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Fische in der Vase

aus DER SPIEGEL 16/1947

Während der offiziellen Kunst in Deutschland zwölf Jahre lang Naturalismus und Postkartengeschmack befohlen wurde, ist in Hamburg in der Stille seines Ateliers ein Künstler über die Stränge geschlagen. Mack Kock hat surrealistische Bilder gemalt. In der Hamburger Sezession bei Dr. E. Hauswedell werden diese Bilder jetzt gezeigt.

Mack Kock ist vor kurzer Zeit gestorben. Sein Leben war eine unerfüllte Sehnsucht nach China, woher sein Vater stammte. Schon im ersten Weltkrieg wollte er nach dem Fernen Osten. Es gelang ihm damals ebensowenig wie in diesem Kriege. Zwischen den Kriegen machte er Studienreisen nach dem Orient« nach Frankreich und England.

Professor von Beckerath, dessen Meisterschüler er war, hat ihm in den zwanziger Jahren eine französische Zeitschrift gezeigt. Darin waren die ersten surrealistischen Bilder französischer Maler abgebildet. Diese Bilder hatten mit Kocks phantastischen Darstellungen seiner Umwelt viel Gemeinsames. Beckerath bezeichnete Kock als den ersten deutschen Surrealisten.

Während der Nazizeit mußte sich Kock in die Anonymität verkriechen. Seine Bilder, die aus einer inneren Schau heraus Unsichtbares sichtbar machen, die wie Traumbilder aus dem Unterbewußtsein leben, waren höchst verdächtig. Der größte Teil seines Werkes verbrannte in den Hamburger Bombennächten.

Ein Bild heißt »Fische in der Vase": Fische quellen wie ein Blumenstrauß aus einem Glas. Ein anderes: eine nackte Frau schreitet auf einen Baum zu, der mitten im Meer grünt. Ein immer wiederkehrendes Motiv: Frauenakte ohne Kopf, an Stelle des Kopfes ein Blumenstrauß. Ein geputzter Frauenkopf steckt wie eine Schaufensterpuppe auf einem Holzstock.

Frauenarme mit schwarzen Schleifen ergeben ein Stilleben. Eine Frau sitzt vor einer Vase, in der das Bildnis eines nackten Mannes sichtbar wird. Ein junges Mädchen tanzt mit grotesker Bewegung in einer Gefängniszelle. Eine große chinesische Vase schaukelt auf einem Boot über See.

Die Bilder sind gemalte Gedanken. Sie sagen in einer bewußten Primitivität über seelische Erschütterungen aus. Das Selbstbildnis Mack Kocks läßt den Betrachter ahnen, wie hier ein Mensch um eine Befreiung von seinen Gesichten gerungen hat.

Den ersten deutschen Surrealisten nannte man Mack Kock ("Der Leierkasten")

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