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»Fliege aus Ägypten«

aus DER SPIEGEL 2/1995

SPIEGEL: Frau Dörrie, Ihr neuer Film »Keiner liebt mich« handelt von Fanny, einer einsamen Singlefrau, deren einziger Freund, ein schwuler Hellseher, am Ende stirbt. Das soll eine »Komödie« sein?

Dörrie: Ja, sicher. Eine Komödie ist immer auch eine Tragödie. Das Genre hatte stets etwas sehr Trauriges, denken Sie nur an »Frühstück bei Tiffany«, eine hochbetrübliche Geschichte. Oder an Billy Wilders Film »Das Apartment«, da geht es um Selbstmord und Depressionen.

SPIEGEL: Die Fanny in Ihrem Film ist so deprimiert, daß sie dem Hellseher Orfeo zunächst haufenweise Geld bezahlt, damit er ihr zu einem Partner verhilft. Ist das Single-Leben so furchtbar?

Dörrie: Für viele Leute offenbar schon. Fanny ist vollkommen anonym und droht auch in dieser Anonymität unterzugehen. Sie sehnt sich danach, von jemandem erkannt, wahrgenommen zu werden. Aber sie handelt nicht. Sie macht nichts aus ihrem Leben.

SPIEGEL: Immerhin nimmt Fanny an einem Sterbe-Lehrgang teil und schreinert auch ihren eigenen Sarg. Ist das nicht etwas überzogen?

Dörrie: Find' ich nicht. Mir begegnen andauernd Leute, die noch viel sonderbarere Dinge anstellen. Die Menschen in Deutschland driften immer häufiger in spinnerte Vorstellungen ab, und ich glaube, das liegt daran, daß hier wesentlich mehr Leute allein leben als in anderen Ländern.

SPIEGEL: Deutsche Singles sind verrückter als andere?

Dörrie: Vielleicht. Neulich hat mir eine Kassiererin anvertraut, sie sei eine reinkarnierte Fliege aus dem alten Ägypten. Ich habe sie sofort gefragt: Woher wissen Sie, daß Sie gerade in Ägypten gelebt haben? Und sie behauptete, sie erinnere sich ganz deutlich an die Risse zwischen den Steinquadern der Pyramiden.

SPIEGEL: Finden Sie solche Phantasien komisch?

Dörrie: Ja, aber ich finde sie auch beängstigend, weil sie sehr oft aus Einsamkeit und Isolation erwachsen. Sie drücken aber auch eine große Sehnsucht der Menschen aus. Wieso käme es sonst zur massenhaften Ausbreitung dieser Science-fiction-Vorstellung, daß Leute von Außerirdischen aus dem Weltall abgeholt werden? Plötzlich erzählen Hunderte von Menschen, sie hätten so etwas erlebt.

SPIEGEL: Diesem Wahn ist in Ihrem Film auch Orfeo erlegen. Und Orfeo verschwindet wirklich. Sind Sie zur Esoterik bekehrt worden?

Dörrie: Nein, aber wenn sich Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts so ihre Erlösung vorstellen, kann man das nicht einfach abtun. Die Menschen suchen ja offenbar dringend nach Wegen, wieder aus ihren Wabenzellen herauszukommen.

SPIEGEL: Und Ihr Film soll ihnen dabei helfen?

Dörrie: Ins Kino gehen wäre doch schon mal ein Anfang. »Keiner liebt mich« habe ich einfach deshalb gedreht, weil mir immer häufiger Fannys und Orfeos über den Weg gelaufen sind. Ich habe mal eine Geschichte über Hellseher recherchiert. Die Typen, die ich dabei kennengelernt habe, waren vollkommen schräg, haben mir aber ganz vernünftige Dinge über Singles erzählt.

SPIEGEL: Warum ausgerechnet über Singles?

Dörrie: Weil ihre Klientel hauptsächlich aus Leuten wie Fanny besteht. Die Hellseher haben sich oft darüber beklagt, daß irgendwelche 30jährigen Frauen zu ihnen kommen und fragen, wann sie nun endlich den Mann ihres Lebens kennenlernen. Und dann zählen die Damen gleich eine ganze Liste von Ansprüchen auf. Das hat die Hellseher empört: Wie sollten sie da überhaupt noch hellsehen!

SPIEGEL: Kann Orfeo denn wirklich hellsehen?

Dörrie: Woher soll ich das wissen?

SPIEGEL: Sie haben sich doch schließlich seine Figur ausgedacht.

Dörrie: Ja, aber so genau kenne ich ihn auch nicht. Keine Ahnung, ob er die Zukunft vorhersagen kann. Y

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