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Am Rande Flatsch

aus DER SPIEGEL 29/2001

Als seien Finanzmisere und Gysi-Mania noch nicht genug des Berliner Sommerelends - da bröckelt auch noch die Love Parade, der pseudohumanistisch menschelnde Friede-Freude-Eierkuchen-Traditionsauflauf zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule - das Fanal der Berliner Republik. Nach ewigem Hickhack um Termin und Konditionen findet das ohrenbetäubende Halbnackedei-Schaulaufen am kommenden Samstag zwar statt, doch die Zeichen des Niedergangs sind unübersehbar: Statt 1,3 Millionen Raver werden nur noch rund 400 000 zappelnde Leiber erwartet. Sponsoren sind abgesprungen, prominente DJs wie Sven Väth und Marusha haben abgesagt, und nun müssen dank Bundesverfassungsgericht die Veranstalter der größten Menschenzusammenführung seit dem Mauerfall auch noch die Müllbeseitigung bezahlen. Den virtuellen Todesstoß versetzte dieser Spaßgesellschaft die Nachricht, dass Gotthilf Fischer nicht mitfeiern darf, weil er »nicht ins Fernsehprogramm« passe. Ha! Dabei war der gute Gotthilf im vergangenen Jahr, irgendjemand musste ihm Ecstasy ins Bier gekippt haben, voll ins Programm eingestiegen: Selig singend sprang er im C-Dur-Delirium von Wagen zu Wagen. Wohin nun die Reise im neuen postkommunistischen Morgenrot gehen könnte, deutet ein Kulturereignis am kommenden Donnerstag an: Da will der »Gegenwartskünstler« Wolfgang Flatz eine Kuh vom Helikopter aus auf die Prenzlauer Allee fallen lassen. Memento mori? Memento Flatsch. Dazu spielen die Berliner Philharmoniker Walzer. Titel des blutigen Gesamtkunstwerks, bei dem der Künstler selbst mit dem Kopf nach unten und nackt an einem Baukran hängen wird: »Fleisch«. Na also. Berlin zuckt noch.

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