Filme der Woche Isländischer Vierkampf – Ballern, prügeln, rasen, turteln

Eine Elvis-Biografie wie ein Wirbelsturm, ein geheimnisvoller Mafia-Bunker, zwei durchgeknallte Cops auf den Straßen von Reykjavík und eine Reifeprüfung, die auch ohne Dustin Hoffman Spaß macht – unsere Filme der Woche.
Szene aus »Cop Secret«: Die Actionkomödie verwandelt Reykjavík in ein Sündenbabel

Szene aus »Cop Secret«: Die Actionkomödie verwandelt Reykjavík in ein Sündenbabel

Foto: 2021 Pegasus Pictures

Ab 23. Juni im Kino:

»Elvis«

»Wise men say only fools rush in«, so beginnt einer der berühmtesten Songs von Elvis Presley: Nur Narren, sagen die Weisen, platzen mit der Tür ins Haus. Der australische Regisseur Baz Luhrmann erhebt vielleicht nicht den Anspruch, ein weiser Mann zu sein, stattdessen versucht er sich erneut als einer der mutigsten und virtuosesten Filmemacher seiner Generation. Sein Film »Elvis« stürzt sich mit einem Wirbelsturm aus tollkühn montierten Bildern und Musik in die Biografie des Sängers aus Memphis, Tennessee, der in den Fünfzigerjahren als Sexsymbol und Rock-’n’-Roll-Ikone begann und 1977 als ta­blettensüchtige Ruine endete.

Hauptdarsteller Austin Butler in »Elvis: Tollkühn montierte Bilder

Hauptdarsteller Austin Butler in »Elvis: Tollkühn montierte Bilder

Foto: Capital Pictures / ddp

Der Beginn des Films ist so reizüberflutend und mitreißend, wie frühe, hüft­zuckende Elvis-Auftritte auf das Teenagerpublikum gewirkt haben müssen. Luhrmann nutzt die Kraft seines Mediums, indem er die musikalische Erweckungsgeschichte des jungen Elvis durch die Kultur der Schwarzen als elek­trisierenden Taumel zwischen einer verruchten Bluesszene und einem ekstatischen Gospelgottesdienst zeigt. Bekannt wurde Luhrmann mit seiner Klassikermoderni­sierung »Romeo + Julia« und dem Showbizmusical »Moulin Rouge«.

Seine nicht minder beherzte »Elvis«-Story erzählt er aus der Sicht des Bösewichts, des Managers »Colonel« Tom Parker (Tom Hanks). Doch je länger der junge, naive Titelheld (Austin Butler) von seinem Mentor manipuliert wird, desto öfter geht dem Film dramaturgisch die Puste aus. Nur selten dringt er von seiner atemlosen, visuell brillanten Oberflächenbespiegelung in die Tiefe der Charaktere vor. Luhrmanns Liebe für Elvis Presley aber ist in jedem der sorgsam gesetzten Songs, Schnitte und Bilder zu spüren. Am Ende ist man neu verzaubert vom King: »Can’t Help Falling in Love«. Andreas Borcholte

»Elvis«, USA 2022. Regie: Baz Luhrmann. Buch: Luhrmann, Craig Pearce, Sam Bromell, Jeremy Doner. Mit Austin Butler, Tom Hanks, Olivia DeJonge. 159 Minuten.

Szene aus »Chiara«: Coming-of-Age-Geschichte und aufwühlende Studie über die Mafia

Szene aus »Chiara«: Coming-of-Age-Geschichte und aufwühlende Studie über die Mafia

Foto: MUBI (DCM)

»Chiara«

Giulia hat eine Überraschung für ihre jüngere Schwester Chiara parat: Sie hat die Führerscheinprüfung bestanden, jetzt geht es gleich auf die erste gemeinsame Spritztour. Auf der rückt Chiara mit ihrer eigenen Überraschung heraus. Sie hat im Wohnzimmer den Zugang zu einem Bunker entdeckt. Dort scheint sich ihr Vater zu verstecken, der von der Polizei wegen Verbindungen zur Mafia gesucht wird. Giulia ist aber nicht überrascht. Sie dreht das Radio lauter und sagt nur: »Nicht im Auto.« Doch auch außerhalb des Wagens verrät Giulia nicht, was es mit der Arbeit des Vaters und seiner Flucht auf sich hat. Ganz auf sich gestellt, muss die 15-jährige Chiara herausfinden, was es heißt, wenn die eigene Familie Teil der 'Ndrangheta ist.

»Chiara« ist der abschließende Film von Jonas Carpignanos mehrfach preisgekrönter Trilogie über die kalabrische Ortschaft Gioa Tauro. In seinem Debüt »Mediterranea« von 2015 näherte sich Carpignano den afrikanischen Geflüchteten, die ohne Papiere vor Ort leben. In »A Ciambra« von 2017 stand eine Roma-Community im Mittelpunkt. Figuren aus beiden Filmen tauchen auch in »Chiara« auf, doch der Film steht für sich, ist einfühlsame Coming-of-Age-Geschichte und aufwühlende Studie über die Mafia zugleich. Verbunden werden beide Elemente durch das intensive Spiel von Laiendarstellerin Swamy Rotolo als Chiara, deren tatsächliche Familie auch im Film mitwirkt: Ihr durchdringender Blick stellt die Autoritäten in ihrem Leben, den Vater ebenso wie den Staat, gnadenlos auf den Prüfstand. Wie sie schließlich zu ihrem Urteil über beide kommt, hat das Kino in seinen Erzählungen über die Mafia so noch nicht eingefangen. Hannah Pilarczyk

»Chiara«, Italien 2021. Buch und Regie: Jonas Carpignano. Mit Swamy Rotolo, Claudio Rotolo, Carmela Fumo, Enzo Rotolo. 121 Minuten.

Hauptdarsteller Blöndal: Zwischen »Die Hard« und »Police Academy«

Hauptdarsteller Blöndal: Zwischen »Die Hard« und »Police Academy«

Foto: 2021 Pegasus Pictures

»Cop Secret«

Die spinnen, die Isländer: Der Regisseur und ehemalige Fußballstar Hannes Thór Halldórsson hat eine Actionkomödie über zwei schwer durchgeknallte und ineinander verliebte Supercops gedreht. Manchmal benehmen sich die Helden auf ihrer Gangsterjagd und bei ihrer Turtelei zu blöd, um wirklich lustig zu sein. Doch meistens macht diese isländische Huldigung an die Tradition des »Die Hard«-Krawalls und des »Police Academy«-Klamauks ziemlich Spaß.

Der cool verschlampte, versoffene Polizist mit dem schönen Namen Bùssi (Auðunn Blöndal) ist der härteste Kriminellenschreck von Reykjavík. Sein größter Konkurrent ist der Polizeikollege Hörður (Egill Einarsson), der außerhalb der Hauptstadt arbeitet – und von den Medien angehimmelt wird, weil er sich als supereitler, teuer gekleideter Gentleman-Bulle inszeniert. Die beiden Helden sind mit einer rätselhaften Überfallserie konfrontiert, ballern und prügeln sich durch alte Lagerhallen und üble Kaschemmen und rasen auf absurden Verfolgungsjagden über die Straßen.

Bewundernswert an diesem Actionquatsch ist unter anderem das Verwandlungskunststück, das dem Regisseur mit seinem Schauplatz gelingt: Das von Touristen für seinen Künstlerdorf-Charme und allerlei Steuerparadies-Vorzüge geliebte Reykjavík wird hier als düsteres Sündenbabel präsentiert. Wolfgang Höbel

»Cop Secret«, Island 2021. Regie und Buch: Hannes Thór Halldórsson. Mit Auðunn Blöndal, Egill Einarsson, Sverrir Þór Sverrisson. 100 Minuten.

Im Streaming:

»Cha Cha Real Smooth«

Ein bisschen gemein ist es schon, dass ausgerechnet Apple TV+ in diesem Jahr als erster Streamingdienst den Oscar für den besten Film einsackte. Das Programm der Film- und Seriensparte der Handyschmiede ist noch immer sehr überschaubar, vor allem im Vergleich zum Ausstoß von Netflix und Amazon Prime Video. Und der Gewinnerfilm »Coda« war ein zwar sensibles, aber nicht besonders interessantes Gehörlosen-Rührstück.

Hauptdarsteller Raiff, Johnson: Verwirrung der Gefühle

Hauptdarsteller Raiff, Johnson: Verwirrung der Gefühle

Foto: Apple TV+

Jetzt scheint Apple den Coup wiederholen zu wollen: »Cha Cha Real Smooth« ist ebenfalls ein Independent-Drama, das wie »Coda« beim Sundance Filmfestival seine umjubelte Premiere feierte und danach von Apple gekauft wurde. Einmal mehr geht es um junge Menschen, die noch herausfinden müssen, wer sie sein wollen. Diesmal steht ein junger Mann im Mittelpunkt, der nach dem College wieder bei Mama wohnt und nicht recht weiß, wohin mit sich. Auf einer Bar-Mizwa-Feier verliebt er sich in die wesentlich ältere Mutter (Dakota Johnson) einer Klassenkameradin seines kleinen Bruders, was seine Gefühlsverwirrung dramatisch steigert.

Im Unterschied zu »Coda« findet »Cha Cha Real Smooth« eine eigene Sprache, um seine bittersüße Geschichte zu erzählen. Das liegt vor allem an Cooper Raiff, der das Drehbuch schrieb, Regie führte und die Hauptrolle spielt. Als Darsteller wirkt er mindestens so knuffig wie einst Dustin Hoffman in »Die Reifeprüfung« (1967), als Regisseur findet er die richtige Mischung aus Ironie und Gefühlsüberschwang. Dass es wieder für einen Oscar reicht, erscheint unwahrscheinlich – aber ein Er­lebnis ist »Cha Cha Real Smooth« auch ohne Trophäe. Oliver Kaever

»Cha Cha Real Smooth«, USA 2022. Buch und Regie: Cooper Raiff. Mit: Raiff, Dakota Johnson, Leslie Mann. 107 Minuten.