Filme der Woche Splatter gegen Schreibblockade

Unsere Filme der Woche: Die Foo Fighters im Horrorhaus, Kenneth Branaghs Kindheitserinnerungen, Will Smith als Tennis-Vater, ein Flüchtling als Kunstwerk, ein wilder Cartoon und ein musikalisches Genie.
»Foo Fighters«-Frontman Grohl in »Studio 666«: Mörderische Bestie, satanisch guter Gitarrist

»Foo Fighters«-Frontman Grohl in »Studio 666«: Mörderische Bestie, satanisch guter Gitarrist

Foto: Andrew Stuart / Open Road Films / Andrew Stuart / Open Road Films / Sony Pictures

»Studio 666«

Den vielleicht größten Gruselmoment erlebt Foo-Fighters-Frontmann Dave Grohl in der Horrorkomödie »Studio 666«, als der Bote mit dem Essen klingelt und zu wenig Ranch-Dressing dabei hat. Außerdem erkennt er den berühmten Rocksänger und versucht sogleich, ihm eine Demo-CD seiner eigenen Combo anzudrehen, in L.A. macht schließlich jeder Musik. Die Foo Fighters seien seine Zweitlieblingsband, schwärmt er Grohl vor – gleich nach Coldplay. Kreisch! Immerhin wird der Bringboy (Comedian Will Forte) für diesen Frevel später im Film angemessen geköpft und ausgeweidet.

Im Gegensatz zu ihren britischen Kollegen, die man nur noch mühsam ertragen oder überhaupt als Rockband identifizieren kann, haben es die Foo Fighters geschafft, trotz Welterfolg und Pophits sympathisch und glaubwürdig zu bleiben. Hilfreich dafür ist, dass sie eine der vielleicht besten Livebands zurzeit sind, die in Konzerten so viel Druck und Drive entfachen, dass man ihnen gewisse Albernheiten verzeiht. Das seltsame Dance-Album »Medicine at Midnight« aus dem letzten Jahr zum Beispiel – oder die »Hail Satin«-EP als The Dee Gees mit, klar, Coverversionen der Bee Gees.

So schmunzelt man wohlwollend über den bisher aufwendigsten Gag: ihren eigenen Splatter/Slasher-Film. In »Studio 666« mietet sich die Band in eine verwunschene Villa ein, um ein neues Album aufzunehmen. Grohl leidet an einer Schreibblockade und zitiert sich nur noch selbst, bis er von einem Dämon besessen wird, der ihn zur mörderischen Bestie macht, aber auch zum satanisch guten Gitarristen mit sinistrer Mission. Der Rest der sechsköpfigen Gruppe, hervorstechend Keyboarder Rami Jaffee und Rhythmusgitarrist Pat Smear, muss den Powertrip mehr oder minder blutig ausbaden.

Weder visuelle Effekte noch Witze sind in dieser Rock’n’Roll-Farce (Regie: BJ McDonnell) sonderlich umwerfend, spürbar ist allerdings der schiere Spaß und Enthusiasmus, mit dem sich die schauspielerisch gar nicht so üblen Foo Fighters über die gähnenden Plot- und Dramaturgielöcher ihres Schockerchens hinwegschwingen. Coldplay würden sich das nicht trauen. Im Kino. Andreas Borcholte

»Studio 666«, USA 2022. Regie: BJ McDonnell. Mit den Foo Fighters, Will Forte, Jeff Garlin, Jenna Ortega. 108 Minuten.

Szene aus »Belfast«: Kitschig schönes, grimmiges, komisches Märchen

Szene aus »Belfast«: Kitschig schönes, grimmiges, komisches Märchen

Foto: Rob Youngson / Focus Features / Universal Pictures

»Belfast«

Wie ein Unwetter bricht der Krieg über die Straße herein, auf deren Asphalt der neunjährige Buddy täglich Ritter spielt, bewaffnet mit einem Mülltonnendeckel und einem Holzschwert. »Belfast« ist im Jahr 1969 angesiedelt und beginnt mit brennenden Molotowcocktails und donnernd anrückenden Panzern. Der Film schildert den Beginn der Bürgerkriegskämpfe zwischen nordirischen Protestanten und Katholiken konsequent aus der Perspektive eines Kindes.

Der kleine Buddy, frech und anrührend verkörpert von dem Kinderdarsteller Jude Hill, wächst in einem Protestantenhaushalt auf, in dem die Mutter (Caitriona Balfe) und der Vater (Jamie Dornan) wenig Wert auf Religion legen. Ganz zu Recht erscheint ihnen nicht bloß der Katholizismus als System der Angst – auch in der Kirche der Protestanten brüllt ein Pastor die Kinder wie ein Verrückter an, um ihnen die Nichtigkeit der Menschen einzubläuen.

Kenneth Branagh erzählt in seinem halb autobiografischen, für sieben Oscars nominierten Film ein Familiendrama. Es handelt von der Gewalt, die seine eigene Familie zum Umzug nach England zwang, als er selbst neun oder zehn Jahre alt war, und von kindlicher erster Liebe. »Belfast« ist ein manchmal kitschig schönes, grimmiges, komisches Märchen. Außer seinen Eltern macht Branagh hier auch dem Kino eine Liebeserklärung: Filme bieten dem kleinen Helden von »Belfast« Zuflucht vor der stets in schwarz-weiß gezeigten Realität, sind das Ziel heiterer Familienausflüge und führen die geplagten Menschen in fantastische fremde Welten. Im Kino. Wolfgang Höbel
»Belfast«, Großbritannien 2021. Regie und Drehbuch: Kenneth Branagh. Mit Jude Hill, Caitriona Balfe, Judi Dench. 99 Minuten.

Darstellerinnen Demi Singleton, Sidney, Smith als Tennis-Vater: Netz-Duell mit einem Besserwisser

Darstellerinnen Demi Singleton, Sidney, Smith als Tennis-Vater: Netz-Duell mit einem Besserwisser

Foto: Chiabella James / Telepool / dpa

»King Richard«

Wieso folgt man diesem Mann über fast zweieinhalb Stunden ziemlich gebannt? Will Smith  spielt den Vater der Tennisstars Venus und Serena Williams als Besserwisser, der einen Plan für das Leben seiner Töchter schmiedet und sie drillt, damit sie ihn auch erfüllen. Der erwartet, dass alle das tun, was er vorgibt. Doch zum einen ist Smith hier eine der besten Darstellungen seiner Karriere gelungen. Und zum anderen ist es packend zu verfolgen, wie zwei afroamerikanische Mädchen aus einem Getto über alle Vorurteile triumphieren.

Der Film zeigt, wie die Williams-Schwestern aus Tennis eine Art Arbeitersport machten. Sie trainieren auf öffentlichen Plätzen, die von Maschendrahtzäunen umgeben sind. Bevor es losgeht, muss Laub gefegt werden. Venus und Serena Williams spielten auch ein anderes Tennis, als man es bis dahin gewohnt war, mit Wucht statt mit Eleganz. Man bekommt das in »King Richard« ziemlich gut mit, wenn die umwerfende Saniyya Sidney als Venus Williams die Volleys mit voller Kraft ins Feld hämmert, statt sie locker in die Ecken zu platzieren.

Der Film stellt dem selbstgerechten Tennis-Vater starke Frauen entgegen. Aunjanue Ellis macht aus der Ehefrau von Williams, die ihrem Mann zunächst den Rücken stärkt, eine Gegenkraft zu seiner Überheblichkeit. Doch die eigentliche Entdeckung des Films ist die heute 15-jährige Sidney. Aus dem fröhlichen Mädchen wird mit den Jahren eine junge Frau, die eines Tages die Fäden zerschneidet, an denen der Vater sie durch ihr Leben führen möchte. Und gleichzeitig lässt sie das Publikum zweifeln, ob sie nicht schon viel zu sehr von ihm geprägt ist, um sich noch von ihm befreien zu können. Im Kino. Lars-Olav Beier
»King Richard«, USA 2021. Regie: Reinaldo Marcus Green. Drehbuch: Zach Baylin. Mit Will Smith, Aunjanue Ellis, Saniyya Sidney, Demi Singleton. 145 Minuten.

Lesen Sie hier unsere längere Filmkritik. 

Szene aus »Der Mann, der seine Haut verkaufte«: Fleischgewordenes Statement

Szene aus »Der Mann, der seine Haut verkaufte«: Fleischgewordenes Statement

Foto: eksystent

»Der Mann, der seine Haut verkaufte«

Wie kommt der syrische Flüchtling Sam (Yahya Mahayni), der seit einem Jahr im Libanon gestrandet ist, weiter nach Brüssel zu der Frau, die er liebt? Auf einer Vernissage, auf der er ausgehungert Essen schnorren will, trifft er auf den Großkünstler Jeffrey Godefroy (Koen De Bouw). Waren, analysiert der fiktive höchstbezahlte Künstler der Welt, können im Gegensatz zu Menschen viel freier Grenzen überschreiten. Also muss Sam zur Ware werden.

Wie das geht, weiß Godefroy natürlich bestens: Er kauft Sam dessen Rückenhaut ab und tätowiert ihm ein Schengenvisum darauf. Als fleischgewordenes Statement über Migration und Menschenhandel erhält Sam eine Aufenthaltsgenehmigung und darf als Ausstellungsstück nach Europa einreisen. Doch kann ein Mensch sein Glück und seine Freiheit finden, wenn er jederzeit den Besitzer wechseln kann, wie es im hochspekulativen Kunstmarkt üblich ist?

Die Geschichte, die »Der Mann, der seine Haut verkaufte« erzählt, ist so zynisch und grausam, dass sie eigentlich nur wahr sein kann. Und tatsächlich: Die tunesische Regisseurin und Autorin Kaouther Ben Hania hat sich von dem Kunstwerk »Tim« des Belgiers Wim Delvoye inspirieren lassen. Der Konzeptkünstler hatte das Verfügungsrecht über den Rücken des Schweizers Tim Steiner erworben und ihn mit einer üppigen Marien- und Totenkopftätowierung übersät, die später von Steiner selbst in Galerien und Museen präsentiert wurde.

Diese furchtbare Anekdote hat Ben Hania mit dem Flüchtlingsplot verbunden und mit erratischer Energie aufgeladen. Die hoch ästhetisierten Bilder führen die Geschichte derweil an die Grenzen der Kunstwelt-Satire, schön irre Auftritte von Monica Belucci als Kunstagentin und auch Wim Delvoye selbst als Versicherer unterstreichen das. Im vergangenen Jahr war »Der Mann, der seine Haut verkaufte« für den internationalen Oscar nominiert, eine Premiere für Tunesien. Womöglich brauchte es auch bei den Oscars einen warenhaften Hochglanz-Touch, um sich für Sams Schicksal zu öffnen: Glamour und Verzweiflung laufen bei Ben Hania immer parallel. Wie Sams Rücken ist das schön anzusehen und schwer auszuhalten. Im Kino. Hannah Pilarczyk
»Der Mann, der seine Haut verkaufte«, F/TUN/et al. 2020. Buch und Regie: Kaouther Ben Hania. Mit Yahya Mahayni, Koen de Bouw, Dea Liane, Monica Belucci. 104 Minuten.

Szene aus »Cat Burglar«: Perfekte Unterhaltung für Erwachsene

Szene aus »Cat Burglar«: Perfekte Unterhaltung für Erwachsene

Foto: Netflix

Im Streaming:

»Cat Burglar«

Endlich mal wieder ein gezeichneter Zeichentrickfilm, und dazu einer, in dem wie einst bei den seligen Looney Tunes mit Bugs Bunny reichlich auf Schädel gehauen, irr durch die Gegend gerannt und zunehmend größenwahnsinnige Pläne ausgeheckt werden. »Cat Burglar« ist die perfekte Verbeugung vor einer heiß geliebten Ära von Zeichentrick, die sich vor allem durch kreative Freiheit und eine unbändige Lust an geschmacklosem Humor auszeichnete.

In Deutschland wurden diese Kurzfilme der Hollywoodstudios Warner und MGM seit jeher als Kinderfilme deklariert, dabei handelt es sich um perfekte Unterhaltung für Erwachsene. Allerdings verkauft Netflix sie mit der angeblichen Zukunftstechnik der Interaktion. Ständig muss der Zuschauer Fragen beantworten und so den Gang der Geschichte beeinflussen. Der eigentliche Film läuft nur 15 Minuten, produziert wurden aber anderthalb Stunden Material. Man hätte sich eine hübsche Kollektion davon gewünscht, bei der man einfach genießen kann. Statt ständig mit der Fernbedienung hantieren zu müssen. Auf Netflix. Oliver Kaever
»Cat Burglar«, USA 2022. Idee: Charlie Brooker. Drehbuch: Mike Hollingsworth.

»Per Lucio«

So virtuos wie der Italiener Pietro Marcello geht im zeitgenössischen Kino zurzeit keiner mit Archivmaterial um. Nach dem herausragenden Spielfilm »Martin Eden« , in den er dokumentarische Aufnahmen in seine Literaturadaption verwob, ist er zurück im rein Dokumentarischen und nutzt die Biografie von Cantautore Lucio Dalla, um von einem musikalischen Genie und von dessen Land zugleich zu erzählen.

Künstler Dalla: Porträt eines musikalischen Genies

Künstler Dalla: Porträt eines musikalischen Genies

Foto: Teche RAI

Bilder von besetzten Fiat-Werken treffen auf Fernsehrunden, in denen Dalla mit Ministerpräsident Craxi diskutiert, und verbinden sich zu einem Erzählfluss, der Dalla neun Jahre nach seinem Tod wieder mitten in die Gegenwart spült. Ein Film für Lucio und viele mehr, nach der Premiere auf der Berlinale 2021 nun auch für ein breiteres Publikum zu sehen. Auf Mubi. Hannah Pilarczyk
»Per Lucio« I 2021. Buch und Regie: Pietro Marcello. 79 Minuten.