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SICHERHEIT Finstere Sache

aus DER SPIEGEL 13/1966

Fremde Schönheiten machten ihm Angebote. Eine Dunkelhaarige lud ihn am Tresen eines Washingtoner Drugstores in ihr Apartment ein; sie wolle ungestört »Außenpolitik diskutieren«. Eine aufreizende Blondine suchte ihn vom Keksstand eines Supermarkts in ihre Wohnung zu locken, damit er ihr »beim Umstellen einiger Möbel« helfe.

Doch Junggeselle Ralph Nader, 32, der »normalerweise beiden Damen gern gedient« hätte, blieb standhaft - ihm

schwante Schlimmes. Schon seit Wochen sah er sich mysteriöser Verfolgung ausgesetzt. Er wurde auf Schritt und Tritt beschattet. Immer wieder forderten ihn am Telephon drohende Stimmen auf: »Verschwinde aus Washington.« Und: »Gib auf, Nader.«

Gleichzeitig entdeckte der aus dem US-Staat Connecticut stammende Rechtsanwalt, daß Unbekannte in seinem Privatleben schnüffelten: Sie interessierten sich ebenso für die Sexualgewohnheiten wie für die Kreditwürdigkeit des Anwalts. Auch wollten sie erfahren, ob Nader mit dem Kommunismus sympathisiere, als Trinker gelte, wegen Straßenverkehrsdelikten bestraft worden sei und über fundiertes automobiltechnisches Wissen verfüge.

Seit vergangener Woche kennt Nader den Auftraggeber der Fahnder: Es ist der Automobilkonzern General Motors, mit 82 Milliarden Mark Jahresumsatz mächtigstes Industrieunternehmen der Welt, der Detektive auf seine Spuren ansetzte.

»Sie wollen mich offenbar einschüchtern und unglaubwürdig machen«, vermutet Nader. Grund der Wühlarbeit gegen ihn: Nader ist Verfasser des Ende 1965 erschienenen Buches »Unsafe at Any Speed"** - eine massive Anklage gegen Amerikas Automobilindustrie. Der Autor wirft ihr vor, sie gefährde durch unverzeihliche, grobe Sicherheitsmängel ihrer Autos fahrlässig die Sicherheit der Automobilisten und verursache zusätzliche Opfer.

Die Untergrund-Kampagne gegen Ankläger Nader bildet einstweilen den Höhepunkt einer seit Monaten anhaltenden öffentlichen Diskussion über die Bedeutung von Radaufhängungen, Hinterachsen, Bremsen, Lenksäulen und Karosserieteilen für Leben und Tod des bestmotorisierten Bürgers der Erde.

»Das sinnlose Gemetzel auf unseren Autobahnen« ist laut Präsident Johnson hinter dem Vietnamkrieg dringlichstes Problem der Vereinigten Staaten. 1965 baute die US-Automobilindustrie eine Rekord-Menge von 9,3 Millionen Personenwagen, im gleichen Jahr verbluteten auf Amerikas Straßen 49 000 Personen - mehr als jemals zuvor.

Ein ständiger Untersuchungsausschuß, den die US-Regierung im vergangenen Jahr unter Vorsitz von Senator Abraham Ribicoff einsetzte, soll sich einen Überblick über den Sicherheits-Standard der Autos und die Sicherheits-Forschung verschaffen. Unfallforscher und die Großen von Detroit mußten Rede und Antwort stehen.

Ausschußmitglied Senator Robert Kennedy präsentierte dem Aufsichtsratsvorsitzenden von General Motors, Frederic Donner, einen Bericht des Cornell-Instituts über einen Autotüren-Test: Bei Aufprallversuchen waren laut Bericht bei 5,1 Prozent der getesteten General-Motors-Wagen die Türen abgerissen, jedoch: nur bei 0,8 Prozent der Chrysler- und bei 0,6 Prozent der Ford-Wagen. Der GM-Boß hatte von dem Bericht noch nie gehört und wurde von Kennedy angeraunzt: »Wie können Sie vor diesem Ausschuß erscheinen, ohne solche Berichte zu kennen?«

Wütend starrte Kennedy den GM -Präsidenten James Roche an, als der aussagte, der Konzern habe 1964 rund 1,7 Milliarden Dollar Profit erwirtschaftet. Kennedy: »Und im gleichen Jahr haben Sie nur 1,25 Millionen Dollar für Sicherheit aufgewendet!«

Im letzten Monat lud Ribicoffs Ausschuß den Mann zur Aussage, der General Motors schon einmal schweren Rufschaden zugefügt hatte: Buchautor Ralph Nader.

In zweijähriger mühevoller Kleinarbeit hatte Nader ermittelt, daß schwere Konstruktionsmängel bei Tausenden von Exemplaren des GM-Heckmotorwagens Chevrolet Corvair (Baujahre 1960 bis 1963) wie bei keinem anderen Wagen die Fahrsicherheit gefährdeten. In seinem Buch, das er einem durch Autounfallverletzungen gelähmten Freund widmete, prangerte Nader vornehmlich die Konstruktion der Hinterachse des Corvair an. Sie lasse den Wagen unter bestimmten Fahrzuständen tückisch reagieren: Er breche plötzlich aus der Fahrspur aus oder überschlage- sich unvermittelt. Viele Corvair-Besitzer hätten sich deshalb Stabilisatoren und Ausgleichsfedern einbauen lassen.

Als General Motors die Hinterachse nach vier Jahren durch eine aufwendigere und zweckmäßigere Konstruktion ersetzte, hatten Corvair-Tücken schon zahlreiche Todesopfer gefordert, darunter den US-Fernsehschauspieler Ernie Kovacs. Corvair-Geschädigte klagten auf Schadenersatz. Einer Amerikanerin die bei einem Corvair-Überschlag einen Arm einbüßte, mußte der Detroiter Konzern 280 000 Mark zahlen. 100 Corvair-Prozesse sind noch unentschieden.

Vor dem Senatsausschuß wiederholte Nader seine Anklagen gegen Detroit und fragte: »Warum setzt die Bundesregierung keine Sicherheits-Normen für Automobile wie für Flugzeuge, Schiffe und Eisenbahnen?«

Indessen fiel es den GM-Managern ein, Nader durch Detektive »einer durchaus üblichen Routine-Untersuchung« zu unterwerfen. Zwar versicherte General Motors, es sollte nur ermittelt werden, ob Nader mit Corvair-Klägern liiert ist

- was Nader verneinte.

Die GM-Rechercheure suchten aber auch auszuforschen, ob Nader homosexuell sei oder die Juden hasse. Weil der Verdacht besteht, daß der Zeuge unter Druck gesetzt werden sollte, ordnete der Ausschuß eine Untersuchung der GM-Ermittlungen durch die Bundeskriminalpolizei (FBI) an. Ausschußmitglied Senator Nelson: »Eine verdammt finstere Sache.«

** »Unsafe at Any Speed«, Grossman Publishers, Inc., New York; 5,95 Dollar; 365 Seiten.

Automobil-Autor Nader

Von Detektiven und Blondinen verfolgt

Corvair-Wrack in Hollywood*: An vielen Modellen tückische Mängel

* In diesem Fahrzeug verunglückte Fernseh -Star Ernie Kovacs tödlich.

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