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HOMER-MODERNISIERUNG Feuert nicht!

aus DER SPIEGEL 24/1960

Als »späte Rache« an seinem Griechischlehrer kennzeichnet der fast 65jährige Lyriker und Verfasser historischer Romane Robert von Ranke Graves sein einstweilen letztes Werk, eine freie Übersetzung der »Ilias« von Homer*. Der Pädagoge, dem die Rache des ehemaligen Gymnasiasten Ranke Graves gilt, hatte seinen Schülern alle jene Passagen der Ilias unterschlagen, in denen auch die schwachen Seiten der griechischen Götter und Helden gezeigt werden.

Bereits in seinen historischen Romanen »Ich, Claudius, Kaiser und Gott« (1934) und »Graf Belisar« (1938) hatte Graves historische Figuren der Spätantike als beinahe moderne Menschen beschrieben, deren Gefühle, Wünsche und Argumentationen sich kaum von denen gegenwärtiger Personen unterscheiden. Vornehmlich der Roman über den stotternden Claudius, den römischen Kaiser von 41 bis 54 nach Beginn der Zeitrechnung, hat auch in Deutschland beträchtlichen Erfolg beim Publikum gehabt.

Robert Graves - er ist ein Nachfahre des prominenten deutschen Historikers Leopold von Ranke - glaubt, daß »moderne Leser gewitzigter sind und rascher gelangweilt« als Leser vergangener Jahrhunderte. Um sein Publikum für das Altertum zu interessieren, übertrug Ranke Graves den Hornerischen Text - die »Ilias« behandelt den Trojanischen Krieg - in eine Sprache, die seinen Lesern völlig geläufig ist.

Wo der bis heute bekannteste deutsche Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß etwa den Donnergott Zeus, ziemlich getreu dem griechischen Original, zu seiner Tochter Athene sagen läßt: »Nicht mit des Herzens Meinung sprach ich das Wort; ich will dir freundlich gesinnt sein«, übersetzte Graves: »Liebes Kind, du solltest mich nicht allzu ernst nehmen. Ich bin dir durchaus wohlgesinnt.«

Solche göttliche Beschwichtigung hindert Athene freilich nicht, sich bei der Zeus-Gemahlin Hera wenig später über ihren Vater zu beklagen, den sie - laut Graves - einen »perversen, dickköpfigen, mißgelaunten Schurken« schilt. Bei Voß wie bei Homer klingt Athenes Beschwerde weniger respektlos: »Aber es tobt mein Vater mit übelwollendem Herzen.«

Helena, die sich möglicherweise nicht heftig genug gegen ihre Entführung durch den schönen Trojaner Paris gesträubt hat - die Entführung ist Anlaß des Krieges der Griechen gegen Troja -, nennt sich bei Homer in Augenblicken der Zerknirschung eine »Schändliche«. In der Übersetzung von Graves hält sie sich schlicht für eine »Dirne«. Die feierlichen Bekräftigungen eines Schwures allen, die ihn brechen, möge Schreckliches geschehen, zum Beispiel: »Die Gattinnen schände der Fremdling« - dichtete Graves freizügig um: »Mögen die Gattinnen nicht die Toten betrauern, sondern in einem fremden Bett scherzen.«

Graves ließ sich auch nicht den Scherz entgehen, die erhabene Spräche Homers auf eine Art zeitgenössisches Parlaments-Pathos zu reduzieren. Beim Abschied von seiner Frau Andromache läßt er den Trojaner Hektor erklären: »Meiner Überzeugung nach wird unsere heilige Stadt bald fallen.« Voß hatte übersetzt: »Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios (= Troja) hinsinkt.«

Englische Kritiker nahmen diese Ilias -Übersetzung recht reserviert zur Kenntnis. Die Wochenzeitung »New Statesman« umschrieb höflich: »Völliger Erfolg in einer Übersetzung dieser Art ist unmöglich, wenn wir eine vollkommene Übertragung des Sinns, des Rhythmus und der Wort-Melodie wünschen.« Die »Times« sprach sogar nur von einer »sogenannten Übersetzung«.

Die Einschränkung ist nicht unberechtigt. Wo im Original Homers der Führer des griechischen Heeres, Agamemnon, gebietet: »Haltet ein!«, läßt Graves - zweitausend Jahre vor der Verwendung des Schwarzpulvers - den Agamemnon kommandieren: »Feuert nicht!«

* »The Anger of Achilles«, Homers Ilias übersetzt von Robert Graves; Verlag Cassell London; 360 Seiten; 30 sh.

Ilias-Übersetzer Graves, Freund

Liebes Kind, sprach Zeus

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