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BÜCHER NEU IN DEUTSCHLAND Flotte Greisin

Graham Greene: »Die Reisen mit meiner Tante«. Zsolnay; 308 Seiten; 22 Mark.
aus DER SPIEGEL 36/1970

Ein ehemaliger Bankbeamter, Junggeselle in den Fünfzigern, wird durch eine flotte Tante, die sich nach und nach -- für Außenstehende sogleich -- als seine abtrünnige Mutter zu erkennen gibt, dem ehrbaren und eintönigen Ruhestand entrissen. Die rothaarige Greisin läßt den bisher unbescholtenen und zunächst ahnungslosen Pensionär bei Gold- und Haschtransporten mitmachen. Der Lebensabend -- hier scheint Graham Greene der alten Dame zuzustimmen -- wird bei unerlaubten Transaktionen weniger öde und beschwerlich, weil der sichere Verfall dann durch die tägliche Gefahr entrückt oder ersetzt wird.

Auch sonst hat Greene, 65, inmitten seiner locker angelegten Gaunerspäße manche Allersweisheit abgeladen. Moderne Künste oder Laster werden scharf, aber gemessen angeknurrt. Greene über Gruppensex:

»Wordsworth wurde immer eingeladen, unter der Bedingung, daß er ein Mädchen mitbrachte und bereit war, sie auf der Party gegen eine andere zu tauschen ... Wordsworth hatte eine echte Bindung zu seinem Mädchen, aber er mußte sie hergeben und bekam dafür die Frau eines Technikers,

rechtes Hausmütterchen von fünfzig Jahren namens Ada. Ich finde, das gute alte Bordellsystem war viel gesünder als diese übertriebenen Zerstreuungen von Amateuren. Denn der Amateur geht immer zu weit. Er verliert leicht die Kontrolle.«

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