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BUCHMARKT Feucht und Fleck

aus DER SPIEGEL 8/2009

Das schon wieder: »Mit schmutzigem Arsch knie ich mich vor die Schüssel und kotze in meine eigene Scheiße rein.« Nein, das ist kein Zitat aus Charlotte Roches analfixierten Anti-Kosmetik-»Feuchtgebieten«, jenem Roman, der in einem Jahr eine verkaufte Auflage von 1,4 Millionen Exemplaren erreichte und inzwischen in 25 Sprachen übersetzt wurde. Der neue Arsch-, Kotz- und Scheißesatz stammt von einem Mann und handelt darum auch - Überraschung! - von einem männlichen After, genauer: dem eines 16-jährigen Pickelknaben. Der fährt 1977 mit ein paar Kumpeln zu einer »Kirchenfreizeit« an die Ostsee, wo innerhalb und außerhalb der Schlafsäcke so allerhand abgeht, wie es sich für »fünf Freunde im Pipikackawichsiland« gehört. Autor Heinz Strunk sucht, im lapidaren Titel ("Fleckenteufel") wie im krassen »Rülps-», »Schwanz-» und »Rotze«-Milieu, offensichtlich die Nähe zum Erfolg der »Feuchtgebiete«. Der Hamburger Musiker und Klamauk-Schreiber Strunk ("Fleisch ist mein Gemüse") kennt Roche aus gemeinsamen TV-Aktivitäten und von einer legendären Lesereise auch privat gut - gemeinsam lasen die beiden öffentlich glucksend aus einer Doktorarbeit über »Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern« vor. Die Grafiker des Rowohlt-Verlags verpackten das Strunk-Werk nun so, dass es fast wie »Feuchtgebiete II« daherkommt. Die Ähnlichkeit von Format, Titel-Layout und Typografie wird nicht allzu sehr dadurch verfremdet, dass aus Blusen-Rot Hosen-Blau geworden ist. Im Buchhandel liegen die Bücher oft nebeneinander wie Bruder Fleck und Schwester Feucht, worauf Rowohlt wohl spekuliert hat. Roche-Verleger Marcel Hartges vom Kölner DuMont Buchverlag ist nicht amüsiert: »Ich sehe in dem Strunk-Buch keine lustige Parodie auf Roche, sondern einen Fall von Trittbrettfahrerei - ziemlich niedrig.« Wegen des Fast-Plagiats der Titelgrafik wäre es beinah zu einer gerichtlichen Klage gekommen. Strunks Buch erschien Mitte Januar in einer Startauflage von 85 000. Knapp 20 000 sind wohl schon verkauft. »Ich wachse«, lautet der letzte Strunk-Satz. Sprach so die verkaufte Auflage? Mal riechen.

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