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FILM Flausen im Kopf

Das spritzige elisabethanische Lustspiel »Shakespeare in Love«, für 13 Oscars nominiert, gilt als einer der Berlinale- Favoriten - zu Recht.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Eitel gebärdet sich der Barde, auch wenn er eigentlich wenig Grund dazu hat. Jung-Will übt schwungvoll und mit tintenbeschmierten Händen sein Autogramm, verspricht seinem Theatermanager das Blaue vom Himmel - sprich: ein weltbewegendes neues Drama - und eilt mit flatternden Hemdzipfeln genialisch durch die Straßen Londons. Alles nur Jungmänner-Bluff: In Wahrheit fällt dem Nachwuchs-Schreiberling keine Zeile mehr ein, finanziell klamm ist er auch, und heimlich bewundert und beneidet er den wahren Stardramatiker des ausgehenden 16. Jahrhunderts, Christopher Marlowe.

Da kein Mensch weiß, wie William Shakespeare in seinen ersten Londoner Jahren gelebt hat, läßt sich seine Biographie mit aller dichterischen Freiheit erfinden - und die haben sich der Regisseur John Madden ("Ihre Majestät Mrs. Brown") und seine Drehbuchautoren Marc Norman und Tom Stoppard in dem Film »Shakespeare in Love« genommen.

Ihre Idee ist so keß und so naheliegend, daß sich der Zuschauer fragt, warum sonst noch niemand - außer den Autoren eines lange vergriffenen britischen Romans von 1941 - darauf gekommen ist: Der Film schließt »Romeo und Julia« mit einer Romanze in Shakespeares Leben kurz.

Der attraktive Dichter (Joseph Fiennes) leidet an Flausen im Kopf und an seiner Schreibhemmung, die er erst überwindet, als er sich verliebt. Seine Auserwählte ist eine theatervernarrte Adlige namens Viola (Gwyneth Paltrow), die dummerweise einem anderen, standesgemäßen Herrn versprochen ist.

Dank der wallenden Gefühle fließen Will die Klassikerworte aus der Gänsefeder, und genauso wie sich seine Affäre mit Viola entwickelt (nämlich tragisch), so entwickelt sich - Akt um Akt - auch sein Drama. Leben und Werk verschmelzen. Am Ende ist »Romeo und Julia« fertig, Shakespeare endlich ein gefeierter Dichter und seine Liebesgeschichte an ihrem traurigen Finis angelangt.

So geschickt hat »Shakespeare in Love« bei Shakespeare nachgeschlagen, daß seine Verwechslungen und Verwirrungen, Majestäten (aristokratisch-kühl: Judi Dench als Queen Elizabeth I.) und Knallchargen (besonders schrullig: Geoffrey Rush als fatalistischer Theatermanager) auch dem Chef selbst keine Schande machen würden.

Mit seinem deftigen Witz trifft das Lustspiel den Geist des elisabethanischen Theaters, das schließlich seinerzeit auch die unterhaltungswilligen Massen der britischen Hauptstadt anlocken mußte, um seine Kosten zu decken: keine Etepetete-Kultur, sondern Volksbelustigung mit Schauwert, Glamour, Sex-Appeal und Spektakel.

Genau diese Show liefert auch »Shakespeare in Love«, statt fürs Theater jetzt zeitgemäß für die Leinwand (deutscher Kinostart am 4. März), und der spritzige Mittwinternachtstraum hat die Amerikaner so verzückt, daß er am vergangenen Dienstag in Hollywood für 13 Oscars nominiert wurde, mehr als die schwergewichtigen Favoriten »Der Soldat James Ryan« und »Die Truman Show«. Bei der Berlinale, auf der »Shakespeare in Love« am Wettbewerb teilnimmt, gilt er als einer der aussichtsreichsten Bären-Anwärter.

Auch wenn der Film, anders als etwa die MTV-inspirierte »Romeo und Julia«-Verfilmung von 1997, Shakespeare nicht in die Gegenwart verlegt, macht er sich doch einen Spaß daraus, seinen Wams und Mieder tragenden Figuren krachende Aktualitäten unterzujubeln. Da gibt es den präfreudianischen Gesprächsguru, auf dessen Sofa Will wortreich seine Potenzsorgen beklagt, genauso wie den Barkassenfahrer, der dem Dichter hopplahopp sein eigenes Drehbuch - pardon: Drama - andrehen will.

Gestandene Shakespeare-Fans werden obendrein mit gewieften Anspielungen eingedeckt, die sicher der Mitarbeit des Theaterautors Stoppard ("Rosenkranz und Güldenstern sind tot") zu verdanken sind: Ein schwarzzähniger Straßenjunge, der mit einer Ratte auf der Schulter am Theater herumlungert und immer die blutigsten Szenen beklatscht, trägt im Film den Namen John Webster. Einen solchen gab es wirklich; er war ein Dramatiker der Nach-Shakespeare-Jahrzehnte, der einen Hang zum Grausam-Dekadenten pflegte und unter anderem die »Herzogin von Malfi« verfaßte.

Aber das wäre dann schon wieder ein anderer Film. SUSANNE WEINGARTEN

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