Margarete Stokowski

Flüchtlinge und Corona Wenn Image über Leben geht

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wie über die aktuelle Flüchtlings- und die neue Coronakrise gesprochen wird, ist bizarr und verdreht Begriffe. Denn Menschenrechte sind keine Frage der Moral. Und Impfen ist keine Freiheitsberaubung.
Polnische Sicherheitskräfte reparieren einen Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Belarus

Polnische Sicherheitskräfte reparieren einen Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Belarus

Foto: Irek Doro¿añski/Dwot / picture alliance / dpa

Es ist die Zeit der Comebacks, die niemand braucht. »Wetten, dass«, »TV Total«, Schlaghosen ... so weit, so harmlos, aber dann eben auch noch: Diskussionen über Luftfilter an Schulen, über Homeoffice-Pflicht und die Aussicht auf infektiöse Weihnachten. Plus Debatten darüber, ob man geflüchtete Menschen retten sollte – oder es lassen. Man könnte emotional und intellektuell schon vollends ausgelastet sein mit dem Entsetzen darüber, wie unfassbar wenig Menschen lernen können. Und wie uneinig wir uns sind, wenn es darum geht, Leben zu retten.

Zwei der politisch besonders akuten Probleme – Pandemie und Flucht – haben dabei auffällige Gemeinsamkeiten: Die Begriffe verrutschen. »Moral« und »Freiheit«, »autoritär« und »totalitär« sind zu extrem verdächtigen Markern geworden, die der Abgrenzung dienen sollen und dabei permanent in kurioser Verdrehung verwendet werden.

»Freiheit« war mal ein hauptsächlich positiv besetzter Begriff. Seit der Coronapandemie muss man davon ausgehen, dass diejenigen, die am lautesten »Freiheit« fordern, die gruseligste Definition davon haben und sich prinzipiell maximal fünf Sekunden die Hände waschen. Eigentlich faszinierend, wie sehr man einen Begriff in den Dreck ziehen kann: Freiheit als die Freiheit, sich bewusst unsozial zu verhalten. Man kennt das nicht erst seit der Diskussion über »freie Fahrt für freie Bürger«, wo »Freiheit« bedeutet, mit irrational hohen Geschwindigkeiten sich selbst und andere zu gefährden.

Apropos, da fällt mir ein: »Wer eine Impfpflicht zulässt, missachtet die Freiheit«, schrieb Ulf Poschardt im Sommer. Menschen zur Impfung zu zwingen, »würde die sowieso gereizte Stimmung in der Gesellschaft ins Vorbürgerkriegliche kippen lassen«, und es sei »gespenstisch«, darüber nachzudenken. War ja klar, dass der das schreibt, könnte man meinen. So klar aber auch wieder nicht. Denn 2013 schrieb er noch: »Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo sie auf Kosten der Allgemeinheit Unverantwortliches anrichtet.« (Danke für diesen Fund, Twitter-User Ruprecht Polenz  .) Da ging es allerdings um Masern, und es galt noch nicht so sehr, die Wutbürger vom rechten Rand einzusammeln.

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»Moral« war mal ein relativ neutraler Begriff für eine Ansammlung von Werten bestimmter Individuen oder Gruppen. Das gilt nicht mehr so richtig. Wenn heute von »Moral« die Rede ist, dann meist zwecks Abgrenzung. Das ist schräg, denn eigentlich hat jeder Mensch, meist noch vorm Laufen- und/oder Sprechenlernen, irgendeine Art von Moral, aber »Moral« hat inzwischen dasselbe durchgemacht wie das »gut« in »Gutmensch«. »Gut« war ja auch mal ... nun ja, positiv besetzt.

»Den Zaun zu öffnen, wäre moralisch gut«, schrieb Nikolaus Blome hier gestern über die Situation an der polnisch-belarussischen Grenze, »aber nicht die richtige Entscheidung.« Das Ding ist: Man muss da nicht so ein moraltheoretisches Fass aufmachen, sobald man sich klargemacht hat, dass dort an der Grenze jetzt schon Menschen sterben. Es geht nicht in erster Linie um eine abstrakte Wertedebatte, sondern ehrlich gesagt um Leben und Tod.

Und noch mehr verdrehte Begriffe: »autoritär« und »totalitär«. Beide Begriffe werden jetzt für Menschen verwendet, die eine Impfpflicht befürworten. Na klar, Leute. Genauso totalitär wie das Rauchverbot in Zügen und die Anschnallpflicht im Auto und das Verbot, Kinder zu schlagen, selbst wenn es die eigenen sind! Leute, die es »autoritär«, »totalitär« oder auch »faschistoid« nennen, wenn andere sich dafür aussprechen, Menschen vor einer tödlichen Krankheit zu schützen, versuchen, sich auf ihr Gepöbel einen rebellisch-lässigen Sound draufzuspielen, nur dass das, wogegen sie rebellieren, halt leider Solidarität und Vernunft sind. Peinlich.

Es ist besonders bizarr, sich dieses Gerede über eine »totalitäre« und »autoritäre« Impfpflicht anzuhören, während gut acht Autostunden von Berlin entfernt Menschen in Lebensgefahr eingesperrt sind – an der Grenze zwischen einem Staat mit einer totalitären und einem mit einer autoritären Regierung. Menschen, die auf Freiheit hoffen, übrigens. Vorschlag: Wer etwas gegen Autoritarismus und Totalitarismus tun will, der sollte jetzt nicht im Internet Karl Lauterbach beschimpfen, sondern sich für die Aufnahme der Geflüchteten aussprechen. Zu viel verlangt?

Natürlich kann man Begriffe wie »Freiheit« und »Moral«, »autoritär« und »totalitär« jeweils ganz unterschiedlich definieren. Aber so unterschiedlich dann auch wieder nicht. Wer »Freiheit« sagt und Egoismus meint, wer »Moral« sagt und Menschenrechte meint, wer »autoritär« oder »totalitär« sagt und damit »Gesundheit und Leben schützend« meint, hat nicht einfach eine spezielle Definition, sondern versucht, sich ein Image als edler Kämpfer draufzuschaffen, wo es für andere längst ums Überleben geht.

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