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»Fettauge auf der Bewegungsbrühe«

Feministinnen betrachten sich selbst Feministinnen über sich - ironisch: In Alice Schwarzers Sammelband über »10 Jahre Frauenbewegung« - Titel: »So fing es an!«, erschienen im Emma-Frauenverlag - schildert die Juristin und Soziologin Vera Slupic die Spezies einer »Feministischen Damenriege«. Alice Schwarzer: »Eine wahrhaft treffliche Karikatur.«
aus DER SPIEGEL 7/1982

Die postpubertäre Jungakademikerin

Sie bildet die absolute Mehrheit der Frauenbewegung, ist zwischen 20 und 28 Jahren alt, mit labiler sexueller Orientierung ausgestattet und sich über ihre eigene Strategie im Geschlechterkampf noch nicht ganz im klaren, schnell begeistert und ebenso schnell wieder enttäuscht, mißtrauisch gegenüber jedweder Theorie, doch bald auch »abgetörnt« von der Praxis. Sie liebt wärmende Gruppen und erschütternde kollektive Erlebnisse, ist auf der Suche nach Charisma und liebäugelt insgeheim mit der Psychoanalyse.

Die tragische Rebellin in der midlife-crisis

Sie war schon in der APO dabei, und in Bewegungen schwimmt sie wie der Fisch im Wasser, obwohl sie - gerade jetzt - manchmal daran zweifelt, ob's überhaupt noch was bringt. Sie ist ausgebrannt von Aufständen, die nicht stattgefunden haben, und Träumen, die unerfüllt blieben, von Bewegung zu Bewegung hetzend, jeden Lebensstil ausprobierend - vielleicht war sie sogar in Kuba oder im Betrieb oder verheiratet mit einem Sozialdemokraten - und letztendlich wieder verwerfend. Jetzt ist sie gerade lesbisch. Manchmal kokettiert sie mit dem Sprung zur Stadtguerilla, doch wir können sicher sein, daß sie ihn nie tun wird. Denn schließlich - sie ist etabliert oder könnte es zumindest sein.

Die hartgesottene Gründerin und Organisatorin

Sie ist der Kopf der Bewegung, unermüdlich und rastlos. Für ihre Meinungsschwankungen gibt es immer nur die besten Gründe, und wenn es um Macht geht - auch ihre eigene -, ist sie gänzlich ohne Humor. Wir finden sie in Zeitschriftenredaktionen und an der Spitze von Frauenhäusern, Beratungsgruppen, Stadtteilprojekten - immer mit beiden Händen voll im Elend, wenn auch im Elend anderer Leute. Aber schließlich hat auch sie abgetrieben, obwohl sie ein recht ruhiges Privatleben führt (was sie gerne verschweigt). Sie ist so empfindlich wie alle Politiker, was ihrem Erfolg jedoch keinen Abbruch tut. Sie verfügt über die Persönlichkeitsstruktur eines Kleinunternehmers, aus Spaltungen geht sie zumeist als Siegerin hervor.

Die Absahnerin

Sie schwimmt als Fettauge auf der Bewegungsbrühe. Das Frauenleben gilt ihr als Marktlücke in Politik und Wissenschaft. Sie ist oft irritiert über den Eifer anderer, aber manchmal auch ehrlich betroffen. Sie äußert sich gerne vor liberalem Publikum über die »Geschlechtsrollenproblematik«, der Erfolg ist ihr gewiß. Sie hält sich zurück, wenn es um kühne Entwürfe geht, hält jedoch Verbindung zu jeder Sorte Technokraten - »eine muß das ja machen«. Sie hat viele Meinungen, und niemand mag sie ...

Die sozial wache Gewerkschafterin oder Sozialdemokratin; Variante: emanzipierte Mutti

Für sie ist die Frauenbewegung geradezu die ideale Wirkungsstätte, denn sie »bringt« sich ein, obwohl sie nichts gegen Männer hat, jawohl - schließlich lebt sie bereits ein Stück »Partnerschaft« (wenn auch nur deshalb, weil ihr Gatte zu bequem ist, den Macker zu spielen). Sie findet zwar vieles »unausgegoren« und »übersteigert«, aber in »vielem muß man den Feministinnen doch Recht geben«. Sie lebt in materiell gesicherten Verhältnissen, und die Bewegung ist ihr moderne Freizeitgestaltung.

Variante: die Junggesellin

Auch sie hat nichts gegen Männer - beileibe nicht. Es kann sogar passieren, daß sie in angeheitertem Zustand mitteilt, sie käme mit Männern besser aus als mit Frauen. Sie ist also nicht lesbisch, obwohl ihr das vielleicht ganz gut täte. Auf ihrem Banner steht die Gleichberechtigung im Erwerbsleben, ohne Abstriche, ohne Kompromiß. Sie hat sich durchgebissen. Die Frauenbewegung ist ihr sympathisch, doch »leider« zu ineffektiv.

Die 300prozentig alternative Superlesbe

»Da lacht der Hetero« - sie ist nicht bi, igittigitt, sie ist keine Junglesbe, Bewegungslesbe, bärtige Lesbe, Sublesbe, sie trägt Boots und kauft in der Sesammühle (Frauen-Coop). Sie ist die Urlesbe und träumt vom Matriarchat und Parthenogenese, fährt heutzutage mit dem Fahrrad in die Bars und hat selbstverständlich »Mehrfachbeziehungen«. Als eifrige Besucherin sämtlicher europäischer und außereuropäischer Sommercamps ("in New York ist alles viel toller") ist sie glühende Verehrerin von Alix Dobkin und Jill Johnston ("Lesbian Nation"). Sie arbeitet nur »lustvoll« und - wenn überhaupt - nur mit Lesben und ist die einzige, die noch daran glaubt, daß Lesbierinnen bessere Menschen sind als Männer. S.199

Der Trendsetter oder Star

Sie war die erste, die Karate lernte, während alle anderen noch in Selbsthilfegruppen ihre Muttermünder bespiegelten. Sie trug schon die adidas-Schnellstarter und lila Latzhosen, als andere noch in Cordjeans und braunen Jesuslatschen herumliefen. Sie sagte schon »frau«, als andere noch ahnungslos »man« sagten. Sie kannte die Unterdrückung schwarzer Frauen, türkischer Arbeitsemigrantinnen und die Dritte Welt schon, als andere nur den ¿ 218, Frauen bei Siemens und Selbsterfahrungsgruppen sahen. Sie ist die Sternschnuppe der Bewegung, lesbische Mutter, die Lohn für die Hausarbeit forderte, als andere noch heterosexuell, kinderlos und für die Abschaffung des Geldes waren. Sie denkt, sie habe den großen »Durchblick«, dabei hat sie nur einen Riecher für wechselnde Moden.

Die Menschenfeindin

Dieser Typ kommt selten vor. Wenn alle himmelhoch jauchzen, ist sie zu Tode betrübt. Sind alle einer Meinung, hat sie eine andere. Sie hält die Frauenbewegung für unausrottbar dumm, was sie nicht daran hindert, die Fehler der Bewegten immer wieder mit ätzender Kritik zu geißeln. Sie wäre gerne hartgesottene Gründerin, doch dazu fehlt ihr der gesunde Menschenverstand und das Durchhaltevermögen. Sie liebt die dünne Luft des vermeintlich Elitären, hat als einzige Humor, wenn auch nur bissigen, und ist unbeliebt je nach Mehrheit.

Die Schickeria-Frauenrechtlerin

Sie bevorzugt Türkis, Thonet-Möbel und das Feuilleton, aber auch Jugendstillampen, und würde mit dem Fuß aufstampfen, sagte jemand, daß die französischen Weiblichkeitstheoretikerinnen einfach nur hübsche Schwätzerinnen sind, olala ... Sie ist stock-heterosexuell, läßt aber gern begehrliche Blicke von Frauen auf sich ruhen. Die Frauenbewegung dient ihr als Pluspunkt im Geschlechterkampf, also als Ideenspender. Sie ist ein wenig kokett und zieht es vor, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Frauenfeste verläßt sie in der Regel vor 24 Uhr.

Die Abtrünnige

Deren gibt es viele. Wenn die Nachpubertät abgeschlossen, die Rebellion im Keim erstickt, die Organisation gegründet und der Kuchen verteilt ist, wenn der Softie zum Chauvi wird oder die Kinder rufen, die nächste Wahl kommt und der Trend vorbei ist, die schlimmsten Prophezeiungen sich bewahrheitet haben und die Frauenbewegung wirklich nicht mehr »in« ist, welchen Grund sollte es dann noch geben, Feministin zu sein?

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