Zur Ausgabe
Artikel 52 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Film: Was ist am Faschismus so sexy?

Ab Freitag dieser Woche läuft in den deutschen Kinos der italienische Skandalfilm »Der Nachtportier«. Die Regisseurin Liliana Cavani stellt darin eine sadomasochistische Liaison zwischen einer Jüdin und ihrem KZ-Schinder dar -- in dekadentem Nostalgie-Look. Neue Welle im internationalen Film: »Erotisierung des Faschismus«
aus DER SPIEGEL 8/1975

Die Nostalgie, diese kulturelle Zeitstimmung, mit melancholisch und ästhetisch verklärtem Blick in die Vergangenheit, besonders ins späte 19. Jahrhundert und in die zwanziger und dreißiger Jahre zu schwärmen, ist zur fast alles beherrschenden, alles beiseite drängenden Film-Mode geworden.

In Hollywood, das in einem Popularitäts- und Produktionsrausch auflebt, werden von den jungen Regisseuren die romantischen, pessimistischen Liebes- und Kriminalfilme der zwanziger und dreißiger Jahre des US-Kinos nachempfunden -- mit mehr Erotik, Crime, Todeskult und Brutalität.

Martin Scorsese, 32, einer von Hollywoods interessantesten neuen Regisseuren, will, vor kurzem noch völlig unvorstellbar, Thomas Manns Novelle »Tonio Kröger« aus dem Jahre 1903 verfilmen.

Gleichzeitig drängen sich in New York Besucher des Metropolitan Museum in die Sonder-Schau »Romantic and Glamorous Hollywood Design« mit Kostümen von Greta Garbo bis Marlene Dietrich aus den goldenen Jahren der Traumfabrik.

In Frankreich und Italien, die Europas höchstentwickelte Filmindustrie und -kultur haben, bestimmt die nostalgische Tendenz gegenwärtig so gut wie die ganze anspruchsvolle Filmproduktion -- vor allem in einer Spielart, die wie ein grell-buntes Kino-Remake einiger extremer Motive der neuromantischen und spätbürgerlichen Dekadenz-Kunst von Oscar. Wilde bis Thomas Mann wirkt.

Die Zeiten, in denen ein Godard Filme für die »Kinder von Marx und Coca-Cola« drehte, scheinen endgültig vorbei. Jean Eustache, 36, Frankreichs wichtigster junger Regisseur. der mit »Die Mama und die Hure« der Generation des Pariser Mai »68 eine brillante, romantische, sarkastische Grabrede hielt, kehrt jetzt mit dem Ruf »Ich scheiße auf die Gegenwart!« zum rebellischen, zivilisationsflüchtigen Dichter Arthur Rimbaud zurück, dessen verzweifelt-schwärmerische Liebesgeschichten »Meine kleinen Geliebten aus dem Jahr 1871 er verfilmte. Francois Truffaut, 43, auch schwer von Melancholie befallen, dreht unter dem Titel »Die Geschichte von Adele« die »obsessive Liebe und bizarre romantisehe Reise« der Tochter des »Glöckner von Notre-Dame«-Autors Victor Hugo.

Der neueste französische Skandalfilm mit Romy Schneider, »L'important c'est d'aimer«, den der polnische Regisseur Andrzej Zulawski« 34, inszenierte, spielt zwar in der Gegenwart, doch Stil und Klima sind eindeutig nostalgisch und dekadent. Die morbide

Hannelore Elsner, Elke Sommer

Erotik des in halbmondänem Pariser Milieu spielenden Melodrams kommt schon im ungewöhnlichen Make-up Romy Schneiders zum Ausdruck: Abwechselnd erinnert sie an Greta Garbo. Wiener Jugendstil, Cleopatra, eine exotisch geschminkte Leiche und eine lüsterne Madonna.

Entsprechend abenteuerlich und schwül verläuft die Handlung des Films: eine wüste Dreiecks-Story zwischen einer Schauspielerin (Romy Schneider), einem arbeitslosen, müßiggängerischen Filmfan, der ihr Mann ist und sieh am Ende während einer »King Kong«-Vorführung in der Kinotoilette vergiftet, und einem skrupellosen Photoreporter. der ihr Liebhaber ist und in die Abhängigkeit eines säuischen Porno-Produzenten gerät.

Dieses exzentrische Erotikon ist. wie es zum Stil der neuen Schauerromantik im Kino paßt. mit Szenen durchwachsen, vor deren »exzeptioneller Grausamkeit« ein Zensurvermerk auf dem französischen Filmplakat warnt. Am 28. Februar kommt Zulawskis vom Pariser Nachrichten-Magazin »L'Express« als »bedeutend« bezeichneter Film unter dem Titel »Nachtblende« in die deutschen Kinos.

Die nostalgische Kino-Stimmung macht offensichtlich auch die Überwindung der »Berührungsangst« gegenüber Faschismus und Nationalsozialismus zu einer bequemen bis delikaten Ablenkung, die oft in blinde Faszination, morbide Frivolität und zynische Vermarktung umschlägt.

In einem in der »New York Review« erschienenen Essay »Fascinating Fascism« attackiert die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag den US-Kult um Leni Riefenstahl, der Regisseurin des NS-Parteitag-Films »Triumph des Willens«, und die »weihevolle Erotisierung des Faschismus« in neueren Filmen.

Fellini stellte in seinem Erinnerungsfilm »Amarcord« den italienischen Faschismus als deftigen Klamauk dar. Der amerikanische Film »Cabaret« spiegelte mit der Sängerin Liza Minnelli das Berlin von 1930 als erotisch freizügige Blaue-Engel-Welt und eine Art dekadentes, von Nazi-Terror heimgesuchtes Las Vegas vor. Die deutschen Film-Intellektuellen Edgar Reitz, 42. und Alexander Kluge, 43, verwandelten in ihrer kürzlich im Fernsehen ausgestrahlten »Reise nach Wien« das Dritte Reich in eine bumsfidele Kostüm-Boutique im Nostalgie-Look, in der es meist herging wie in einer Ufa-Klamotte; selbst die Kamera bemühte sich um kesse Nachempfindung des Ufa-Stils.

Irrlichtert der deutsche Jungfilm nach seiner wirkungslosen Politisierung nun zurück in den blanken Ästhetizismus? Edgar Reitz sagt zu der »Reise nach Wien": »Ein künstlerisches Werk ist zunächst einmal politisch etwas ganz Unbedeutendes«. und »zweifellos stellt« dieser Film »ein ästhetisches Gebilde dar«. Dennoch macht ein Schrank voller fescher Nazi-Kleider noch keinen Film, der die Zuschauer, wie behauptet wird, zu der Frage anregt.« Was war denn das für eine Welt?«

Die französischen Filme über Nazi-Terror und Juden-Verfolgung, wie Louis Malles »Lacombe Lucien« und die in Deutschland noch nicht gespielten Filme »Les violons du bal« und »Les guichets du Louvre« aus jüngster Zeit, schildern diese »Welt« auch als ästhetisch attraktiv. »Seit über einem Jahr«, so schreibt die »New York Times, »insistieren viele Filme, daß die Vergangenheit schöner war als die Gegenwart.« Auch aufregender, sinnlicher, ausgelassener -- nicht zuletzt die Jahre des Faschismus.

Eine ganz spezielle, sehr radikale Neigung, Nostalgie und Dekadenz mit Faschismus oder Sadismus ästhetisch und erotisch zu verbinden, befällt zusehends mehr italienische Regisseure. Ihre Filme, die der Reihe nach alle auch in die deutschen Kinos kommen -- Luchino Viscontis »Gewalt und Leidenschaft«, Liliana Cavanis »Nachtportier«, Bernardo Bertoluccis »1900« und Pier Paolo Pasolinis »Die 120 Tage von Sodom« -, beschwören fast kultisch eine entfesselte, destruktive, wohl auch sehr katholische Erotik.

Diese Filme, gemacht von Leuten. die sich alle Marxisten nennen, wiederholen im Grunde nur die Motive, die einst der monströse italienische Dekadenz-Dichter d'Annunzio um 1900, beeinflußt von Oscar Wilde, Wagner und Nietzsche« in seinen Werken zelebrierte. Das reicht von der romantischen Idee von der absolut triebhaften, perversen und hynotisierenden Frau über die Phantasie vom unerbittlichen Willen des Geschlechts, der alle Grenzen sprengt, bis zur Vorliebe für das Wilde, Exotische und sinnlich Qualvolle. Neue Reizmittel für die durch die fehlgeschlagene Kulturrevolution erschlafften Triebe?

Bernardo Bertolucci, 34, hat für seinen hyperästhetisch in Jugendstil-Dekor inszenierten »Letzten Tango in Paris« neben dem erotischen Mystiker Georges Bataille einiges von Gabriele d'Annunzio gelesen, nach dessen morbider Idee vom »Märtyrer der Wollust« er die Rolle des kindlich-primitiven Erotomanen Marion Brando gestaltete. Luchino Visconti« 68, Bertoluccis große Vaterfigur, will, bevor er sein Lebenswerk, die Verfilmung von Thomas Manns »Zauberberg«, in Angriff nimmt, als nächstes Erzählungen von d'Annunzio verfilmen.

Visconti« der linke Aristokrat und Stilist, ist überhaupt als Ur-Vater der filmischen Dekadenzwelle anzusehen. Schon 1969 nahm er fast alles in dem Nazi-Melodram »Die Verdammten« mit seiner nostalgischen Kombination von elitärer Kultur und barbarischer Erotik vorweg. Auf der einen Seite in dem Industriellen-Haushalt ä la Krupp Bachsche Hausmusik und romantische italienische Lyrik, auf der anderen brutaler Inzest und eine genüßlich. überdekorativ inszenierte homosexuelle SA -- Orgie, auf die ein sadistisches Massaker folgt.

In seinem neuen Film »Gewalt und Leidenschaft«, Ende März in deutschen Kinos, versucht Visconti eine Meditadon über die Krise und Dekadenz der italienischen Gegenwartsgesellschaft, die freilich in der exotisch-ästhetischen Exklusivität der römischen Großbourgeoisie angesiedelt ist. Ein alter melancholischer Professor. Kunst- und Musikliebhaber, verfolgt aus der Ferne ein erotisches Vierecks-Verhältnis, bestehend aus Mutter, Tochter, Verlobtem der Tochter und Liebhaber der Mutter.

In diesen Highlife-Morast aus Homosexualität. Gruppen-Sex, Drogen, Kriminalität, Korruption und Selbstmord bricht politische Gewalt in Gestalt eines Neofaschisten ein, der einen Staatsstreich plant. Doch selbst dieser Film spielt nur scheinbar in der Gegenwart, das raffinierte, minuziös arrangierte Dekor ist, wie könnte es auch anders sein, pures Fin de siècle.

Faschismus, Erotik und extravagantes Dekor verband auch schon Bertolucci in seinem 1969 gedrehten Film »Der große Irrtum«, der in Kürze wieder in die deutschen Kinos kommt. Ähnlich wie Louis Malle in »Lacombe Lucien« schildert Bertolucci eine dämonisch angehauchte Liebesaffäre zwischen einem Faschisten und seinem potentiellen Opfer.

Total entfesselt läßt Bertolucci die Paarung von Faschismus und Sexualität in seinem Historiengemälde »1900« toben, bevorzugt vor Art-Deco-Hintergrund. Der Faschist hört dort auf den Namen Attila und ist ein absurdes Monstrum, das von seiner geilen, ebenso machtgierigen wie unterwürfigen Geliebten aus dem Großbürgertum in einen rüden sexuellen Exzeß nach dem anderen getrieben wird.

Die erotischen Beziehungen sind in 1900« von Vergewaltigung, Brutalität und Hysterie bestimmt und nicht selten unmittelbar mit Mord und Blut vermischt. Bertolucci sieht seinen Faschisten als Konzentrat »aller aggressiven, negativen, destruktiven Kräfte« und antwortet auf das Erstaunen, daß seine Liebesszenen nie zärtlich, sondern immer äußerst gewalttätig sind: »Die Aggressivität, die in jedem von uns ist, wird meistens durch die Sexualität zum Ausdruck gebracht. Die Grundlage der Sexualität in der neuen Welt ist der Sadomasochismus.« Ende dieses Jahres wird diese Botschaft des talentiertesten jungen Filmregisseurs der Gegenwart im Monumentalformat über die Kino-Leinwände flimmern

Reichliche Anleihen bei Bertolucci und Visconti hat die italienische Regisseurin Liliana Cavani, 38, für ihren Schauerfilm »Der Nachtportier« genommen. Frau Cavanis romantisches, sadomasochistisches Sexkrieg-Märchen, das zu beweisen versucht, daß eine jüdische Frau (Charlotte Rampling) ihren KZ-Schinder (Dirk Bogarde) sogar bis in den gemeinsamen Tod lieben kann, war der erfolgreichste italienische Film des vergangenen Jahres.

Auch Liliana Cavani, die einst kritische, marxistisch orientierte Fernsehdokumentationen über das Dritte Reich, den Stalinismus und die Rolle der Frauen in der Resistenza gedreht hat, huldigt dem neumodischen. morbiden Ästhetizismus (etwa in einem Ein-Mann-Schwulen-Ballett im KZ), wobei ihr Schwelgen in der Dekadenz weniger elegant und sehr viel kälter wirkt als das der männlichen Regisseure.

Frau Cavani meint es bitter ernst und stellt an den Schluß eines intellektuell überzüchteten Aufsatzes zum »Nachtportier« ein Nietzsche-Gedicht: »Ich will Dich kennen, Unbekannter Du tief in meine Seele Greifender / Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender / Du Unfaßbarer, mir Verwandter / Ich will Dich kennen, selbst Dir dienen«

Liliana Cavani, die zu dem Film durch intime Berichte jüdischer Frauen über ihre erotischen Affären mit deutschen KZ-Offizieren inspiriert wurde, während sie eine TV-Dokumentation über das Konzentrationslager Dachau drehte, nennt den Nationalsozialismus ein für Frauen »sehr aufschlußreiches alptraumhaftes Abenteuer« und den »Nachtportier« einen »subversiven Frauenfilm": »Ich finde die SS-Uniform sehr erotisch.«

Die amerikanische Women's-Lib-Journalistin Molly Haskell verteidigt Liliana Cavanis »delirien- und traumhaften« Film als entschieden »feminin«. er sei eine Hymne auf erotische »Ekstase, Zärtlichkeit und Selbstlosigkeit«.

Trotzdem läßt sich nicht so einfach vom Tisch wischen, was die französische Zeitung »Le Monde« Liliana Cavani und verwandten Regisseuren in einer heftigen Attacke vorwarf: Die Filme seien Ausdruck einer krankhaften und übersteigerten Neigung für die Moden der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre -- »ihre Autoren leben nicht mehr in der Gegenwart und entscheiden sich für den Rückzug«. ·

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.