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THEATER Feuchte Gefühle

Die Autorin Gesine Danckwart könnte ein Star des deutschen Theaters werden. Ihr neuer Coup: das Stück »Arschkarte«, uraufgeführt in Göttingen.
Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 45/2000

Manchmal läuft rein gar nichts mehr so, wie es soll. Das Leben plätschert dahin, in Bett und Herz herrscht tote Hose und an der Börse Baisse. Selbst der Plausch mit Kumpeln in der coolen Bar, neudeutsch »Lounge«, kreist ums leuchtend-leere Nichts. Nur manchmal gerinnt der Frust zur Selbsterkenntnis: »Arschkarte gezogen«.

Vier Zeitgeist-Loser dieser leichten Art hat die Berliner Autorin Gesine Danckwart, 31, für ihr fünftes Stück mit dem sprechenden, nicht zu viel versprechenden Titel »Arschkarte« erfunden. In der Regie von Remsi Al Khalisi, 33, wurde es am vergangenen Donnerstag im Jungen Theater in Göttingen uraufgeführt.

Ein Quartett von jungen Menschen (Agnes Giese, Nadja Petri, Jens Kraßnig und Stefan Rudolf) - modisch im Siebziger-Synthetik-Look gewandet - stolpert in einen kargen Raum (Bühne und Kostüme: Jessica Westhoven), der Bar, TV-Studio oder Wohnzimmer sein könnte. Vier offenbar Erfolgreiche, denen der Erfolg nicht reicht. Irgendetwas fehlt.

Sie sprechen im Stakkato der verletzten Sieger, Gespräche führen sie nicht. Wirklichkeits- und Wahrheitspartikel schwirren durch ihre Worte, und manch ein Fetzen einer vagen Erinnerung. »Gestern«, sagt eine der Frauen, »da habt ihr doch auch geredet. Da haben wir uns doch unterhalten über etwas. Da hatten wir ein Thema, Quatsch, verschiedenste Themen.«

Und so geht es mit dem Potpourri der Phrasen munter weiter. Aber immer, und das ist das große Talent der Autorin, schimmert beiläufig unter dem kunstvoll angehäuften Sprachschutt eine große, unerhörte Sehnsucht durch: Alle vier wollen sie erleben, die »Aufregung meines Herzens und

meines Körpers«. Dieses große

romantische Gefühl, das früher Liebessehnsucht hieß.

Für den unbändigen Trieb zum Seelenglück und das klägliche Scheitern daran findet der Text manchmal frech-frivole Metaphern. Einer der jungen Männer berichtet gehetzt von einem verpatzten Abenteuer: »Geht dieser Tunfisch aus der Tür und gibt mir noch ihre Telefonnummer, weil in ihr drinnen ein Gefühl rumfeuchtet, von dem sie gleich ihren Freundinnen erzählen muss.«

Entwicklungen machen die vier Zeitgeist-Ritter von der traurigen Gestalt natürlich keine durch. Sie drehen sich mit klingendem Wort-Spiel amüsant auf der Stelle, so wie dereinst die neckischen Ballerinen im Ballettröckchen auf der Spieldose im Kreise tanzten.

Eigentlich, erzählt die Autorin, entstand das Stück aus einer Idee zu einer Art Gesellschaftsspiel. Eine neudeutsche Variation von »Monopoly« hatte sich Danckwart in einem Anfall von Amüsierwillen ausgedacht. Statt: »Gehen Sie in das Gefängnis. Gehen Sie nicht über Los«, sollte es etwa heißen »Ziehen Sie die Arschkarte.«

Das Brettspiel hat sie wegen absehbarer Erfolglosigkeit verworfen und stattdessen das Stück geschrieben. Doch immer noch blitzen gelegentlich Momente auf, in denen die vier wie Kandidaten in einer hinterhältigen, abgefeimten TV-Show wirken.

Aber wie alle Danckwart-Texte ist auch dieses Stück vor allem ein Versuch, Monologe aufzubrechen und gegeneinander zu schneiden. In »Girlsnightout«, Danckwarts bisher größtem Erfolg (1999), geht es um drei Frauen, die sich für eine Sause durchs Nachtleben rüsten, in »Köder« (2000) stranden sechs einsame deutsche Großstädter in einer ungarischen Badeanstalt und entblößen die blanke Seele.

Danckwart, die 1992 in Berlin gemeinsam mit ihrem Stamm-Regisseur Al Khalisi die Off-Bühne »Theaterdock« gründete, beschreibt ihre Arbeiten selbst als »Trash-Collagen«, in denen sie versuche, das »Chaos neu zu bündeln«.

Mit diesem Müll-Bündel ist sie gut im Geschäft. Das Hamburger Thalia Theater plant eine Art Werkschau, und für das Dresdner TiF (Theater in der Fabrik) entsteht ein Stück zum Thema Arbeit.

Ihr künstlerisches Programm ist ebenso klar wie modisch: »Keine Psychologie und keine Geschichten«. Realismus - igitt.

Und so setzt sie auch in »Arschkarte« alles auf das schillernde Geflecht aus Andeutungen, Verweisen und Assoziations-Schnipseln. Aber ihr Gefühl für Rhythmus, Musikalität und Poesie von Sprache und Szenen ist so stark, dass der Abend trägt. Und auch ihr Regisseur lässt Schauspielern und Text die Freiheit, sich zu entfalten.

Gerade mal 55 Minuten dauert die Aufführung. Dann ist auf der kleinen Bühne unendlich viel gesprochen worden und alles gesagt.

Gesine Danckwart freilich träumt inzwischen schon von den großen Häusern. Ihre »Arschkarte« könnte sich auf dem Weg dahin als Grand mit Vieren erweisen.

JOACHIM KRONSBEIN

* Mit Nadja Petri, Jens Kraßnig, Agnes Giese, Stefan Rudolf.

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