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DE LAURENTIIS Flimmernder Zahn

aus DER SPIEGEL 10/1964

Ein halbes dutzendmal hatte der Jüngling vor der Filmkamera gestanden, als er »eines Tages in den Spiegel« blickte und erkannte: »Mit dem Gesicht kannst du beim Film nicht viel machen.«

Er entsagte dem Schauspielergewerbe, wechselte hinter die Kamera und verdingte sich nacheinander als Atelierarbeiter, Reklame-Agent, Kassierer, Regie-Assistent und Produktionsmanager. Im Alter von zwanzig Jahren produzierte er seinen ersten Film.

Vierundzwanzig Jahre später, nach mehr als 100 Produktionen, läßt er sich in seinen Hausmitteilungen als »eine der dynamischsten Persönlichkeiten« und als »anerkannten Führer der Filmwelt« feiern.

Tatsächlich ist der 44jährige italienische Selfmademan Dino De Laurentiis einer der letzten unabhängigen und selbstherrlichen Großproduzenten, ein Dinosaurier des internationalen Filmgeschäfts, der seine Produktionskosten für die Jahre 1962 und 1963 auf 320 Millionen Mark veranschlagte - mehr als doppelt soviel, wie alle deutschen Filmproduzenten zusammengenommen im selben Zeitraum einsetzen konnten.

De Laurentiis fürchtet - im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen zwischen Hollywood und Cinecittà - weder die mörderische Konkurrenz des Fernsehens noch die Extravaganzen der Stars, und er glaubt zu wissen, wie man auch in Krisenzeiten zu Geld kommen kann: »Man muß entweder künstlerisch wertvolle Filme drehen oder Kolossalfilme, und man darf seine Filme nicht mehr für ein einzelnes Land drehen, sondern muß sie für die ganze Welt machen.« Die Deutschen, sagt De Laurentiis, »haben das noch immer nicht begriffen«.

Zwei Beispiele für dieses Erfolgsrezept will Dino De Laurentiis im Frühjahr dieses Jahres geben:

- Der englische Dramatiker Christopher Fry ("Venus im Licht") schreibt im Laurentiis-Auftrag die Bibel zu einem Drehbuch um.

- Die persische Prinzessin Soraya versucht sich auf Laurentiis-Rat erstmals als Filmschauspielerin.

Seine Zuversicht in die Zukunft des Films beweist Italiens Großproduzent auch mit einem ausgedehnten Bauprojekt: Während Filmkonzerne in vielen Ländern zusammenbrechen und ihre Studios in den Besitz von Fernsehgesellschaften überwechseln, wendet De Laurentiis 120 Millionen Mark auf, um vor den Toren Roms die größten und modernsten Atelieranlagen Europas zu errichten.

In dieser neuen Filmstadt herrscht der Alleinunternehmer gewöhnlich von acht Uhr morgens bis Mitternacht. Der untersetzte Südländer, der einen Mercedes-Sportvagen fährt, raucht sechzig Zigaretten am Tag und verschmäht außer Tischwein jeden Alkohol. Der Erfolgsproduzent arbeitet, wie Erfolgsproduzenten in Erfolgsfilmen zu arbeiten pflegen: Nach Möglichkeit verrichtet er mehrere Tätigkeiten gleichzeitig, seine Briefe diktiert er mit heiserer Stimme am liebsten inmitten von Verhandlungen.

Er ist keinem Aktionär verantwortlich, trifft alle Entscheidungen selbst und duldet keine Widerrede von Stars. »Würde ich Schauspielern und ihren Agenten alles geben, was sie verlangen«, sagt er, »so könnte ich ihnen auch gleich mein Studio geben.« Denn Dino De Laurentiis bezweifelt, daß auch nur ein Schauspieler unter tausend etwas von der Filmproduktion versteht: »Ich engagiere sie, damit sie spielen, und nicht als Produktionsexperten.«

Die Zahl seiner Angestellten schwankt zwischen 300 (fest) und 3000 (bei Dreharbeiten). Drei Führungskräfte rekrutierte der Italiener aus engstem Familienkreis: Sein Bruder Luigi leitet die neue Atelierstadt, sein Bruder Alfredo produziert zur Zeit den Soraya-Film, und sein achtzigjähriger Vater, der früher eine kleine Spaghetti-Fabrik in der Nähe von Neapel betrieb, lenkt das Photolabor.

Seine erste große Entdeckung machte De Laurentiis 1948: Sie war »Miß Roma 1946« gewesen, 18 Jahre alt und hieß Silvana Mangano. Laurentiis gab ihr einen Vertrag und ließ sie in dem Film »Bitterer Reis« als verführerische Arbeiterin in den Reisfeldern der Po -Ebene agieren. Der Film wurde ein Welterfolg, und der Produzent heiratete seine Hauptdarstellerin.

Als »Bitterer Reis« Millionen-Beträge einspielte, unterbreitete dem erfolgreichen Filmfabrikanten im Jahre 1950 ein anderer Produzent - der alsbald gleichfalls zu einer üppigen italienischen Filmschönheit fand - einen verlockenden Vorschlag: »Wir sollten unser Geld und unser Talent zusammenwerfen«, sagte der Mailänder Geschäftsmann und Entdecker der Sophia Loren, Carlo Ponti.

Laurentiis schloß diesen Bund aber nicht auf Lebenszeit: »Wir waren beide Dickschädel«, erinnert er sich heute. »Einer konnte nur kommandieren. Wir haben viel miteinander gestritten.« So gingen der Mangano-Gatte und der Loren-Freund 1956 »in gegenseitigem Einverständnis« wieder auseinander.

Während Carlo Ponti sich nunmehr ausschließlich der Karriere der Sophia Loren widmete, gab Dino De Laurentiis seiner Frau zwar in der Regel noch eine Filmrolle pro Jahr; doch zunächst hatte er ihr eine andere Rolle zugedacht: die Mangano wurde viermal Mutter.

Als Filmproduzent reüssierte De Laurentiis mit preisgekrönten Kinokunststücken, wie den Fellini-Werken »La Strada« und »Die Nächte der Cabiria«, und mit Kassenschlagern, wie den aufwendigen Ausstattungsfilmen »Die

Fahrten des Odysseus« (Hauptrolle: Kirk Douglas) und »Krieg und Frieden« (nach Tolstoi; Hauptrolle: Audrey Hepburn). Er investierte 40 Millionen Mark in das Lichtspiel »Barabbas« nach dem Roman des schwedischen Nobelpreisträgers Pär Lagerkvist und bereitet gegenwärtig einen Film über Italiens unbewältigte Vergangenheit vor: eine Leinwand-Biographie des faschistischen Führers Benito Mussolini.

Daneben baut er eine eigene Verleihfirma international aus, um seine Filme kommerziell noch besser auswerten zu können. Überdies unterhält er eine florierende Fabrik für Kühlschränke und andere Elektrogeräte; er fabriziert Plastik-Sportboote und ist - freilich mit geringerem Erfolg - Verleger und Herausgeber der Wochenillustrierten »Le Ore« (Die Stunde).

Sein bisher wagemutigstes Projekt ging Dino De Laurentiis im Mai des Jahres 1961 an, nachdem er 23 Kilometer südlich von Rom ein Gelände von 300 Hektar erworben hatte: An der Via Pontina gründete er die größte Filmstadt Europas. Der damalige italienische Ministerpräsident Fanfani legte den Grundstein zu einem Atelierkomplex, »der noch in zwanzig Jahren modern sein soll«.

Die Laurentiis-Studios sind gegen den Lärm von Düsenflugzeugen abgesichert, verfügen über Klima-Anlagen und ein eigenes Elektrizitätswerk sowie neuartige Beleuchtungssysteme, die die Ateliers vom bislang unvermeidbaren störenden Kabel-Gestrüpp befreien. Unmittelbar neben den Ateliers werden Appartement- und Familienhäuser für Arbeiter und Angestellte, Restaurants, Friseurläden, eine Bankfiliale, ein Postamt sowie ein Luxushotel für gastierende Filmkünstler errichtet. Eine »zona tranquilla«, eine ruhige Zone, ist für den Autoverkehr gesperrt und soll dem Laurentiis-Stab ein entspanntes Arbeiten garantieren. Tausende von Pinien wurden angepflanzt, um die Ateliers gegen Einblick von der nahen Autobahn Rom - Neapel abzuschirmen.

In dieser nahezu autarken Studio -Stadt will De Laurentiis zunächst im April den »vielleicht größten Coup der Filmgeschichte« realisieren: Regisseur Alberto Lattuada, der Martine Carol als Prostituierte ("Der Skandal") und Silvana Mangano als Barsängerin ("Anna") anleitete, soll den Debüt-Film der Exkaiserin Soraya, »Das Geheimnis«, inszenieren.

Die Testaufnahmen sowie die Maskenproben der Debütantin hatte De Laurentiis selbst überwacht. Danach verkündete er: »Sie wird ein Star. Sie ist die größte Film-Entdeckung der letzten zehn Jahre.«

Gerüchte, er habe das Gesicht der Prinzessin stark verändern lassen müssen, werden von De Laurentlis dementiert: »Ich habe ihr lediglich einen Eckzahn abschleifen lassen, der zu lang war und bei Großaufnahmen immer flimmerte.«

Für die Darstellung einer fiktiven neapolitanischen Prinzessin, die einen Nato-Offizier heiratet, zahlt De Laurentiis der persischen Prinzessin eine Gage von einer Million Mark sowie 20 Prozent vom Gewinn.

Ungleich höhere Kosten wird das andere Großprojekt verschlingen, das der Produzent im Mai beginnen will: die Verfilmung des Alten Testaments von der Erschaffung der Welt bis zu Joseph und seinen Brüdern.

»Auf die Idee, die Bibel zu verfilmen«, erklärt De Laurentiis, »haben mich meine Kinder gebracht. Nach der Religionsstunde in der Schule hatten sie immer so viele Fragen, daß ich mir eines Tages sagte: Man sollte das mal von Anfang an verfilmen.«.

Ursprünglich hatte er die Kosten des Bibel-Projekts- auf 120 Millionen Mark veranschlagt: Vier Teile sollten, insgesamt zwölf Stunden dauern, jeder Teil sollte jeweils von einem renommierten Regisseur inszeniert werden. Die amerikanische Verleihfirma Columbia sollte sich mit 80 Millionen Mark an der Produktion beteiligen und für diesen Einsatz das Gesamtwerk später auch vertreiben dürfen.

Indes, die Amerikaner nahmen von dem risikoreichen Unternehmen Abstand, und auch mit den berühmten Regisseuren kam De Laurentiis nicht zurecht. Vorgesehen hatte er

- den Franzosen Robert Bresson ("Tagebuch eines Landpfarrers") für »Die Erschaffung der Welt«,

- den Italiener Federico Fellini ("La dolce vita") für »Die Sintflut«,

- den Amerikaner Orson Welles ("Der Prozeß") für »Abraham, Esau 'und Jakob«,

- den Italiener Luchino Visconti ("Rocco und seine Brüder") für »Joseph und seine Brüder«.

Die Schwierigkeiten begannen bei Bresson. Der Franzose glaubte nicht an Adam und Eva und wollte mit der Kaulquappe beginnen. Er wurde entlassen.

Visconti plauderte in einem Interview aus, er mache es »nur fürs Geld«. Auch er wurde entlassen.

Fellini glaubte sich dem Sintflut -Sujet nicht gewachsen und zog sich zurück.

Schließlich fiel noch der vierte Mann aus: Orson Welles erkrankte.

Nun entschied Monumentalproduzent De Laurentiis: Zwei Teile Bibel-Film für insgesamt 50 Millionen Mark seien auch genug; als Regisseur heuerte er den amerikanischen Exboxer John Huston ("Freud") an. Für die Rolle der biblischen Sara wurde Opernstar Maria Callas verpflichtet. Regisseur Huston: »Sie braucht nicht zu singen, nur ein bißchen zu summen.«

Inzwischen hat De Laurentiis auch schon eine Darstellerin der Eva gefunden: die brünette, breithüftige 19jährige Nicoletta Rangoni-Macchiavelli aus Florenz. Mit ihrer Hilfe möchte der Produzent bei Millionen Kinogängern neues Interesse für die Bibel wecken.

Nicoletta soll nackt auftreten,

Denn, so sagt Dino De Laurentiis: »Wir wollen uns getreu an das Manuskript halten.«

Laurentiis-Star Nicoletta Rangoni

Eva und Kaulquappe

Filmproduzent De Laurentiis

Diva und Dinosaurier

Laurentiis-Star Soraya

Prinzessin und Nato-Offizier

»Bitterer Reis«

»La Strada«

»Barabbas«

»Die Fahrten des Odysseus«

»Krieg und Frieden«

Laurentiis-Filme*

»Entweder künstlerisch oder kolossal«

* Laurentiis-Gattin Silvana Mangano; Giuletta Masina und Anthony Quinn; Anthony Quinn: Kirk Douglas; Audrey Hepburn und Henry Fonda.

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