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Film: US-Trauma Vietnam

Jahrelang hatte sich Hollywood geweigert, einen verlorenen US-Krieg zu bewältigen. Beim Festival von Cannes zeigen die Amerikaner nun Vietnam-Filme -- die Frage nach der Kriegsschuld bleibt jedoch noch immer ein Tabu.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Als eine der »schönsten Liebesgeschichten, die Sie jemals zu sehen bekommen« und als zeitgenössische Version des Bogart-Klassikers »Der Schatz der Sierra Madre« werden zwei Filme angepriesen, mit denen die USA im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes vertreten sind. Was derart schaumige PR-Camouflage verbergen möchte: Beide Filme, Hai Ashbys »Coming Home« und Karel Reisz' »Who'Il stop the Rain«, handeln, zumindest indirekt, vom Vietnamkrieg.

Drei Jahre nachdem die größte Militärmacht der Welt von einem kleinen asiatischen Bauernvolk eine nicht zuletzt auch moralische Niederlage hinnehmen mußte, wagt Hollywood ein Trauma anzutasten, das bislang aus dem öffentlichen Bewußtsein schamvoll verdrängt worden war.

Während dem israelischen Husarenstück von Entebbe gleich mehrere Zelluloidduplikate in Schnellschußmanier folgten, hatte die Traumfabrik zum Thema Vietnam nur John Waynes 1968 entstandene Ledernacken-Hymne »Die grünen Teufel« zu bieten. Wer sich anders als in faschistoider Rechtsauslage mit diesem Krieg beschäftigte, den traf der Bannstrahl der verängstigten Studios.

Doch nun scheint sich das Bild radikal gewandelt zu haben. Als Francis Ford Coppola ("Der Pate"), der die Freiheit des kommerziell Erfolgreichen genießt, vor zwei Jahren einen Vietnam-Film unter dem Titel »Apocalypse Now« zu drehen begann, holten die Studios, mögliches Geschäft witternd, ebenfalls Vietnam-Projekte aus ihren Giftschränken.

Während Coppolas Apokalypse, mit einem Budget von nahezu 30 Millionen Dollar, im Dezember dieses Jahres erscheinen wird, kommen die ersten Vietnam-Filme schon jetzt ins Kino, und es zeigt sich, daß Hollywoods Mut in Sachen Vergangenheitsbewältigung vor den Grenzen kommerzieller Verwertbarkeit und moralischer Bußfertigkeit erwartungsgemäß haltmacht.

»Die Boys von Kompanie C«, gegenwärtig in deutschen Kinos zu sehen, ist nichts als eine der herkömmlichen 08/15-Kommiß-Plotten, deren Der-Krieg-ist-schmutzig-Botschaft sieh kaum vom üblichen Standard-Tenor aller Kriegsfilme unterscheidet. Immerhin, daß da ein Trupp junger, Rekruten einen Konvoi durch den Vietnamdschungel an die Front zu geleiten hat, dessen Ladung nicht wie behauptet aus wichtigen Kriegsgütern, sondern aus Whisky und Zigaretten und aus einem Wohnmobil für den General besteht, mag noch als sarkastischer Kommentar zur Sinnlosigkeit des US-Engagements durchgehen.

Karel Reisz schildert in seinem Film »Who'Il stop the Rain die Geschichte eines Vietnam-Veteranen, der sich von einem Freund dazu überreden läßt, zwei Kilo Heroin aus Saigon in die USA zu schmuggeln. Er wird dabei von

* Jon Voight und Jane Fonda.

der Polizei beobachtet und ist gezwungen, in die Berge zu fliehen, wo er sich nach alter Western-Manier verschanzt und beim unausweichlichen Showdown den Heldentod stirbt.

Wie eine kaputte Liebe für Alkoholismus oder mangelnde elterliche Zuneigung für Bettnässen wird hier die Erfahrung Vietnam als oberflächliche pseudopsychologische Erklärung für Gewalt und Verbrechen herangezogen, ohne daß auch nur ein einziges Mal auf die Schuldigen an der seelischen Verkrüppelung dieses Antihelden verwiesen wird. Reisz geht der Verantwortung aus dem Wege und flüchtet sich in die -allerdings brillant gefilmten -- Topoi des Action-Genres. Mit Vietnam hat sein Film soviel zu tun wie die Mafia mit der italienischen Oper.

Daß der Vietnamkrieg nicht nur ein Land auf Jahrzehnte hinaus verwüstet, die moralische Glaubwürdigkeit einer Nation, die sich einst als Vorbild sah, zerstört hat, sondern auch eine Schattenarmee von körperlich und geistig Verwundeten hinterließ, ist eine Tatsache, vor der die amerikanische Öffentlichkeit lange ihre Augen verschloß. Noch 1972 wurde der querschnittgelähmte Vietnam-Veteran Ron Kovic vom republikanischen Parteitag in Miami entfernt, als er dort eine Rede gegen den Krieg zu halten versuchte. Inzwischen bereitet William Friedkin ("Der Exorzist") die Verfilmung von Kovics Kriegsmemoiren »Born on the fourth of July« vor.

Wie Kovic erklärte man auch Jane Fonda zur Persona non grata, nachdem sie in Nordvietnam gewesen und für den Vietcong Partei ergriffen hatte. Fünf Jahre lang versuchte »Hanoi Jane«, wie Hollywood sie apostrophierte, vergeblich, einen Film über den Vietnam-Konflikt zu produzieren. Als sie lauthals Frieden mit Hollywood schloß, ermöglichte man ihr, »Coming Home«, dessen Konzeption bis 1972 zurückreicht, zu drehen.

Im Rahmen einer eher konventionellen Dreiecksgeschichte schildert »Coming Home« die Konflikte der auf vielfältige Weise blessiert heimkehrenden Soldaten. Jane Fonda spielt Sally Hyde, eine Offiziersgattin, die, während ihr Mann Bob (Bruce Dem) nach Vietnam »wie zu den olympischen Spielen« geht, in einem Armeehospital als Hilfsschwester arbeitet. Dort lernt sie Luke Martin (John Voight), einen querschnittgelähmten Vietnam-Veteranen, kennen.

Zwischen beiden entwickelt sich eine Liebesaffäre, in deren Verlauf sich die einst patriotisch unkritische Sally zu einer Anti-Vietnam-Aktivistin mausert. Als Bob, äußerlich unversehrt, innerlich jedoch desillusioniert und verstört, zurückkehrt, ist er unfähig, mit seiner derart gewandelten Frau weiterzuleben. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit ihr und Luke verübt er auf eine sanfte Weise Selbstmord: Er geht ins Wasser.

Nicht nur dieser beinahe lächerliche Schluß beeinträchtigt die sonst ehrenhaften Absichten des Films. Ein bissiger US-Kritiker meinte, »Coming Home« habe mehr mit dem ersten Orgasmus einer Frau zu tun als mit dem Vietnamkrieg. Tatsächlich erfährt Sally erstmals mit dem verkrüppelten Luke den Höhepunkt der Liebe, und Hal Ashby filmt das so ausführlich, als wäre Emmanuelle unter die Vietnamgegner gegangen.

Vietnam selbst bleibt auch nichts als ein schimärenhafter Alptraum ohne zwingende Motivation für den Dreieckskonflikt. Bob könnte ebensogut auf Montage nach Kuweit gehen und Luke Opfer eines Verkehrsunfalls sein; es ließe sich daraus dasselbe Drama konstruieren.

Doch man sollte Hollywood nicht das abfordern, was selbst die politische Öffentlichkeit der USA kaum zu leisten imstande ist. Und: Haben nicht auch wir die filmische Bewältigung unserer faschistischen Vergangenheit zunächst dem versöhnlichen Käutner ("In jenen Tagen") und dem strammen Wisbar ("Nacht fiel über Gotenhafen") überlassen?

»Ich glaube nicht«, erkannte jüngst der einstige Anti-Vietnam-Aktivist Peter Davis und Regisseur einer erschütternden Vietnam-Dokumentation ("Hearts and Minds"), »daß unser Land die Erfahrung Vietnam schon verarbeitet hat; und ein Film, bei dem die Leute sich schuldig fühlen, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie ein deutscher Autor, der seine ältere Generation zur Verantwortung ziehen würde.«

Vietnam ist kein Tabu mehr, die Schuld an diesem Krieg ist es jedoch noch immer.

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