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FILM Fixiert auf die Hexe

David Cronenbergs packendes Thriller-Drama »Spider« ist das subtile Psychogramm eines an Schizophrenie leidenden Mannes.
Von Antje Harders
aus DER SPIEGEL 24/2004

Ein Mann sitzt im Halbdunkel und spannt eine Schnur kreuz und quer durch das Zimmer. Er scheint Halt zu suchen, einen Ariadnefaden, der ihm den Weg aus dem Labyrinth quälender Erinnerungen weist. Doch selbstvergessen und in sich gekehrt wie ein Kind verfängt er sich immer tiefer in seinem eigenen Netz.

»Spider« (Spinne) wurde Dennis Cleg (Ralph Fiennes), die Hauptfigur in David Cronenbergs nach Patrick McGraths Roman entstandenem Film, liebevoll von der Mutter genannt, weil er schon als Schuljunge stundenlang mit Fäden spielte. Nach jahrelangem Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt - dorthin war er geraten, weil er angeblich die Geliebte seines Vaters umgebracht hatte - kehrt er nun in seine Heimatstadt London zurück, in ein Wohnheim zur Resozialisierung.

Damit beginnt für den an Schizophrenie leidenden Mann eine qualvolle Reise in die Kindheit. Denn Spider wird von grausamen Erinnerungen verfolgt: Mal erscheint ihm die Geliebte des brutalen Vaters wie eine Hexe vor seinem inneren Auge, dann durchleidet er die traumatische Nacht, in der seine Mutter - von wem auch immer - ermordet wurde, noch einmal.

Ruhig und eindringlich lockt Cronenberg den Zuschauer in die bedrückende Atmosphäre des verräucherten Industriearbeiterviertels, wo der Junge aufgewachsen ist. Es wirkt, zum Beispiel mit seinen zugemauerten Fenstern, wie ein einziges Gefängnis.

So ist »Spider« das Porträt eines von Geburt an Inhaftierten: Ob im Elternhaus, in der Anstalt oder in seiner Wohnung - gefangen ist Spider überall. Da wirkt es nur folgerichtig, wenn ihm auch jeglicher Zugang zur Realität versperrt ist und sich in seiner Phantasie Fabriktürme in Feuer speiende Drachen verwandeln.

»Die Welt ist laut, dies ist eine Insel«, verheißt ihm Terrence, ein Mitbewohner des Heims. Doch der Satz trügt: Der größte Drache wohnt im Haus. Die resolute Heimleiterin, Mrs. Wilkinson (Lynn Redgrave), wird wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Geliebten des Vaters für Spider zur größten Bedrohung.

Die Kamera lässt die Gesichter der beiden Frauen immer wieder ineinander übergehen, dabei verschwimmt die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit wie schon in Cronenbergs Drogenrausch-Film »Naked Lunch« (1991).

Zermartert von der Qual der Erinnerung fegt Spider in einer Szene ein Puzzle vom Tisch, an dem er gerade bastelt - es geht nicht auf, auch nicht für das Publikum: In Cronenbergs raffiniertem Verwirrspiel zwischen Gegenwart und Vergangenheit verliert der Zuschauer manchmal völlig den Faden, wobei er sich der Orientierungsnot des Helden eigentümlich annähert.

Cronenberg, Kunst-Horrorfilmer aus Kanada, der in seinen Filmen gern Inneres nach außen kehrt, verzichtet diesmal auf jegliche Ekel-Effekte. Sein subtiles Psychogramm beschreibt einen Menschen, dessen Seele seit einem Kindheitstrauma so zerbrechlich ist wie Glas. Der Film schafft es, dass der Zuschauer am Ende sich selbst als Scherbenhaufen sieht. ANTJE HARDERS

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