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THEATER CSSR Festungen der Wahrheit

aus DER SPIEGEL 47/1968

Mein liebes tschechisches Volk«, sang Milada Subrtova, »wird nicht untergehen, ruhmreich wird es die Schrecken der Hölle überwinden.« Noch ehe Smetanas Arie Ende Oktober im Prager Nationaltheater verklungen war, erhoben sich die Zuschauer und klatschten Beifall -- zehn Minuten lang. Sowjetbotschafter Tscherwonenko freilich erlebte die antisowjetische Demonstration nicht mehr; er war schon vorher ausgepfiffen worden und aus dem Saal geflohen.

Die Diplomaten-Demission war der bisher spektakulärste Erfolg in Prags antisowjetischem Kulturkampf. »Unsere Theater«, schrieb das Bühnen-Fachblatt »Divadelni noviny«, »sind Festungen geworden, wo um Wahrheit gekämpft wird, auf deren Sieg das Volk dieses Landes seine Hoffnungen setzt.«

Die theatralischen Kämpfe hatten sofort begonnen, als die erste Bühne nach der Okkupation wieder eröffnet wurde: Das Prager Nationaltheater setzte Smetanas nur noch selten gespielte Oper »Dalibor« wieder auf den Spielplan, Aus gutem Grund: Das Historienspiel aus dem

mittelalterlichen

Prag zeigt das Scheitern eines Aufrührers, der vom Böhmen-König in den Tod getrieben wird --

damit »Empörung und Aufruhr« verhindert werden können.

Ähnlich symbolische Stoffe bevorzugen inzwischen auch die meisten anderen Prager Theater. Sie zeigen: > Jean Anouilhs »Lerche« -- eine Huldigung an Frankreichs Nationalheidin Jeanne d"Arc, die von (englischen) Besatzern auf den Scheiterhaufen gebracht wurde (Theater in den Weinbergen). > Karel Capeks »Weiße Krankheit« -- ein 1937 verfaßtes Anti-Hitler-Stück, das während der deutschen Okkupation verboten war (Tyl-Theater).

* Frantisek Hrubins »Oldrich und Bozena« -- ein Drama über Böhmens Mittelalter, das vergebliche Einmischungsversuche des deutschen Kaisers in innerböhmische Angelegenheiten vorführt (Theater in den Weinbergen).

* Josef Kajetan Tyls »Jan Hus« -- ein im Revolutionsjahr 1848 geschriebenes Stück über den 1415 hingerichteten Reformator (Realistisches Theater).

Diese Stoffe brauchten nicht künstlich aktualisiert zu werden Gelegentlich jedoch wurden ältere Inszenierungen politisch aufpoliert. So Jan Drdas »Spiele mit dem Teufel« im Prager Komödien-Theater, wo der Darsteller des Luzifer ausgetauscht wurde: Während sein Vorgänger einen Hitler-Schnurrbart trug, hat der neue Oberteufel jetzt dunkel geschminkte Breschnew-Augenbrauen.

Aber nicht nur in der Hauptstadt werden derartige Anspielungs-Spiele inszeniert. Unfrisierte Gedanken sind auch im Stadttheater von Cheb (Eger) zu hören, wo Sartres »Schmutzige Hände« aufgeführt werden, die Geschichte eines politischen Attentäters, der das Opfer des gewandelten Parteikurses wird.

Und auf einer slowakischen Bühne werden allabendlich Denunzianten angeprangert: in Leopold Laholas »Flecken auf der Sonne«, einer Anklage gegen faschistische Kollaborateure.

Auch Ivan Stodolas »Frau des Hirten« (Stadttheater Preßburg) steckt voller

Aktualitätsbezüge; das Stück schildert die Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre, als zahlreiche Tschechoslowaken aus dem Lande flüchteten. Aber

nicht nur die Schilderung der Vergangenheit, auch eine gänzlich unpolitische Fabel kann in der CSSR heute als politische Allegorie wirken. So füllt es beispielsweise dem Prager Publikum leicht, sich in Pavel Kohouts Stück »August, August, August« mit einem Clown zu identifizieren, der vom Zirkusdirektor verraten und schließlich von Tigern gefressen wird.

Bei solchen Stücken spielen meist auch die Zuschauer mit -- sie spenden Szenenapplaus oder stimmen die Nationalhymne an.

Solch laute Reaktionen sind aber nicht immer möglich. Denn Böhmens Bühnen setzen im Theaterkrieg auch eine lautlose Waffe ein. Sie spielen bestimmte Stücke nicht: Kein CSSR-Theater will noch einen Russen aufführen. Selbst unpolitische Opern und Ballette werden von der Bevölkerung als Provokation empfunden, wenn sie aus Rußland stammen.

So protestierten 4000 Studenten vor dem Theater in Preßburg, wo zum 51. Jahrestag der Oktoberrevolution Prokofjews »Romeo und Julia« gegeben wurde. Und das Prager Nationaltheater mußte am Mittwoch vorletzter Woche von der tschechoslowakischen Armee vor Demonstranten geschützt werden. Sie empfanden Tschaikowskis »Schwanensee«-Ballett als prosowjetische Kundgebung.

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