mann vom Reißbrett der Frauenwünsche.

Die Märchenform, so zeigt es sich bei Duve, 43, wirft zudem den Ballast psychologischer Begründungen ab. Die Figuren wirken statisch. Sie kennen Krisen, aber keine inneren Verwandlungen, ihre Komplexe sind ihnen heilig. Der Märchenmechanismus bewegt sie durch die Räume, so, wie sie sind.

Wo die Last der psychologischen Plausibilität entfällt, kann die Phantasie ihre Flüge umso bedenkenloser antreten. Duve, die im »Regenroman« (1999) das Scheitern eines Biografen an seinem Objekt und an der Natur beschrieben hatte und die auch mit der realistischen Schilderung von Liebesnöten ("Dies ist kein Liebeslied«, 2002) Erfolg hatte, schwelgt nun in Zwergenmode, macht viele Worte über einen stolzen Ritter wie den Nordländer Bredur, dem auf der Jagd nach der Entführten die Liebe verloren geht, aber die Vernunft erwächst. Der Leser lernt einen Zauberer, einen milden Drachen, haschende Haremsdamen und verrückte Pflanzen kennen. Wenn er bei Laune bleibt, wird er sich in dem Labyrinth der Duveschen Suada gern verirren.

Duves Kollege Walter Moers, 47, nicht zuletzt als Seemannsgarn-Spinner für »Käpt'n Blaubär« bekannt, stürmte mit einer anderen Märchenfarbe die Charts: mit Grusel und Groteske. Nach »Ensel und Krete« (2000), »Rumo & Die Wunder im Dunkeln« (2003) erreichte »Die Stadt der Träumenden Bücher« umgehend einen Platz auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Auf über 450 Seiten entfaltet die Mischung von Kindesgelüsten nach märchenhafter Unter- und Überlegenheit mitsamt ironi-

schen Appellen ans besserwisserische Erwachsenenbewusstsein »einen schwer entrinnbaren Sog«, wie die Kritik schrieb. Bildung und Kalauertoleranz sollte der Leser allerdings mitbringen - immerhin heißt der Erzähler Hildegunst von Mythenmetz.

So spinnen die Märchen - uns ein. Die Sinnsuche entschlummert allmählich, der Verstand wird ver-rückt, das Gefühl wird bezaubert. Für einen Moment heißt das: Fahr dahin, Hartz IV, schweig still, Arbeitslosigkeit. Die Märchen erklären der Aktualität den Krieg. Sie halten die Zeitläufte an, aber natürlich sind sie der Zeit abgerungen. Sie führen zu magischen Orten, aber ihr Ursprung hat durch alle Maskierungen hindurch ein Hier und Jetzt. Man muss es nur ernsthaft suchen.

Und so ist es ein Glücksfall und passt zur Märchenrenaissance, dass der größte Märchenerzähler neben dem gemeinen und an Einfallsreichtum kaum überbietbaren Volk, der Däne Hans Christian Andersen (1805 bis 1875), seinen 200. Geburtstag feiert. Denn an Werk und Lebensgeschichte dieses Flickschustersohns aus Odense, der durch die Zerrissenheit der Biedermeier-Epoche zwischen Gespensterglaube und aufklärerischer Gelehrsamkeit das Märchen zu literarischem Ruhm brachte, lässt sich die Zeitbezogenheit und Zeitlosigkeit der Gattung besonders gut studieren.

Es sind - neben den Originaltexten - insbesondere ein großes Lesebuch und die jetzt auf Deutsch erschienene, ausgezeichnete Biografie des Kopenhagener Literaturwissenschaftlers Jens Andersen, 49, die den schrulligen, weitgereisten Dichter, das zunächst verkannte und später gefeierte Genie, zu neuem Leben erwecken.

Andersen schrieb nicht nur Märchen, nach offizieller Zählung 156, sondern gestaltete auch sein Leben wie ein Märchen. Es waren nicht nur böse Zungen, die sich von der Egozentrik des Dichters abgestoßen fühlten. Der Kieler Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, der zahlreiche Andersen-Texte übersetzt hat, schreibt: »Gäbe es unter den vielen Ranglisten dieser Tage auch eine über die größten Nervensägen der Literaturgeschichte, das dänische Märchengenie würde souverän einen Spitzenplatz belegen.«

Das Bild von der Nervensäge passt auch gut zu dem jungen Mann, der sich 1819,

kurz nach seiner Konfirmation, bettelarm, von ungelenker Gestalt, aber unerschütterlichem Mut, nach Kopenhagen aufmacht, um Schauspieler am Königlichen Theater zu werden. Eine berühmte Tänzerin bestürmt der Provinzjüngling sogleich mit poetischen Deklamationen. Seine Tanzdarbietungen sind unsäglich, als Eleve verpatzt er ein Singspiel, weil er im Schlussbild einer Aufführung in der Dekoration hängen bleibt. Das Publikum wiehert.

Auch der Erfolg mit seinen Darbietungen in vornehmen Häusern ist mäßig, nur die Damen haben Mitleid. Seine Theaterstücke sind zusammengekupfert, es wimmelt in ihnen von Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Der edle Schwan im hässlichen Entlein - die Geschichte wird später eines seiner berühmtesten Märchen - ist noch nicht zu erkennen.

Erst kommt der Kampf, dann der Ruhm. Hans-Christian-Andersen-Biograf und Namensvetter Jens Andersen beschreibt die Auseinandersetzung des ungehobelten Dichters mit dem Bildungsphilistertum des Biedermeier als Duell auf Leben und Tod. Der Showdown findet an den Gelehrtenschulen in Slagelse und Helsingör statt. Der nervige Jüngling aus Fünen hatte dafür ein staatliches Stipendium ergattert.

Eigentlich eine ungewöhnliche Sache in dem damals verarmten Königreich Dänemark. Bis heute gehen Forscher dem Verdacht nach, Andersen sei ein Sohn des dänischen Königs Christian VIII. (1786 bis 1848) gewesen. Biograf Jens Andersen hält von solchen Spekulationen nichts, obwohl sie gut zu einem Satz aus »Das hässliche Entenküken« passen würden: »Es macht nichts, dass man auf dem Entenhof geboren ist, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!«

Inmitten wesentlich jüngerer Schüler soll Andersen solides Wissen beigebogen werden. Gegen den Schwärmer tritt ein feister Gymnasiallehrer an. Aus allen Rohren schießt der fiese Rektor mit der staubtrockenen Materie des Griechisch- und Lateinunterrichts auf den Jungdichter. Doch der Pauker verliert, der Märchenmann, durch Schmähungen tief verletzt, rettet knapp seine Poetenseele.

Auch später bewahrt sich der lebenslange Hagestolz, der für Männer wie für Frauen schwärmt, ohne dass sich klären lässt, ob er je sexuelle Erfüllung gefunden hat, seine wunderbare Naivität. Nichts konnte das Kind in ihm umbringen. Andersens

Phantasie bezog ihre Objekte vor allem aus dem, was ihn umgab. So erwecken Andersens Märchen nicht nur Menschen zu fabulösem Leben, sondern bezaubern mit Dingen der unbelebten Welt wie Zinnsoldaten, einem fliegenden Koffer und den »Galoschen des Glücks«.

Aufklärer wie Rousseau hatten das Kind und die Bedeutung der Erziehung als wichtige Voraussetzung der bürgerlichen Gesellschaft entdeckt. Aber die Verehrung dieser Geister galt dem abstrakten Prinzip des unschuldigen Kindes. Es war Andersen, der als Erster - so sieht es sein Biograf - im Märchen die Kinder ansprechen konnte. Das Kind war nun mehr als ein Studienobjekt des sentimentalischen Dichters. Es erwachte zu eigenem Leben.

Schon die ersten Sätze in Andersens Märchenwerk scheren sich nicht um das erhabene Gebäude der Sprachkunst, sondern gehen auf die Kinderseele los: »Ein Soldat kam die Landstraße dahermarschiert: Eins, zwei! Eins, zwei! Er hatte seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite ...«

Andersen, der Rechtschreibversager, liebte die Lautmalerei. Klangteppiche und Klangwörter wie hm, uh, plump, hip oder hussa tauchen während der dreißiger Jahre in seinen Geschichten auf. Später singt die Nachtigall: »Kluk! Kluk! Zi, zi! Lo lo li!« Der moderne Comic hat hier einen Vorläufer.

Psychologen wie Bruno Bettelheim ("Kinder brauchen Märchen"), aber auch puristische Lehrer vermiesten einem einst einen Könner wie Andersen mit dem Verweis, nur das Volksmärchen habe in seiner lapidaren Reinheit einschließlich der brutalen Bestrafung des Bösen die richtige Hygienewirkung auf die kindliche Seele.

Aber gehen die Grimms auf Kinder zu? Man muss nur einmal den Grimmschen Anfang des »Froschkönig« mit Andersens »Das hässliche Entenküken« vergleichen: »In alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat ...« holpern die deutschen Märchenbrüder - voll rätselhaftem Tiefsinn und ohne Rücksicht auf kindliches Verständnis - los. Andersen dagegen breitet den Kindern den Teppich aus: »Es war so herrlich draußen auf dem Lande, es war Sommer!«

Und traurig konnte dieser Mann sein, ein Schuft, wer nicht wie er von der kleinen Meerjungfrau gerührt ist: »Es wurde ruhig und still auf dem Schiff, nur der Steuermann stand am Ruder, die kleine Meerjungfrau legte ihre weißen Arme auf die Reling und blickte gen Osten der Morgenröte entgegen, der erste Sonnenstrahl, das wusste sie, würde sie töten.«

Die Lösung des schöpferischen Geheimnisses von Andersen hebt sich seine Biografie lange auf. Der große Dichter ist - 68er, aufgepasst - ein antiautoritär erzogenes Kind gewesen. Der bettelarme, früh gestorbene Schustervater Hans, Fan der Französischen Revolution, glaubte den Maximen des deutschen Autors August H. J. Lafontaine. Dessen Buch »Der Sonderling« plädiert für die Devise: kein Gängelband. Erst krabbeln, dann gehen, keine Windeln, bloße Füße, spielen in der Natur.

Diese freie Erziehung führte zu Konflikten mit anderen Kindern. Mit Jungen spielte das als Außenseiter empfundene Kind Hans Christian nicht, die Schule, so schreibt der Dichter später, war ihm unerträglich: »Ich hatte Angst vor den armen Jungen, die mich verspotteten.« Der spätere Dichter stand lieber auf inneren Bühnen und spielte Theater. Sein Leben lang.

Nur in den Märchen, so meint Andersen einmal, könne er, was er nicht sagen darf, »verblümt und doch frei« bekennen. Daraus folgt: Nicht nur Kinder, wir alle brauchen Märchen. NIKOLAUS VON FESTENBERG

Die Leipziger Buchmesse

versteht sich - anders als die weitaus größere Frankfurter Buchmesse im Herbst - traditionell als Forum für Leser. Von diesem Donnerstag an stellen sich bis zum Sonntag in Leipzig zahlreiche Schriftsteller mit ihren Neuerscheinungen dem Publikum. Auffallend bei der literarischen Frühjahrsproduktion: Viele Autoren verzichten auf kruden Realismus. Selbst in traurigen Geschichten über gescheiterte Lieben, über Tod und Vergänglichkeit sprengen ihre Figuren die Grenzen der alltäglichen Wahrnehmung und agieren in einer beunruhigend-zwiespältigen Welt des Phantastischen. Und auch die Klassiker des Genres holen auf: Im Bereich »Märchen, Sagen, Fabeln und Legenden« wird schon ein Wachstumsschub von 27,9 Prozent gemeldet.

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