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Pop Fiese Töne

Berliner Nachtschwärmer haben einen neuen Rhythmus entdeckt - Tekkno, eine Art Marschmusik für Roboter.
aus DER SPIEGEL 44/1991

Die Botschaft kam durchs Radio. »Eine Message geht hinaus an alle Raver«, sagte eine freundliche Mädchenstimme, »laßt uns abheben heute Nacht, in eine andere Galaxis! Treffpunkt: Köpenicker Straße 6 um elf Uhr.«

Die Köpenicker liegt in Kreuzberg, dort, wo einst die Mauer stand; nur ein paar Laternen malen mattes Licht auf eine triste Straße, auf der nach Einbruch der Dunkelheit normalerweise nicht einmal ein Rentner seinen Hund spazierenführt. Diesmal kommen fast 800 Menschen aus der Nacht. Männer mit roten Haaren und zotteligen Felljacken, Mädchen mit engen Lackkleidern und Turmfrisuren, junge Menschen, aufgeputzt mit Requisiten, die sie einem alten Science-fiction-Film entliehen haben könnten. 20 Mark sind der Eintrittspreis - nicht viel für einen Ausflug in eine andere Galaxie.

Die bunten Horden werden in gecharterte Busse der Berliner Verkehrsbetriebe verladen und ans Ziel gekarrt: zu einem alten Bunker irgendwo. Nicht die einstündige Holperfahrt, nicht die langdauernden Pinkelpausen, nur die fehlende Begleitmusik führen zur Unruhe, fast zur Meuterei. »Kannste nicht mal den Fahrkartenautomaten lauter ticken lassen«, fordert einer den uniformierten Fahrer auf, »dann haben wir hier wenigstens einen Rhythmus.«

Im Bunker, einem ehemaligen Munitionslager der Nationalen Volksarmee, blitzen Stroboskope, flackern bunte Lichter, der Rhythmus knallt den Ankommenden mit der Wucht einer Planierraupe in den Bauch, und der Kopf wird von Tönen bearbeitet, die nach Katastrophenalarm klingen. Die meisten beginnen zuckend herumzuspringen, einige blasen in Trillerpfeifen, andere ziehen die Hemden aus. Dazwischen Rufe, Gebrüll und Geschrei, immer wieder, immer lauter, schießlich als ein Wort verstehbar: »Techno!«

Techno, das ist mehr als dieser Laut, den Menschen von sich geben, wenn ihr Verstand gegen den Lärm keine Chance mehr hat. Techno ist zur Zeit die schnellste und erfolgreichste Tanzmusik. Formationen wie »KLF«, »LFO«, »T99« und »Tricky Disco« schafften es auf Anhieb, mit ihren Stücken in die Charts zu kommen.

Zudem ist Techno eine Aufforderung zum Exzeß, die neue Partyformen entstehen läßt. Und die harte Variante von Techno, die sie »Tekkno« nennen, bezeichnet jenen Taumel, in den das Berliner Nachtleben geraten ist.

Seit ein paar Monaten gibt es Leute in Berlin, die behaupten, sie hätten drei Tage und drei Nächte durchgetanzt. Ob sie im Westen oder Osten wohnen - das elektronische Gehämmer macht sie alle gleich.

»Es kommt vor allem auf die fiesen Töne an«, sagt Tanith, der als Berlins härtester Diskjockey gilt: »Erst dann geht das Brett so richtig ab.« Mit »Brett«, auch »Planke« genannt, bezeichnen Techno-Jünger Stücke mit rasendem Rhythmus, einem donnernden Beat, über den verdrehte Synthesizerklänge und modulierte Alltagsgeräusche gelegt werden: Zahnarztbohrer beispielsweise.

So ein Brett klingt wie Marschmusik für heißgelaufene Spielzeugroboter. Deshalb sucht Tanith, der aus einem Dorf bei Wiesbaden stammt und Tag und Nacht in einer Camouflage-Uniform samt Wehrmachtskappe herumläuft, nicht lange nach einer Definition, wenn er beschreiben soll, was das Wort meint: »Ein Brett hat für normale Konsumenten nichts mehr mit Musik zu tun.«

Tanith gehört zu den Berliner Diskjockeys, die nicht nur nächtelang Platten auflegen, sondern es geschafft haben, auch selbst welche aufzunehmen und zu produzieren. Genau wie seine Kollegen DJ Dick (bürgerlich Fabian Lenz), DJ WestBam (bürgerlich Maximilian Lenz) und DJ Kid Paul ist er einer der Stars der Berliner Subkultur. WestBam, der ein 300 000 Mark teures, vollelektronisches Studio besitzt und einen Plattenvertrag bei Polydor hat, ist sogar jenseits von Berlin bekannt.

WestBam jammert darüber, daß Tekkno von den meisten Berliner Hörfunkstationen als stumpfer Staubsaugersound für Minderheiten betrachtet werde. »Was heißt hier Untergrund«, empört sich der Westfale: »Wenn unsere Veranstaltungen bis zu 3000 Leute ziehen und die dann ausrasten zu einem Sound, der im populären Radioprogramm keine Chance hat, dann ist doch Tekkno zu einer abstrakten Form der Volksmusik geworden.«

Daß sich im verschlafenen und gammeligen Berlin überhaupt so etwas entwickeln konnte, verdankt die Stadt der Vereinigung. »Als die Mauer fiel«, sagt Plattenproduzent William Röttger, »war es vorbei mit der provinziellen Großstadtsimulation, aus einem Altersheim ist eine Stadt geworden.«

Besonderen Enthusiasmus bei der Schaffung eines neuen, anderen Nachtlebens entwickelte der im Ostteil von Berlin lebende Wolle (Wolfgang) Neugebauer. Der ehemalige Theatertischler, der anfangs nicht mal wußte, wie man einen Fotokopierer bedient, und nicht genug Geld besaß, um ein paar Platten zu kaufen, veranstaltete in Ost-Berliner Kulturhäusern Ende 1989 die ersten Partys, aus denen sich später der »Tekknozid-Club« entwickelte.

Neugebauer, ein dürrer, hoch aufgeschossener, nervöser Junge, über seine Pionierleistungen von damals: »Anfangs mischten wir Kassetten zusammen, ließen ein Stroboskop blitzen und stellten Go-Go-Girls auf Würfel. Die Leute, die aus dem Westen kamen, zuckten die Schultern und sagten: Das will doch kein Mensch mehr hören.«

Heute spielt sich das Nachtleben der Subkultur zum größten Teil im Osten ab, und die Musik, die damals keiner hören wollte, liefert den Soundtrack zu wilden Festen in alten Elektrizitätswerken, Bunkern und halbverfallenen Lagerhallen.

Hinter all diesen Anstrengungen steht der Haß auf normale Diskotheken, wo sich, laut Neugebauer, nur der »Abschaum« gegenseitig die neuesten und teuersten Statussymbole vorführt. Hinzu kommt eine Lust auf Abenteuer und Entdeckungen, die dazu führt, daß alte, sinnlos gewordene Gebäude sich mit neuem Leben füllen.

Einige Klubs, wie das hinter Schutthalden gelegene »WMF«, sind jedes Wochenende geöffnet; andere wie das »Planet« unregelmäßig, weil die amtliche Genehmigung fehlt.

Am bekanntesten aber ist das »Tresor«, den die West-Berliner Szene-Veteranen Dimitri Hegemann und Achim Kohlberger im März eröffnet haben. Fünf Minuten vom ehemaligen Führerbunker in der Leipziger Straße gelegen, ist der einstige Tresorraum des Kaufhauses Wertheim die Renommieradresse des Berliner Untergrunds. Oben an der Bar läuft Hip-Hop-Musik in Zimmerlautstärke; unten, hinter der Panzerstahltür und den 1,50 Meter dicken Stahlbetonwänden, tobt das Tekkno-Inferno.

Noch ist sich in Berlin niemand so recht darüber im klaren, was Tekkno für die Stadt bedeutet. Von einer ungeheuren Energie ist die Rede, die wie ein Virus über Berlin gekommen sei und sich jetzt im Nachtleben verbreite. Manche, wie Neugebauer, deuten das Ganze einfach als »Befreiungstanz«, durch den Zivilisationsängste ausgeschaltet würden und ein neues Bewußtsein geboren werde.

Andere, wie DJ WestBam, sehen Tekkno als logische Fortentwicklung der elektronischen Musik, in welcher sich die Rhythmen und Geräusche der Großstadt wiederfinden sollen.

Hegemann und Kohlberger halten die Tekkno-Szene mit ihren psychedelischen Installationen nur für einen weiteren Versuch, den Alltag aus den Fugen zu sprengen und eine Revolution der Betrachtungsweisen herbeizuführen. Alles soll möglich sein, ein neues Spiel zur neuen Musik.

Vielleicht ist alles möglich, eines ist sicher: Techno in allen Varianten - das ist Popmusik, die ohne Botschaften und Ideologien auskommt; das sind Geräusche, die zu offenen Zeichen geworden sind. Und jeder - Bankangestellte wie Skinheads, Hippie-Mädchen wie Supermarkt-Verkäuferinnen - kann sie mit jener Bedeutung füllen, die in seinem Kopf für Vergnügen steht.

Den meisten geht es wie Birgit, die ihre halblangen blonden Haare um sich wirft und schreit, während die Soundgewitter sich entladen: »Für mich ist das Entspannung pur, wie Sex machen oder am Strand liegen.«

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