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Finten und Fanale

Band 32 der SPIEGEL-Edition: Barbara Tuchman schildert in »Der ferne Spiegel« eine Epoche zwischen Pest, Krieg und Jenseitshoffnungen: das Spätmittelalter.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Wer sich als Helden seines Buches ausgerechnet einen gewissen Enguerrand de Coucy VII. aussucht, sollte schon einen guten Grund dafür haben. Und wer seinen Lesern dann fast 700 Seiten lang das Leben dieses spätmittelalterlichen Provinzfürsten aus der Picardie erzählt, von dem es noch nicht einmal ein Bildnis gibt, muss seiner Sache schon ziemlich sicher sein.

Für Barbara Tuchman (1912 bis 1989) galt beides: Die Tochter eines Privatbankiers hatte sich in jungen Jahren als Reporterin einen Namen gemacht. Das Handwerk des Erzählens beherrschte sie seit langem, vor allem seine Grundregel: Menschen sind in der Regel faszinierender als Thesen und Theorien.

Verheiratet mit einem Arzt und Mutter dreier Töchter, hatte die promovierte Nichtprofessorin schon mehrere Geschichtswerke geschrieben, als ihr 1962 der erste Welterfolg gelang: Sie erzählte von Europas Absturz in den Ersten Weltkrieg so, als lebte sie im Jahr 1914. Das Buch »The Guns of August« wurde in den USA sofort ein Bestseller, seine Autorin mit dem renommierten Pulitzerpreis geehrt.

16 Jahre und einige Bücher später begann sie sich für die Folgen der Pest im späten Mittelalter zu interessieren. Wieder fand sie den idealen Zugang: eine Hauptfigur, die fast alle bedeutenden Schauplätze der damaligen Welt kennenlernt - und über die man genügend weiß, um eine fesselnde Geschichte zu erzählen.

Enguerrand VII. (1340 bis 1397) ist der letzte Spross einer Dynastie, die aus dem Dasein anrüchiger Warlords zu Lehnsmännern der französischen Könige aufgestiegen war. Er ist ein echter Ritter, der mit 15 Jahren das erste Mal ins Feld zieht, ja ein Weltmann, verheiratet mit der ältesten Tochter des englischen Königs Edward III.

Rasch berühmt für seine strategischen Fähigkeiten, dient Coucy nicht nur auf Waffengängen seines Herrschers bis nach Nordafrika, er zieht auch auf eigene Rechnung gegen Österreich und das norditalienische Fürstenhaus der Visconti. Aber er muss auch erleben, wie Pestwellen das Land veröden lassen und religiöse Hysterie hervorrufen. Als Teilnehmer an einem gesamteuropäischen Feldzug gegen die Türken gerät er schließlich 1396 in Gefangenschaft des Sultans und stirbt wenige Monate später im kleinasiatischen Bursa.

Schon diese Lebensgeschichte könnte einen dicken Band füllen. Doch Barbara Tuchman geht es um mehr. Immer wieder gönnt sie sich - und das ist wohl der Kern ihres Erfolgsrezepts - Abschweifungen, in denen alle Aspekte des spätmittelalterlichen Daseins virtuos ausgeleuchtet werden.

Hexenwahn, Klosterstiftungen, Bauernaufstände, pompöse Feste und Turniere, die ständige Angst vor den bewaffneten Horden, dazwischen immer wieder verheerende Epidemiewellen: All diese Tatsachen ordnen sich zum Monumentalmosaik einer Zeit, in der die Autorin vielfach nackte »Verantwortungslosigkeit«, ja einen »bösen Geist« am Werk sieht.

Sosehr dies der Grundton bleibt, es ist nicht vergessen, was der Kulturhistoriker Johan Huizinga 1919 in seinem bahnbrechenden Werk vom »Herbst des Mittelalters« wehmütig bestaunt hatte: Jenseitshoffnung und ostentative Daseinsfreude halfen über die Angst vor der Zukunft hinweg.

Wie ihr Hauptgewährsmann, der große, von Coucy geförderte Chronist Jean Froissart, weiß Barbara Tuchman Akteure und Schauplätze filmreif zu überblenden. So werden die Finten und Fanale auf dem politischen Parkett, das oft genug ein Schlachtfeld ist, verständlich.

Keine der unzähligen Informationen in diesem Buch ist erfunden. Barbara Tuchman kennt die Belege und nennt sie. Gewiss, in vielem ist die Forschung mittlerweile vorangekommen, und die verwinkelte Geistesgeschichte der Epoche kann das Buch nur ein paarmal streifen. Doch als packend erzähltes Gesamtbild bleibt die 750-Seiten-Reportage der lebensklugen Lady aus New York eine große Leistung.

Zahllose Nachahmer hat der Bestseller seither gefunden. Allerdings setzen heute viele der Schmöker, Filme und Themenparks, die das fortdauernde Interesse am Mittelalter ausbeuten, auf primitiven Spaß und Horrorkitzel ohne viel Wahrheitsgehalt. Barbara Tuchman, die US-Moralistin, kann gegen solche Sensationen geradezu immun machen. Ohne je den Zeigefinger zu heben, erreicht sie, wovon Historiker oft nur träumen konnten: ein fremdes Zeitalter wenigstens in den Grundlinien so zu schildern, »wie es wirklich gewesen ist« (Ranke). Den Gewinn an Wissen, mitunter sogar an Weisheit, haben ihre Leser - bis heute. JOHANNES SALTZWEDEL

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