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Flucht im Unterseeboot

Einer der letzten Könige Hollywoods, der 83jährige Billy Wilder ("Manche mögen's heiß«, »Das Appartement"), trennt sich von seiner berühmten Kunstsammlung - bei Christie in New York werden im November seine Picassos, Braques und Boteros versteigert. Der Wert der 94 Bilder wird auf 30 Millionen Dollar geschätzt.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Der Mädchenakt hängt in Billy Wilders Schlafzimmer: Fast lebensgroß ist die Nackte, etwa Zwölfjährige, die vor ihrem Bett steht. Das Bild von 1957 (Titel: »Die Toilette"), das eine spröde Erotik ausstrahlt, hat der französisch-polnische Maler Balthus gemalt, auf dessen Bildern »pubertierende Mädchen in ihren bürgerlichen Interieurs ungeduldig auf die Gewaltsamkeit eines sexuellen Aktes warten« - so der Kunsthistoriker Giulio C. Argan.

Eines Tages, so erzählt Wilder, sei Vladimir Nabokov bei ihm auf Besuch gewesen. Der russische Autor habe all die Picassos, Schieles, Miros in Wilders Wohnung nur eines flüchtigen Blicks gewürdigt, sei dann fasziniert vor der Nackten stehengeblieben, habe Wilders Hand ergriffen, geschüttelt und »Balthus« gemurmelt.

Da das Bild nur auf der Rückseite signiert ist, war Wilder verblüfft, bis ihm »Lolita« eingefallen sei. Über Balthus verständigten sich die beiden fast wortlos: Wilders erster Film, »The Major and the Minor« von 1942, zwölf Jahre vor »Lolita«, handelt von einer (scheinbar) Zwölfjährigen, in die sich ein Major verliebt - ein geschickt gegen die Zensur als Komödie maskierter Lolita-Film.

Marilyn Monroe dagegen, selbst ein (vor allem von Wilder modelliertes) Gesamtkunstwerk, war von einem ganz anderen Stück aus Wilders Sammlung fasziniert: von einem Mobile Alexander Calders. Während ihr die übrigen Kunstwerke wenig Eindruck machten, erkannte sie das Calder-Werk sofort. »Sie wohnte«, so erläutert Wilder ihr spezielles Expertentum, »während ihrer Ehe mit Arthur Miller oft an der Ostküste, und ihr unmittelbarer Nachbar war der Bildhauer.«

Billy Wilders Kunstsammlung, aus der 94 bedeutende Stücke am 13. November bei Christie in New York versteigert werden sollen (geschätzter Preis des Auktionsvolumens 30 Millionen Dollar), spiegelt die Biographie und die Lebensmotive des inzwischen 83jährigen großen Filmemachers wider.

Zum Beispiel die Herkunft. 1914, im heißen Sommer, war der Achtjährige bei seiner Großmutter in Galizien in den Schulferien auf Besuch und saß lange in ihrem schön geschwungenen Schaukelstuhl und träumte. Der Krieg brach aus, die Bevölkerung begann vor den Russen zu fliehen, Züge waren überfüllt, keine Plätze mehr zu bekommen. Der Großmutter gelang es, einen Fiaker aufzutreiben. Der kleine Billie wollte unbedingt seinen Schaukelstuhl mitnehmen. Es sei kein Platz, sagte die Oma, »entweder muß ich hierbleiben oder der Stuhl«. Als Wilder sich gegen die Oma entschied, bekam er eine Ohrfeige.

Der Schaukelstuhl war ein Thonet-Möbel. Wilder sammelt alte Thonet-Stühle, Thonet-Möbel. Als er das »Appartement« in New York drehte, hat er in Antiquitätengeschäften alles Verfügbare von Thonet aufgekauft und auch den Film damit ausgestattet. Heute könnte er beinahe ein ganzes Hilton-Hotel mit Thonet-Möbeln ausstatten.

Ebenfalls in New York und ebenfalls während der »Appartement«-Dreharbeiten traf Wilder auf den ehemaligen Prager Herrenschneider Knize, der inzwischen eine der schönsten Sammlungen afrikanischer Kunst hatte. Nach einem langen Abend bei Knize gelang es Wilder, dem alten Herrn drei Objekte abzuschwatzen - »für den lächerlichen Preis von 1000 Dollar« erwarb er unter anderem eine wunderbare Benin-Plastik. Am nächsten Morgen wäre das nicht mehr möglich gewesen - Knize verschied.

An die Wiener Jugend erinnern die vielen Schieles, an die zwanziger Jahre in Berlin nicht zuletzt Lesser Ury und George Grosz. Wilder fing später an, alles »Entartete« zu sammeln, all die Kunst, die, wie er sagt, eine produktive Unruhe und Verunsicherung verursacht hat.

Natürlich hat er, der präkolumbianische Kunst neben afrikanischer sammelt, auch viele Amerikaner, Saul Steinberg etwa, und Bilder seines britischen Freundes David Hockney.

Unter den Schätzen, von denen sich Wilder trennt, ist die Giacometti-Plastik »Stehende« von 1953, sind Bilder von Braque, Kirchner und viele Boteros. Auffallend viele Frauen sind darunter, Balthus' nacktes Mädchen ist die jüngste, der Akt einer reizvoll Verblühenden, ebenfalls bestrumpft wie das Balthus-Mädchen, des Worpsweders Georg Tappert wohl die Reifste. Es gibt die krassen Schönheiten Schieles, die schlanken Giacomettis, die wie aufgepumpt wirkenden Boteros. Es gibt die Nanas von Niki de Saint Phalle. Frauen, Frauen, Frauen . . .

Es sei leichter, sagt Wilder, in einer weiblichen Umgebung aufzustehen und den Tag zu beginnen. Werden die Tage künftig zwischen kahlen Wänden schwerer zu ertragen sein? Warum trennt sich Wilder von einem so wesentlichen Teil seiner Sammlung, seines Lebens?

Sicher ist es ein Teil-Abschied, und Wilder erzählt, wie er erlebt habe, daß viele seiner Freunde, Sammler wie er, gestorben seien, und die Kinder, die Witwen und vielleicht sogar der neue Ehemann hätten all den Spaß einer Auktion für sich gehabt. Den Spaß wolle er noch selbst erleben: die Versteigerung am 13. November als Wilder-Premiere.

Und die kahlen Wände? Keine Angst. Er hat ja in Magazinen und Speichern und bei Freunden noch unzählige Bilder hängen. Von denen trennt er sich nicht. In der Tat kramt Wilder fast jedesmal, wenn man ihn aufsucht, irgendein Bild aus dem Kofferraum seines Autos. Seine Sammlung ist durch ständigen Kauf und Tausch entstanden, »nach dem Prinzip drei gute gegen ein besseres«.

Zeitgenossen und junge Talente sammelt Wilder auch nach der Trennung von seinen Klassikern unverdrossen weiter: Erst kürzlich hat er ein Bild des Amerikaners Mort Dimondstein mit dem Titel »The Poet« erworben - ein Bild über Künstlereinsamkeit, Isolierung, ja Wahnsinn, ein Porträt, dessen eines schielende Auge den Betrachter unbarmherzig prüft.

Auch die häßlichen Österreicher von Manfred Deix haben es dem Wiener Wilder so angetan, daß er nicht nur ein Deix-Bild erwarb, sondern dem genialen Nestbeschmutzer auch ein Vorwort für ein Buch schrieb. Und als Wilder im SPIEGEL das Helnwein-Plakat zu Zadeks »Lulu« entdeckte, bei dem ein männlicher Zwerg einen übermächtigen weiblichen Schoß anstarrt, griff er zu: Wilder liebt den Stachel, den die Kunst ins Fleisch des Publikums bohrt.

Schon als der noch nicht 30jährige Ufa-Drehbuchautor Wilder 1933 aus Berlin emigrierte, ließ er seine erste Sammlung zurück: Seine Wohnung war im Bauhaus-Stil eingerichtet. Er hat stets ein Drittel seiner Einkünfte in Kunst angelegt, ob er 100 Dollar oder 10 000 verdient hatte. Auktionen in aller Welt verfolgt er und bietet telefonisch mit.

Das zweifellos wertvollste Bild, von dem sich Wilder jetzt trennt, ist Picassos »Kopf einer Frau« aus seiner klassizistischen Periode und hängt in Wilders Wohnzimmer. Das Gemälde von 1921, ein Porträt von Picassos erster Frau, Olga Koklowa, wird auf fünf bis sieben Millionen Dollar geschätzt. Vielleicht ist auch dies ein Trennungsgrund. »Es ist auf die Dauer schwer, unter sieben Millionen Dollar zu sitzen«, sagt Wilder. Allein an Versicherungen müsse er im Jahr Unsummen bezahlen.

Natürlich trennt sich Hollywoods großer alter Mann damit auch von einem guten Stück seines Lebens. Er hat nicht wie andere sein Geld in Jachten, Häuser an der Riviera oder Rolls-Royces gesteckt, sondern statt dessen mit Bildern, Plastiken, Kunstobjekten gelebt.

Man kann Abschiedsstimmungen auch hinter burschikosen Sätzen verstecken - und Wilder, für seinen Sarkasmus fast so berühmt wie für seine Filmkomödien, wäre der letzte, von dem Trennungslyrik zu erwarten wäre.

Als bekannt wurde, daß er seine Bilder verkaufen wolle, habe man ihn gefragt, was er denn mit den vielen Millionen anstellen wolle. Er habe vorschnell geantwortet: »Ich stecke das Geld in die Tasche, kaufe mir ein Unterseeboot und verschwinde. Seitdem bekomme ich täglich mehrere U-Boote angeboten.«

Den Auktionstag am 13. November plant Billy Wilder auch als Fest für seine Freunde, die er dann bewirten will. »Falls die Auktion aber ein Flop wird, gibt's nur Coca-Cola zu trinken.« f

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