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BÜCHER Fiedelnder Poet

Laurie Lee: »Am einem hellen Morgen ging ich fort«. Deutsch von Grete Felten. Kindler; 248 Seiten; 20 Mark.
aus DER SPIEGEL 22/1971

Welcher geschätzte Schreiber hat schon in Valladolid sein Brot als Straßenfiedler verdient? Der Engländer Laune Lee war 1935 in Spanien mit fast nichts als seiner Violine auf der Walze. ein Twen. Ein Jahr vorher hatte er von seinem Heimatkaff in Gloucestershire weggemacht. Keiner hielt ihn. Es zog den Dorfschüler nach London und ans Meer: »Es war grün, blähte sich sacht wie die Haut eines Frosches und trug schläfrige kleine Schiffe wie fliegen.«

Von Spanien wußte Lee kaum mehr als den Namen. Er betrat es in Vigo, durchgammelte es, ein Vorläufer, Einzelgänger, Gehgeiger, bis nach Gibraltar und dem andalusischen Flecken Castillo, wo ihn der Bürgerkrieg ein- und die Royal Navy abholte.

Aber Land und Leute waren ihm bei diesem eindringlich schrittweisen Kennenlernen so nahe gekommen, daß ihre Sache unmerklich zu seiner Sache wurde. Trotz einer lohnenden Geliebten zog der zuvor ganz unpolitische Lee erneut auf eigene Faust von England aus und stieg winters von Perpignan über die Pyrenäen, um sich den Republikanern im Kampf gegen die Franco-Faschisten zuzugesellen.

Damit enden die -- gar nicht veralteten -- »Aufzeichnungen eines Vaganten«, zweites Stück der poetischen, doch sprachlich durchaus präzisen Autobiographie des Lyrikers, der seinen Erlebnisstoff klischeelos und mit kluger erzählerischer Ökonomie übermittelt, eine Art disziplinierter Durrell. Kerouac, der so viel später »on the road« war, wirkt an Lee gemessen wie eine kaputte Plaudertasche, die die Wörter nicht halten kann.

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