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BERLINALE Flopmacher Kosslick?

aus DER SPIEGEL 6/2007

Noch bevor die schwarzrotgoldene Flagge im vorigen Sommer ungeahnte Popularität erlangte, hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick, 58, sie schon so hoch wie möglich gehalten und mit vier deutschen Beiträgen im Wettbewerb eine Rekordmarke gesetzt. Doch auf dem diesjährigen Festival, das am Donnerstag beginnt, sind es nur zwei: »Yella« von Christian Petzold und »Die Fälscher« von Stefan Ruzowitzky. So wenige waren es selten in Kosslicks sechsjähriger Amtszeit. Sind die deutschen Produzenten zu vorsichtig geworden, um ihre Filme auf eine Startrampe zu schicken, die viele Fehlzündungen aufweist? Die letztjährigen Wettbewerbsfilme »Requiem«, »Der freie Wille« und »Sehnsucht« fanden zusammen nur etwa 185 000 Zuschauer - rund ein Zehntel der Besucherzahl von Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Melodram »Das Leben der Anderen«. Diesen Film hatten Kosslick und seine Auswahljury abgelehnt - und mussten dann mit ansehen, wie er europaweit alle erdenklichen Filmpreise gewann und nun für Deutschland ins Oscar-Rennen geht.

Wird die Berlinale zu einer Parallelgesellschaft, zum Prekariat des Kinos? Den letzten Gewinner des Goldenen Bären, das bosnische Drama »Grbavica«, sahen in Deutschland nur 41 000 Zuschauer und den Sieger von 2005, das südafrikanische Musical »U-Carmen«, noch viel weniger. Kosslick, als Stimmungskanone berühmt, muss aufpassen, dass er nicht bald als Experte für kommerzielle Rohrkrepierer gilt. So hisst er in diesem Jahr so oft wie selten zuvor die Trikolore, denn die Franzosen konnten 2006 mit einem Marktanteil von 44 Prozent im eigenen Land das erfolgreichste Jahr seit langem verbuchen. Wohl in der Hoffnung, diese Welle des Triumphs und der guten Laune werde von Paris nach Berlin überschwappen, hat Kosslick »La Vie en Rose«, Olivier Dahans Verfilmung des Lebens von Edith Piaf, als Eröffnungsfilm ausgewählt. Zum Abschluss läuft François Ozons Kostümfilm »Angel«, und auch die neuen Werke von Jacques Rivette und André Techiné sind zu sehen.

Aus Hollywood zeigt Kosslick Steven Soderberghs Nachkriegskrimi »The Good German«, der zwar komplett in Berlin spielt, aber in Los Angeles gedreht wurde. Hauptdarsteller und Berlinale-Stammgast George Clooney kann nicht kommen, dafür wird Clint Eastwood mit seinem Epos »Letters from Iwo Jima« erwartet (SPIEGEL 3/2007). Für Glanz auf dem roten Teppich soll auch Jennifer Lopez sorgen. Ihr Drama »Bordertown« wird im Wettbewerb laufen und nicht der thematisch verwandte Film »Trade - Willkommen in Amerika« von Marco Kreuzpaintner (SPIEGEL 51/2006) - abermals eine zweifelhafte Wahl. Doch man kann schon verstehen, dass Kosslick auf J.Los Figur geschielt hat und deshalb vielleicht nicht ganz so genau hinsehen konnte.

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