Zur Ausgabe
Artikel 75 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Stift-PC Findiger Flachmann

Der erste Serien-PC mit Schreibstift wird in dieser Woche von der Firma NCR vorgestellt.
aus DER SPIEGEL 26/1991

Seine Besucher beindruckt James Dao gern mit einem simplen Test. Der US-Computerwissenschaftler, Chef der kleinen Firma CIC im kalifornischen Menlo Park, läßt sie auf einem Blatt Papier immer wieder denselben selbstgewählten Satz niederschreiben, jeweils eine Minute lang, auf dreierlei Art: in flüchtiger Schnellschrift, in sauberer Fließschrift und in abgesetzten Blocklettern.

Das Ergebnis weiß Dao vorher: Auf dem Papier stehen meist mehr Worte in Blockbuchstaben als in der vermeintlich schnelleren Fließschrift, das durchschnittliche Verhältnis ist 25 zu 22 pro Minute. Über 30 Worte sind in Schnellschrift zu schaffen. Die aber kann oft nur der Schreiber entziffern.

Daos kleine Demonstration unterstreicht plastisch die Vorzüge der Blockschrift. Sie zu beherrschen, meint der Unternehmer zuversichtlich, werde bald vollauf genügen, einen Personalcomputer (PC) zu bedienen.

CIC, 1981 hervorgegangen aus dem High-Tech-Center »Stanford Research Institute«, gilt heute als eine der weltweit führenden Firmen auf dem Gebiet der elektronischen Handschriften-Erkennung. Großunternehmen wie Intel, Apple oder NCR nutzen CIC-Knowhow, seit die PC-Branche mit großem Aufwand die Entwicklung von flachen, tastenlosen Mobilrechnern vorantreibt (SPIEGEL 5/1991). Bedient werden die sogenannten schreibstiftgestützten ("pen based") PC handschriftlich: mit einem simplen elektronischen Griffel.

Der Wettlauf zum lukrativen Massenmarkt scheint jetzt entschieden. CIC-Partner NCR will in dieser Woche als weltweit erster großer Elektronikhersteller einen serienreifen Pen-PC präsentieren, die Handschrifttechnologie stammt aus Menlo Park. Entwickelt wurde der leistungsstarke elektronische »Notepad« (Notizblock) von einem Team bei NCR Augsburg, der deutschen Tochter des US-Unternehmens. »Vor diesem Computer«, verkündet der Augsburger NCR-Chef Siegfried P. Grabowski, »braucht niemand mehr Angst zu haben.«

Mit einem herkömmlichen Mobil-PC hat der findige Flachmann im DIN-A4-Format, NCR-Produktbezeichnung »System 3125«, kaum noch etwas gemeinsam. Die übliche Tastatur, für ungeübte Computerbenutzer oft verwirrend, fehlt hier völlig.

Das helle Gerät ähnelt einem Clipboard, ist 2,5 Zentimeter dünn und wiegt mit knapp drei Pfund weit weniger als die meisten Leichtgewicht-PC. Dabei bringt der elegante Portable mehr Leistung als viele moderne Tischrechner, dank neuester Hard- und Softwarekomponenten: *___Ein spezieller »Intel«-Mikroprozessor (30386 SL) etwa ____begrenzt den Energieverbrauch im Inneren des Geräts auf ____ein Minimum und sorgt außerdem dafür, daß sich dort ____nicht zuviel Wärme entwickelt. *___Auffälligstes Merkmal des neuartigen Platt-PC ist sein ____hochauflösender LCD-Bildschirm, der zugleich als ____Eingabefläche dient. Sobald der Benutzer die Spitze des ____kabellosen, mit »passiver« Elektronik bestückten Stifts ____auf den kratzfesten Schirm senkt, wird die horizontale ____und vertikale Position des Griffels elektromagnetisch ____vom Rechner gleichsam »gepeilt«, der betreffende ____Bildpunkt dann blitzschnell verdunkelt und jede ____Bewegung sofort nachvollzogen: der Anwender schreibt ____quasi mit »elektronischer Tinte«. *___Ebenso aufwendig ist das Software-Regelwerk, nach dem ____der ungewöhnliche Rechner funktioniert. Das Kernstück ____des Systems, »Pen O/S«, stammt von NCR, es basiert auf ____dem PC-Industriestandard und ist mit bereits ____vorhandenen PC-Programmen kombinierbar ("kompatibel"). ____Auch für die grafische Menüsteuerung »Pen Windows« vom ____Softwareriesen Microsoft (erwartet Mitte 1992) ist das ____System vorbereitet.

»Erkennen« kann es allerdings bislang nur große und kleine Blockbuchstaben und besondere Befehlszeichen, sogenannte Gestures. Spezielle Programmodule übersetzen, gleichsam als digitale »Dolmetscher«, die Strichführung des Anwenders mittels ausgeklügelter mathematischer Raster und Formeln in Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen, die dann auch von herkömmlicher Bürosoftware weiterverarbeitet werden können.

So können etwa auf dem Bildschirm eingeblendete Lieferlisten oder Fragebögen elektronisch ausgefüllt oder schlicht »abgehakt« werden. Will der Benutzer das Verzeichnis ("directory") der gespeicherten Dateien betrachten, braucht er nur »dir« auf den Schirm zu schreiben. Falsche Eingaben können gleichsam mit einem Federstrich sofort von Hand korrigiert werden.

Flotte Schreibschrift wird dagegen nur als Gekritzel verarbeitet, der PC speichert solche Notizen als für ihn »sinnloses« Bild ab. So kann das Programm bei durchgehender Fließschrift beispielsweise nicht erkennen, wo ein Buchstabe aufhört und wo der nächste anfängt - ein Problem, für dessen Lösung die »künstliche Intelligenz« des Systems bei weitem noch nicht ausreicht.

Allerdings wurde der Flachmann auch nicht für Anwender konzipiert, die handschriftlich Romane verfassen wollen. Gedacht ist er vor allem für mobile Benutzer, die unter der herkömmlichen Zettelwirtschaft leiden: Reisevertreter etwa, Lagerverwalter, Auslieferungsfahrer, Interviewer, Streifenpolizisten oder auch Wartungstechniker. Allein in den USA, so schätzt die Branche, könnten rund zehn Millionen Berufstätige gut einen mobilen Pen-PC gebrauchen.

Nach der Vorstellung einer Pen-Systemsoftware der kalifornischen Firma Go im Januar ist die NCR-Premiere der zweite wichtige Schritt bei der Markteinführung der neuen Technologie. Für die meisten mobilen Anwendungen, glaubt James Dao aufgrund von CIC-Studien, sei bereits die Blockschriftversion eine »marktfähige Lösung«.

Wenn NCR den Notepad-Computer wie geplant herausbringt (vorgesehener Preis: ab 6000 Mark), wäre die Firma damit den PC-Branchenführern IBM und Apple in diesem zukunftsträchtigen Marktsegment einen Schritt voraus. Der Notepad, hofft Grabowski, werde »den Begriff ,Personal Computing' gründlich verändern«.

Auf absehbare Zeit allerdings, da sind sich Wissenschaftler und Marktbeobachter einig, werden auch die neuen Pen-PC nicht ohne altbackene Eingabetechnologie auskommen. Darum ist das NCR-Produkt »nach allen Seiten offen« (Grabowski).

Das »System 3125« ist sozusagen »abwärtskompatibel«, es wird, ganz pragmatisch, mit einer traditionellen Standardschnittstelle ausgeliefert. Angeschlossen werden kann die vertraute, klackernde Tastatur.

Zur Ausgabe
Artikel 75 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel