Filme der Woche Joghurt, Limo, Schnaps

Netflix kann nun auch Hitler, Cate Blanchett und Bradley Cooper verlieren sich in der »Nightmare Alley«, Saskia Rosendahl mischt das Landleben auf: Das sind die aktuellen Filmtipps für Kino, Streaming und Mediatheken.
Christin (Saskia Rosendahl) träumt sich aus ihrem Leben auf dem Land weg

Christin (Saskia Rosendahl) träumt sich aus ihrem Leben auf dem Land weg

Foto: Max Preiss / Filmwelt

Ab 20. Januar im Kino:

»Niemand ist bei den Kälbern«

Aufstehen, melken, ausmisten. Alles im Leben von Christin (Saskia Rosendahl), einer Aushilfe auf dem Bauernhof des Vaters ihres Freundes, scheint vorgegebenen Mustern zu folgen. Selbst ihre Nahrung ist eintönig: Joghurt, Limo, Schnaps. Die 24-Jährige spürt diese Zwänge, doch mit Worten kann sie sich nicht aus ihnen befreien. Als mit dem Windkraftingenieur Klaus (Godehard Giese) ein älterer Mann in ihrem Dorf im nordwestmecklenburger Nirgendwo auftaucht, versucht sie es mit Taten – und bekommt zum ersten Mal ein Gespür dafür, welch zerstörerischen Kräfte in ihr schlummern.

Nach dem gleichnamigen Roman von Alina Herbing hat Regisseurin und Autorin Sabrina Sarabi mit »Niemand ist bei den Kälbern« einen völlig ungeschönten Provinzfilm gemacht. Dank Hauptdarstellerin Rosendahl ist er jedoch in keiner Minute so eintönig wie das Leben, das er einfängt. Vielmehr baut sich um Christin eine ungeahnte Spannung auf. Man wünscht ihr den Ausbruch und erschrickt doch immer mehr vor ihr. Eine solch abgründige Charakterstudie, noch dazu von einer jungen Frau, hat das deutsche Kino schon lang nicht mehr gewagt.
»Niemand ist bei den Kälbern«, D 2021. Buch und Regie: Sabrina Sarabi. Mit: Saskia Rosendahl, Godehard Giese, Elisa Schlott, Rick Okon, Andreas Döhler.

Lesen Sie hier unser Porträt von Saskia Rosendahl. 

»Nightmare Alley«

In den Thrillern des Film noir geht es nicht selten um Männer mit krimineller Energie, die sich für besonders schlau halten und auf Frauen treffen, denen sie nicht gewachsen sind. Stanton Carlisle (Bradley Cooper), der in den Vierzigerjahren durchs ländliche Amerika irrt, ist so ein Kerl. Er sieht gut aus und ist sich seiner Verführungskunst ein bisschen zu sicher. Er heuert bei einer Kirmes an und lernt schnell, wie man dem Publikum mit allerlei Tricks das Geld aus der Tasche zieht.

Bradley Cooper und Rooney Mara in »Nightmare Alley«

Bradley Cooper und Rooney Mara in »Nightmare Alley«

Foto: Kerry Hayes / Disney

In seinem neuen Film »Nightmare Alley« folgt der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, der vor vier Jahren für sein großartiges Horrormärchen »Shape of Water – Das Flüstern des Wassers«  gleich mit mehreren Oscars ausgezeichnet wurde, seiner männ­lichen Hauptfigur zunächst auf dem Weg nach oben. In prachtvollen Bildern feiert del Toro den Jahrmarkt als eine elementare Form der Unterhaltung und einen direkten Verwandten des Kinos. Zugleich scheint der Film in einer endlosen Nacht zu spielen, die Sonne macht sich rar. Dafür tritt mit einem Mal die mondäne Blondine Lilith (Cate Blanchett) ins spärliche Licht und überstrahlt alles.

Es ist ein Vergnügen zu beobachten, wie sie den Helden umgarnt und blendet, wie sich die Machtverhältnisse umkehren und immer unklarer wird, wer wen auf welche Weise betrügt. Obwohl der Film deutlich zu lang geraten ist und ein paar Haken schlägt, die man als halbwegs wacher Zuschauer kommen sieht, macht diese Hommage an das Hollywood-Kino der goldenen Ära über weite Strecken Spaß. Lars-Olav Beier
»Nightmare Alley« USA 2021. Regie: Guillermo del Toro, Buch: Guillermo del Toro, Kim Morgan. Mit: Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Colette, Willem Defoe, Rooney Mara. 150 Minuten

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik des Films.

Ab 21. Januar im Streaming:

»München: Im Angesicht des Krieges« (Auf Netflix)

In der spannendsten Szene des Films knarzen die Dielen in Adolf Hitlers Wohnung im Münchner Stadtteil Bogenhausen. Hitler, gespielt von Ulrich Matthes, rückt im September 1938 einem jungen deutschen Englisch-Übersetzer (Jannis Niewöhner) mit glühendem Blick auf den Leib. »Es gibt hier nur Sie und mich«, schmachtet er den Gast an. »Was denken Sie?«

Jeremy Irons als Neville Chamberlain

Jeremy Irons als Neville Chamberlain

Foto: Frederic Batier / Netflix

Das Brillante und das Obszöne liegen eng beieinander, wenn deutschsprachige Schauspieler in Filmen deutscher Regisseure Protagonisten der Naziherrschaft spielen. Christian Schwochow hat den »München«-Film nach einem Roman von Robert Harris inszeniert. Er erzählt vom Zustandekommen des Münchner Abkommens vom Herbst 1938, das damals als Großtat des britischen Regierungschefs Neville Chamberlain (im Film gespielt von Jeremy Irons mit wunderbar hingeschlurfter Eleganz) zur Verhinderung eines schon als unvermeidlich erkannten europäischen Kriegs gefeiert wurde. Vor diesem Hintergrund spielt die frei erfundene Geschichte zweier junger Männer, die versuchen, in das weltgeschichtliche Geschehen einzugreifen. Der deutsche Nachwuchsdiplomat und Übersetzer Paul von Hartmann (Niewöhner) und Chamberlains Privatsekretär Hugh Legat (Georg MacKay) kennen sich vom Studium in Oxford.

Schwochow hat zuletzt zwei Folgen der britischen Erfolgsserie »The Crown« gedreht und zeigt auch hier eine notfalls ahistorische Chuzpe zur Geschlechteraufwertung und zugunsten moderner Psychologisierung. Sandra Hüller in der Rolle einer deutschen Widerständlerin und Anjili Mohindra als superclevere britische Staatsdienerin trumpfen mit Schlagfertigkeit auf. Der Chamberlain des Darstellers Irons ist ein zur Weltrettung entschlossener Genussmensch; der Hitler des Schauspielers Matthes, der mit oft leicht struppiger Perücke, schlotternden Schultern und frechen Blicken spielt, scheint auf äußere Ähnlichkeiten weitgehend zu pfeifen und ist trotzdem ein kriegstreiberischer Bösewicht.

»München – Im Angesicht des Krieges« ist kein herausragend geglückter, manchmal verblüffend spannungsarmer Film. Immerhin bietet er über weite Strecken intelligente Unterhaltung – und ein Geschichts- und Menschenbild, das den aufgeweckten Betreibern von Netflix offenbar gefällt.
»München: Im Angesicht des Krieges«, D 2022. Regie: Christian Schwochow, Buch: Ben Power. Mit: Jeremy Irons, Ulrich Matthes, George MacKay, Jannis Niewöhner. 123 Minuten

Lesen Sie hier unsere Doppelbesprechung von »München: Im Angesicht des Krieges« und »Die Wannseekonferenz« 

Ab jetzt in den Mediatheken:

»Maya« (In der Arte-Mediathek)

Die Französin Mia Hansen-Løve ist für ihre autofiktionalen Filme bekannt. Vor wenigen Wochen erst war von ihr »Bergman Island«  in den Kinos zu sehen, die ebenso verspielte wie schonungslose Aufarbeitung ihrer Beziehung mit dem Regiekollegen Olivier Assayas. Das Selbstfindungsdrama »Maya« von 2018 hat ausnahmsweise keinerlei biografischen Bezüge – und ist womöglich deshalb gar nicht erst in Deutschland angelaufen. Nun lässt sich der Film erstmalig in der Arte-Mediathek  nachholen.

Gabriel (Roman Kolinka) lässt sich von Maya (Aarshi Banerjee) ihre Heimat Goa zeigen.

Gabriel (Roman Kolinka) lässt sich von Maya (Aarshi Banerjee) ihre Heimat Goa zeigen.

Foto: Arte

Mit gewohnter Beiläufigkeit beginnt Hansen-Løve, eine an sich spektakuläre Geschichte zu erzählen: Nach monatelanger Gefangenschaft und Folter in Syrien, kommt der französische Journalist Gabriel (Roman Kolinka) endlich frei. Doch im heimatlichen Paris können ihn weder die Ex-Freundin noch die Arbeit mit dem Leben versöhnen. Abrupt reist der Mitdreißiger nach Indien, wo er als Kind lebte. Dort lockt ihn schließlich die Begegnung mit Maya (Aarshi Banerjee), der jugendlichen Tochter seines Patenonkels, aus der Reserve.

Wohin es mit den beiden gehen soll, scheinen aber weder sie noch Hansen-Løve zu wissen. Gemeinsam verlieren sie sich in den Bildern von Star-Kamerafrau Hélène Louvart, die auch hier ihre magische Sinnlichkeit zu entfalten versteht. Ihre Bilder hätten aus »Maya« eine große Weltreise machen können, wenn Hansen-Løve einen echten Bezug zu ihren Figuren gefunden hätte. Letztlich ist der Film aber nur ein Kurztripp aus der Komfortzone der Regisseurin geworden. Zum Glück ist sie mit »Bergman Island« wieder bei sich angekommen. Hannah Pilarczyk

»Maya«, F/D 2018. Buch und Regie: Mia Hansen-Løve. Mit: Roman Kolinka, Aarshi Banerjee, Alex Descas, Pathy Aiyar. 107 Minuten