Margarete Stokowski

Flüchtende aus der Ukraine Finger weg von den Frauen!

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Warum werden die aus der Ukraine fliehenden Menschen in Deutschland so viel offener aufgenommen als andere? Auch, weil es vor allem Frauen und Kinder sind. Doch Opfer geifernder Projektionen sind sie ebenfalls.
Ukrainische Flüchtende (in Ungarn): »Unsere Leute«?

Ukrainische Flüchtende (in Ungarn): »Unsere Leute«?

Foto: Akos Stiller / DER SPIEGEL

Es ist Krieg in der Ukraine, und es ist Frauentag, also lassen Sie uns über ukrainische Frauen sprechen. Wie in Deutschland mit den Menschen umgegangen wird, die vor diesem Krieg fliehen, hat natürlich einerseits damit zu tun, dass dieser Krieg näher an Deutschland ist als andere, aber auch damit, dass unter diesen Menschen besonders viele Frauen und Kinder sind.

Erinnern Sie sich an den Satz »2015 darf sich nicht wiederholen«, der so oft fiel, als vor gut einem halben Jahr die Taliban Kabul einnahmen und Menschen aus Afghanistan flohen? Der Satz fällt in diesen Tagen nicht, soweit ich sehe, und das ist das Gute; aber das Schlechte ist, dass die »überwältigende Hilfsbereitschaft«, von der das Bundesinnenministerium spricht, nicht alles ist, was auf die Frauen wartet, die zu uns kommen.

Es wird nun vielerorts darauf hingewiesen, dass mit Geflüchteten unterschiedlich umgegangen wird, je nachdem, ob es sich um Weiße oder Schwarze handelt. Es gibt Berichte von afrikanischen Studierenden , die auf ihrer Flucht in der Ukraine und in Polen Diskriminierung und Gewalt erlebten. Der »Tagesspiegel«  zitiert eine britische Medizinstudentin mit simbabwischen Wurzeln, die erzählt, wie sie auf der Flucht angefeindet und bedroht wurde: »Die Situation war schrecklich, lang und entmenschlichend.« Es gibt Menschen, die darauf hinweisen , dass »Die Zeit« zur Seenotrettung fragte: »Oder soll man es lassen?« Und zum Krieg gegen die Ukraine: »Wie können wir helfen?«

Und es gibt Interviews mit Experten, die zu all dem befragt werden. Der SPIEGEL befragte einen Juraprofessor, der fand: »Ukrainern bevorzugt zu helfen, ist aus meiner Sicht kein Rassismus.« Und »jetzt.de« befragte einen Professor für Kommunikationswissenschaft , der erklärte, die Empathie, die den Ukrainer:innen jetzt entgegengebracht wird, sei »eher nicht« dieselbe wie bei syrischen Flüchtlingen: »Die Ukrainer sind halt Europäer und werden von der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft damit als ›unsere Leute‹ wahrgenommen.«

Und putzen kann sie auch

Doch das heißt nicht, dass Ukrainer:innen von Rassismus verschont bleiben, weil sie weiß sind. An dieser Stelle möchte ich ein Missverständnis klären. 2018 habe ich einen Text darüber geschrieben, dass es keinen »Rassismus gegen Weiße« gibt und keinen »Sexismus gegen Männer«. Die Hauptthese war, dass Männer und Weiße zwar durchaus diskriminiert werden können, »sie können nur nicht als Männer sexistisch diskriminiert werden oder als Weiße rassistisch«. Der Text stimmt so, allerdings wurde er oft falsch verstanden, denn es ist natürlich trotzdem so, dass auch weiße Menschen Rassismus erleben können – aber eben nicht, weil sie weiß sind. Sondern weil rassistisch denkende Menschen nicht nur in »schwarz« und »weiß« unterscheiden, sondern auch innerhalb weißer Menschen Hierarchien sehen, und in diesen stehen Leute aus Mitteleuropa über solchen aus Osteuropa.

Der Rassismus, den Ukrainer:innen erleben, ist ein antislawischer Rassismus, hierzulande besonders bekannt in Form von »Polenwitzen«, wobei es da meist um polnische Männer geht, die Autos klauen. Slawische Männer und Frauen werden unterschiedlich diskriminiert, denn rassistische und sexistische Denkmuster können sich in zahlreichen Varianten verbinden. Slawische Frauen werden anders sexualisiert als italienische, französische, japanische oder nigerianische.

Wo der slawische Mann ein harter Hund ist, der wahlweise im Plattenbau oder Hühnerstall aufgewachsen ist und sich mit kleinkriminellen Machenschaften mit der Wodkaflasche in der Hand durchs Leben schlägt, da muss die slawische Frau das gütige Gegenstück sein: die schöne Blonde, die eine so wackere wie weiche Weiblichkeit performt, pausenlos kocht und Kinder gebiert und dabei stets gepflegt aussieht, der Tradition verbunden und doch selbstbewusst – aber nicht zickig-feministisch selbstbewusst, sondern einfach sexy selbstbewusst –, im Idealfall religiös und trotzdem gierig nach westlichem Luxus. Und putzen kann sie auch.

Leute sehen kein Problem dabei, mir zu erklären, wenn sie erfahren, dass ich in Polen geboren bin: »Wir haben ja jetzt auch eine Polin.« Also, »haben« heißt dann natürlich »beschäftigen, illegal«, aber das ist so lang, nicht wahr?

»Du Schlingel (Lach-Emoji)«

Ich habe keine detaillierte Statistik geführt, aber wenn meine Leser mich als »Hure« oder »Schlampe« bezeichnen, dann verweisen sie in geschätzten 95 Prozent der Fälle dabei auf meine polnische Herkunft: Ich bin dann die »kleine polnische Schlampe« oder »Polackenfotze«, die lieber erst mal ihr eigenes Land aufräumen soll (wie gesagt: putzen) oder »zurück auf den Warschauer Bahnhofsstrich« soll, »was stimmt bei dir polnischen Hure nicht, (...) du Hure bist auch nur hier, weil du Luxus magst, versifftes Dreckstück!!«. Es soll hier nicht um mich gehen, das nur zur Illustration.

Man muss nicht lange im Internet wühlen, um Beispiele zu finden, wie die Ukrainerinnen, die jetzt nach Deutschland kommen, von Rassisten fetischisiert werden. Es gibt zahlreiche Tweets, in denen Männer erklären, sie würden gern »zwei junge blonde und fesche Ukrainerinnen« aufnehmen (»lieber als ein Afghane«), »endlich kann man hübsche Ukrainerinnen daten«. Männer schreiben: »Ich werde mir eine blonde Ukrainerin angeln« oder »hab Platz für ein paar Ukrainerinnen (Lach-Emoji)«, andere antworten: »Du Schlingel (Lach-Emoji)«. Es gibt einen Videoausschnitt, in dem man sieht, wie junge Frauen mit langen, glatten Haaren und sexy Partykleidern aus einem Fahrzeug steigen, jemand hat darauf den Text montiert: »Erste ukrainische Flüchtlinge in München angekommen.«

Wenn Sie »deutsche Frauen« googeln, dann bekommen Sie als erste Ergebnisse: die deutsche Fußballnationalmannschaft, den deutschen Frauenrat, journalistische Beiträge über Emanzipation. Wenn Sie »ukrainische Frauen« googeln (und als Suchoption »bis 2021« eingeben, um die Ergebnisse vor dem Krieg zu sehen), finden Sie Texte über Armut und Zwangsprostitution. Wenn Sie »slawische Frauen« googeln, finden Sie Seiten von Heiratsvermittlungen und Texte über Schönheit.

Und auf diese ohnehin schon bestehende Fetischisierung kommt der Krieg jetzt noch obendrauf. Kriege bringen die hässlichsten Seiten veralteter Männlichkeitsbilder ganz besonders zum Vorschein.

Vor rassistischen Pranken schützen

Wenn die »NZZ« schreibt, »es sind dieses Mal echte Flüchtlinge« und die ukrainischen Geflüchteten explizit abgrenzt von den »vielen Migranten, die in der Vergangenheit als vermeintliche Flüchtlinge nach Europa gekommen sind«, dann werden die Rollen klar verteilt: Die ukrainischen Männer kämpfen und sorgen dafür, »dass ihre Frauen und Kinder in Sicherheit kommen«, die anderen Migranten – »auffallend oft junge Männer« – ließen »ihre Familien zurück«.

Und wenn AfD-Politiker fordern, »Flüchtlinge aus der Ukraine nicht in herkömmlichen Sammelunterkünften mit anderen Asylbewerbern unterzubringen« wie die Kreistagsfraktion aus Lüneburg , dann wird diese Forderung selbstredend mit einem Bild geteilt, das eine wunderschöne blonde Frau mit einem blonden Kind auf einer sonnigen Wiese zeigt, und dann spricht daraus sehr unverhohlen der Wunsch, das Gute nicht mit dem Schlechten zu vermischen, das Reine nicht mit dem Unreinen und das Unschuldige nicht mit denen, bei denen man nie wissen kann. Die ukrainischen Frauen und Kinder müsse man getrennt von den in »rückständigen Strukturen sozialisierten afrikanischen und arabischen Flüchtlingen« unterbringen, um sie zu schützen, so heißt es da. (Unnötig zu erwähnen, dass es Screenshots gibt, in denen ein AfD-Parteikollege auf Facebook ukrainische »Mädels« lobt, Zitat: »preiswert und gut« .)

Dabei geht die Gefahr für die ukrainischen Geflüchteten nicht von Menschen in Sammelunterkünften aus, sondern von Rassisten und Menschenhändlern. »Am Berliner Hauptbahnhof sollen ukrainischen Geflüchteten, besonders Jugendlichen und Frauen, unseriöse Schlafangebote gemacht worden sein«, schreibt das Redaktionsnetzwerk Deutschland  unter Berufung auf die Polizei.

Auf Twitter schrieb die Journalistin Jeja Klein  zu der Forderung, ukrainische Geflüchtete nicht in Sammelunterkünfte zu stecken: »Es ist wirklich beeindruckend, wie sich sexuelle Fetischisierung slawischer Frauen und ein tief empfundenes ›bei der Gelegenheit will ich wohl auch ma ran‹ hier in Schutzforderungen vor den bösen Männern und deren Grabschflossen artikulieren.« Die Suchanfragen für »ukraine porn« (von Deutschland aus) seien »punktgenau mit Beginn des Krieges (...) völlig durch die Decke gesprungen, wie man unter anderem via Google Trends feststellen kann«, schrieb Klein.

Es gibt die Helfenden und die Geifernden. So groß die Hilfs- und Spendenbereitschaft unter Deutschen jetzt ist, so groß ist auch die Herausforderung, die ukrainischen Frauen und Kinder vor denen zu schützen, die jetzt ihre rassistischen Pranken nach ihnen ausstrecken. Finger weg, ihr Ekligen!

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