Ukrainische Filmemacher gegen Russland »Ein kollektives Putin«

Die Dokumentarfilmregisseurin Alina Gorlova und ihr Produzent Maksym Nakonechnyi kümmern sich in Kiew um Notleidende. Sie fordern den Boykott russischer Kunst.
Ein Interview von Lars-Olav Beier
Szene aus dem Dokumentarfilm »This Rain Will Never Stop«: »Wir filmen alles, was wir filmen können«

Szene aus dem Dokumentarfilm »This Rain Will Never Stop«: »Wir filmen alles, was wir filmen können«

Foto: EclairPlay

SPIEGEL: Frau Gorlova, Herr Nakonechnyi, wie geht es Ihnen?

Gorlova: Wenn man noch am Leben ist oder halbwegs sicher, geht es einem gut. Das ist der Fall. Abgesehen davon ist nichts mehr wie zuvor.

Nakonechnyi: Von den Städten, die von russischen Truppen belagert werden, gehören wir zu den sichersten. Kiew scheint recht gut beschützt zu werden. Doch einige Kilometer von der Stadt entfernt ist die Hölle.

SPIEGEL: Sie kümmern sich gerade um Menschen, die besonders dringend Hilfe benötigen.

Gorlova: Wir sammeln Geld und versuchen, jeden zu unterstützen, der unsere Hilfe braucht, vor allem die Älteren. Wir versorgen sie unter anderem mit Nahrung. Wir kümmern uns auch um die Koordination der Hilfsmaßnahmen, versuchen herauszufinden, wer was braucht.

Nakonechnyi: Darüber hinaus unterstützen wir die Einheiten, die unsere Stadt verteidigen. Wenn wir erfahren, was sie brauchen, bemühen wir uns darum, es zu besorgen.

SPIEGEL: Was zum Beispiel?

Nakonechnyi: Unter anderem das, was uns als Filmemachern zur Verfügung steht, Powerbanks oder Computer.

SPIEGEL: Sie sind Dokumentarfilmer. Kommen Sie momentan dazu, in Kiew zu drehen?

Gorlova: Wir filmen alles, was wir filmen können.

Nakonechnyi: An die Kämpfe kommen wir nicht nah heran, deswegen konzentrieren wir uns auf die menschlichen Aspekte, auf die Folgen dieser Feindseligkeiten. Was wir an Equipment bekommen, um unter diesen Bedingungen arbeiten zu können, verteilen wir auf verschiedene Filmemacher.

SPIEGEL: Was haben Sie mit dem Material vor?

Nakonechnyi: Ob wir daraus einen großen gemeinsamen Film machen oder auch einige der Aufnahmen an die Medien geben, ist noch offen.

Gorlova: Uns ist es wichtig, aus Kiew zu berichten, was vorgeht. Die Leute sollen erfahren, was hier passiert. Uns steht eine russische Propagandamaschine gegenüber, die ständig Lügen verbreitet.

SPIEGEL: Sie haben in dieser Woche zusammen mit anderen Filmemachern zu einem Boykott russischer Kunst aufgerufen.

Gorlova: Wir wollen Filmfestivals auf der ganzen Welt dazu bewegen, russische Filme zu boykottieren.

Regisseurin Gorlova: »Ich bleibe hier bis zum Ende«

Regisseurin Gorlova: »Ich bleibe hier bis zum Ende«

Foto: EclairPlay

Nakonechnyi: Künstler, die mit dem russischen Staat zusammenarbeiten, müssen sanktioniert werden. Es geht uns nicht darum, einzelne Künstler zu boykottieren. Aber in der Kunst sollte es sein wie beim Sport. Russische Athleten und Mannschaften werden von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Wir Ukrainer sind Russland militärisch nicht ebenbürtig, aber wir können darauf hinwirken, dass Russland zunehmend isoliert wird.

SPIEGEL: Vermutlich kennen Sie einige der russischen Filmemacherinnen und Filmemacher persönlich.

Gorlova: Ja, vor dem Krieg gab es ukrainisch-russische Koproduktionen. Wir haben mit den russischen Filmemachern, die wir kennen, seit Ende Februar kommuniziert. Einige sagten, sie könnten nichts tun, sie würden sich in Russland manchmal fühlen wie in einem kollektiven Putin.

Nakonechnyi: Wir bekommen auch mit, wie gefährlich es für diese Filmemacher sein kann, offen ihre Meinung zu sagen.

Filmemacher Gorlova, Nakonechnyi

Alina Gorlova, 30, studierte in Kiew und drehte Kurz- und Werbefilme. Ihre Dokumentation »No Obvious Signs« handelt von einer ukrainischen Soldatin, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Gorlovas Film »This Rain Will Never Stop« (2020), der sich mit den Verhältnissen in der Ostukraine beschäftigt, lief auf mehreren Festivals und gewann Preise. Am 24. März kommt er in die deutschen Kinos. Maksym Nakonechnyi, 31, ist unter anderem Regisseur und Kameramann. Er produzierte »This Rain Will Never Stop«.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von der deutschen Politik?

Nakonechnyi: Wir haben den Eindruck, dass sich Deutschland an der Isolation Russlands eher widerwillig beteiligt. Auch deshalb, weil es von russischem Gas abhängig ist. Wir verstehen das. Aus historischen Gründen bemühen sich die Deutschen um gute Beziehungen zu den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und legen großen Wert darauf, den Frieden zu erhalten. Die russische Propaganda betont bis heute die vielen Opfer der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Doch auch die Ukraine war damals sehr stark betroffen. Der Frieden unseres Landes sollte den Deutschen wichtig sein. Und den Frieden bewahrt man nicht immer, indem man nicht eingreift. Manchmal muss man aktiv werden.

SPIEGEL: Mehr als zwei Millionen Menschen haben die Ukraine bereits verlassen. Was ist mit Ihnen?

Nakonechnyi: Ich kann die Ukraine nicht verlassen, weil ich zur militärischen Reserve gehöre. Es gibt Wellen, in denen die Männer eingezogen werden. Ich würde vermutlich am Ende mobilisiert werden. Aber selbst wenn ich gehen könnte, würde ich bleiben.

Gorlova: Ich käme nicht auf die Idee, mein Land zu verlassen. Kiew ist meine Stadt, ich bleibe hier bis zum Ende.