Unsere Filme der Woche Die Geschichte eines extrem hässlichen Stuhls – den trotzdem alle haben

Eine Dokumentation über einen Plastikstuhl, eine bezaubernde Liebesgeschichte von Paul Thomas Anderson und ein smarter Thriller aus Indonesien: Diese Filme sollten Sie diese Woche im Netz und im Kino sehen.
»Monobloc«: Sehr bedeutend, zugleich »polarisierend«

»Monobloc«: Sehr bedeutend, zugleich »polarisierend«

Foto: Andreas Suetterlin / © Salzgeber

»Monobloc«

Der Dokumentarfilm »Monobloc« handelt von einer monumentalen Banalität – und er behandelt seinen Gegenstand mit durchaus angemessenen Mitteln. Der nach verbreiteten Schönheitsmaßstäben extrem hässliche Plastikstuhl Monobloc ist angeblich das meistverkaufte Möbelstück aller Zeiten und wohl sämtlicher Kontinente. Der deutsche Dokumentarfilmer Hauke Wendler ist ihm hinterher gereist, zum Glück, ohne den Stuhl pathetisch zum Symbol zu überhöhen. Er zeigt den Stuhl vor Bars in der Dritten Welt, am Nordseestrand und in Luxusgärten im Voralpenland. Als Plastikschrott in Einzelteile zerlegt und als wertvolles Kernstück von Billigrollstühlen für die Armen Afrikas .

Wendler besucht Stuhlhersteller und Stuhlbenutzerinnen und Benutzer in Italien, Uganda und Indien, in den USA und in Brasilien. Das Ding sei »unansehnlich«, »kalt«, »unbequem«, sagen ihm deutsche Allerweltsmenschen in die Kamera, die er für Interviews natürlich in Monobloc-Stühle gesetzt hat. Das Ding sei »in Indien ein Must«, berichten ihm indische Plastikstuhlmacher, auch, dass er das Fällen von Millionen Bäume überflüssig gemacht habe.

Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein findet man das Möbel sehr bedeutend, zugleich »polarisierend« und einen Beleg dafür, dass in Fragen des Designs »der Preis eine Rolle spielt.«

Der Charme von Wendlers Film besteht darin, dass er seine Zuschauerinnen und Zuschauer mitnimmt auf eine zweifelnde und neugierige Suche. Der Franzose Henry Massonnet hat 1974 einen Preis für den Plastikstuhl Monobloc erhalten, aber kein Patent darauf angemeldet. Auch deshalb ist das Sitzding in sagenhaft vielen und sogar recycelbaren Versionen über den Globus verbreitet. Vielleicht ist es gar nicht wichtig, zu entscheiden, ob der Monobloc nun in erster Linie eine ästhetische Zumutung ist oder ein geniales Billigteil, das es der Menschheit ermöglicht, endlich den Hintern vom Erdboden hochzukriegen. Der Film »Monobloc« lehrt sein Publikum, dass die Welt ganz sicher noch viele Jahre nicht ohne den Plastikstuhl auskommen wird. Ab 27. Januar im Kino. Wolfgang Höbel

»Monobloc«, Deutschland 2021. Regie und Buch: Hauke Wendler. 95 Minuten.

»Licorice Pizza«

Es war einmal in Amerikas goldenen Siebzigern – das könnte das heimliche Motto dieser märchenhaft schönen Komödie sein. Paul Thomas Andersons  Film spielt in einer Zeit, in der Wasserbetten schick waren und Plattenläden auf den Namen Licorice Pizza, also Lakritzpizza, getauft wurden. Gary (Cooper Hoffman) ist 15 Jahre alt, lebt im kalifornischen San Fernando Valley und tritt neben der Schule als Kinderdarsteller in Hollywoodfilmen auf; Alana (Alana Haim) ist zehn Jahre älter und verdient sich mit einem Job als Fotoassistentin auf dem Schulcampus etwas Geld nebenher. Der frühreife, ein bisschen speckbäckige Kleine darf die abenteuerlich verpeilte Alana zwar mal ausführen, aber natürlich bekommt er erst mal eine Abfuhr.

Kinodebütanten Haim, Hoffman in »Licorice Pizza«: Magie der kalifornischen Vorstadtwelt

Kinodebütanten Haim, Hoffman in »Licorice Pizza«: Magie der kalifornischen Vorstadtwelt

Foto: Paul Thomas Anderson / © 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved

Trotzdem beginnt eine aberwitzig kurvenreiche, luftige Liebesgeschichte, die von einer Poesie zeugt, wie sie schon sehr lange nicht mehr im Kino zu sehen war. So wie der Schriftsteller Marcel Proust mit der Beschwörung des Geruchs eines süßen Gebäckstücks vergangene Freuden lebendig macht, schafft es der Filmemacher Anderson in »Licorice Pizza« mit Hotdogs, dem David-Bowie-Song »Life on Mars?« und gemusterten Breitkragenhemden. Die Atmosphäre einer vergangenen, offenbar seligen Jugendzeit wird hier mit einer irren Detailbegeisterung herbeigezaubert.

In den Kinozuschauerinnen und Kinozuschauern, so sie ein Herz haben, weckt dieser Film schon in den ersten Minuten unwillkürlich den Wunsch, dabeigewesen zu sein in jener magischen kalifornischen Vorstadtwelt, in der sich das Heldenpaar begegnet. Die bislang als Musikerin bekannte Alana Haim und Cooper Hoffman, der Sohn des Schauspielers Philip Seymour Hoffman, spielen mit einer heiteren, großartig beiläufigen Intensität und machen den Film zu einem herzerwärmenden Vergnügen; Bradley Cooper ist in der Nebenrolle eines durchgeknallten Hollywoodpromis zu sehen. Großes Unterhaltungskino ist oft eine Sache des liebenden Blicks. Höchstwahrscheinlich werden wir und unsere Kindeskinder »Licorice Pizza« noch alljährlich zur Weihnachtszeit anschauen, wenn »Notting Hill« längst vergessen ist. Ab 27. Januar im Kino. Wolfgang Höbel

»Licorice Pizza«, USA 2021. Regie und Drehbuch: Paul Thomas Anderson. Mit: Alana Haim, Cooper Hoffman, Bradley Cooper, Sean Penn, Tom Waits. 123 Minuten.

Hier lesen Sie ein Porträt des Regisseurs Paul Thomas Anderson. 

»Photocopier«

Manche Filme treffen einen Nerv und lösen gesellschaftliche Debatten aus. Bei diesem Film aus Indonesien war das offensichtlich der Fall: Bei den Citra Awards, den indonesischen Oscars, räumte »Photocopier« im vergangenen Jahr in zwölf Kategorien ab, darunter als bester Film. Und Regisseur Wregas Bhanuteja wurde für sein Langfilmdebüt gleich als bester Regisseur ausgezeichnet.

Szene aus »Photocopier«: Angriff auf verkrustete Strukturen

Szene aus »Photocopier«: Angriff auf verkrustete Strukturen

Foto: Netflix

Mit »Photocopier« greift Bhanuteja frontal verkrustete Strukturen, Standesunterschiede und Doppelmoral an. Seine Attacke reitet er in Form eines smarten Tech-Thrillers, der vor allem ein junges Publikum anspricht. Die Geschichte dreht sich um die Studentin Sur, die aus einer konservativen muslimischen Familie stammt und sich mühsam mit einem Schnellimbiss über Wasser hält. Das Studium wird durch ein Stipendium ermöglicht. Als Fotos von ihr online auftauchen, die sie betrunken auf einer Party zeigen, erkennt das zuständige Gremium ihr die Unterstützung ab.

Sur kann sich nicht erinnern, was auf der Party geschehen ist. Als ihre Familie sie auch noch vor die Tür setzt, macht sich Sur auf die Suche nach der Wahrheit. Mit einer unerhörten Aktion prangert sie den Druck an, der in asiatischen Gesellschaften auf jungen Frauen lastet, und die Ungerechtigkeit, mit der eine privilegierte Oberschicht Schwächere ausnutzt, gleich mit.

Erst im vergangenen Jahr gewann mit dem Regisseur Edwin ein Indonesier den Hauptpreis beim Filmfestival in Locarno, jetzt zeigt Bhanuteja, dass der Inselstaat noch mehr zu bieten hat. »Photocopier« wirkt stellenweise ein wenig zu theatralisch, aber die Dringlichkeit der Inszenierung ist immer spürbar. In vielen Szenen zieht Qualm durch die Wohnviertel der Arbeiterfamilien, weil die Regierung sie gegen das Denguefieber ausräuchern lässt. Die Bilder gewinnen so eine psychedelische Qualität, die man auch als Metapher auf gesellschaftliche Verhältnisse verstehen darf. Seit 13. Januar auf Netflix. Oliver Kaever

»Photocopier«, Indonesien 2021. Regie: Wregas Bhanuteja. Buch: Henricus Pria, Wregas Bhanuteja. Mit: Shenina Syawalita, Cinnamon, Lutesha, Chicco Kurniawan. 130 Minuten.

Träumer, Unternehmer, Spinnenaugenforscher: Der Österreicher Florian Kaps

Träumer, Unternehmer, Spinnenaugenforscher: Der Österreicher Florian Kaps

Foto: © Weltkino Filmverleih

»The Impossible Project«

Wohl noch nie wurden so viele Bilder geschossen und verbreitet wie seit der Einführung des Smartphones. Die analoge Fotografie scheint mehr und mehr auf verlorenem Posten zu stehen, eine große Kunst ist vom digitalen Ausverkauf bedroht. Jens Meurers Dokumentarfilm »The Impossible Project« dreht sich um den Wiener Träumer, Unternehmer und Spinnenforscher Florian Kaps, der Ende der Nullerjahre eine Polaroid-Fabrik im niederländischen Enschede übernahm.

Es ist das Porträt eines Mannes und die Chronik seines Kampfes. Sein Ziel: alles, was riecht, schmeckt und sich anfassen lässt, zu verteidigen und zu bewahren, auch wenn es im digitalen Zeitalter überholt scheint. Vinylplatten, Telefonapparate oder eben Polaroids. Doch wie geht das, wie verdient man Geld, wenn man die Welt mit einem vermeintlich wehmütig-nostalgischen Blick betrachtet? Meurers Film begleitet Kaps, der sich als manchmal nerviges und doch bewundernswertes Stehaufmännchen erweist, über einige Jahre.

Vielleicht hätte dem Film etwas mehr Distanz zu seinem Helden und seinen zahlreichen Unternehmungen gutgetan. Doch dank einer streckenweise großartigen Kameraarbeit, mit der die alten technischen Geräte erkundet werden, und einem Ton, der ihre Geräusche zu einem sinnlichen Erlebnis macht, lässt er die Zuschauerinnen und Zuschauer spüren, wie sexy diese physische Welt ist, zu der wir letztlich selbst gehören, auch wenn wir immer mehr Lebenszeit in der digitalen verbringen. Seit 20. Januar im Kino. Lars-Olav Beier

»The Impossible Project«, Deutschland/Österreich 2020. Regie: Jens Meurer. Buch: Franziska Kramer, Jens Meurer, Kamera: Bernd Fischer, Thorsten Lippstock. Mit Anna Kaps, Florian Kaps, Oskar Smolokowski. 99 Minuten.