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Frauen Flug auf Unholde

Hätte das Dritte Reich verhindert werden können? Volker Elis Pilgrim eruiert die verpaßte Chance.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Und wieder mal - das Rätsel Weib: »Was bewegt Frauen, sich an die Seite von Gewaltmännern zu stellen?« Oder: »Leidet ,die Frau'' an einer Sucht nach Gewalt am Mann?« Schlimmer: Bringt das »männertötende Umsichschlagen ihrer Liebsten« den Frauen »Genugtuung für ihre Leiden und Demütigungen in ihrer Kindheit«?

Volker Elis Pilgrim, Herold der Frauen und Rammböckchen wider das Patriarchat, ist wieder auf dem Kriegspfad. Die diesmaligen Feinde - die »Gewaltmänner« Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Hermann Göring - sind zwar tot; aber ihre Frauen - Magda, Eva, Emmy - sollen nicht umsonst gelebt haben.

Gut Ding will Zeile haben. »Du kannst mich ruhig ,Frau Hitler'' nennen«, so sprach Eva Braun zur Haushälterin, nach der Trauung und kurz vor dem Selbstmord im Führerbunker zu Berlin. Der Satz gab den Titel für das jüngste Pilgrim-Buch, einer erneuten Übung in Psycho-Pepita*.

Das Schöne daran: Wenn Pilgrim fragt, ist Antwort nahe, eine Nebenwirkung seiner Studiengänge als Jurist und _(* Volker Elis Pilgrim: »Du kannst mich ) _(ruhig ,Frau Hitler'' nennen. Frauen als ) _(Schmuck und Tarnung der NS-Herrschaft«. ) _(Rowohlt Verlag, Reinbek; 336 Seiten; ) _(39,80 Mark. ) Psychologe. Aber auch eine andere Pilgrim-Eigenheit hilft ungemein, nämlich die Personalunion von Hänsel und Gretel: Zielsicher folgt er Spuren, die er selbst gelegt hat.

Also auf ins Dritte Reich, im Tornister die Pilgrim-Basics »Muttersöhne« und »Vatersöhne« und vorm Auge eine Vision: »Wenn die Frauen die Nazi-Männer weniger bis gar nicht geliebt hätten«, schreibt Pilgrim, »wäre das Regime nicht noch ärger geworden, sondern (es) hätte nicht stattgefunden.«

Aber leider: Die Frauen der Nazi-Männer, Magda, Eva, Emmy, konnten nicht anders, denn sie waren, Pilgrim sagt es, »Muttertöchter«. Und so müssen wir in Pilgrims Denkgebäude klettern, hinauf zu den Mutter-Vater-Tochter-Sohn-Sparren, um zu begreifen, warum das Dritte Reich nicht ausgefallen ist.

So kurz und schmerzlos wie möglich. Alles hängt, Fluch des Patriarchats, irgendwie mit dem Vater zusammen. Fehlt er oder wird er geflohen, so dominiert Mutterbindung, und es entstehen Brutalos oder Fans von Brutalos; eben »Muttersöhne« und »Muttertöchter«.

In Pilgrims Weltformeln: »Jeder Gewaltmann leidet unter einem Vatermangel.« Und: »Die scheußlichen Väter produzieren in den Seelen der Töchter eine Vatervakanz, die den Töchtern eine Sehnsucht nach heilenden Vätern eingibt.« Resultat: Magda und Eva und Emmy »flogen auf ihre Unholde und hielten eisern an ihnen fest«.

Die wiederum, Goebbels und Hitler und Göring, waren »Spezialausgaben der psychischen Charakteristik eines Muttersohns«. Und weil das so ist, bedarf es nur noch der Bio-Brösel, die belegen, daß es so ist. Possierlich: Pilgrim stellt Antworten und gibt Fragen.

Sein Paradepferd ist Magda Goebbels, vormals Klosterschülerin. Unehelich war sie zur Welt gekommen, Stiefväter kreuzten den Weg, 1931 heiratet sie Goebbels, den späteren »Bock von Babelsberg«. Ihre letzten Worte aus dem Selbstmord-Bunker: »Unsere herrliche Idee geht zugrunde - mit ihr alles, was ich Schönes, Edles und Gutes in meinem Leben gekannt habe.«

»Frauen lassen morden«, sie »wollten dabeisein«; so sind sie, die »Opfer« des Patriarchats. Da kann auch »vollzogener oder versuchter Mißbrauch« durch einen der Stiefväter Magdas »nicht ausgeschlossen werden«. Es gebe zwar »keine Hinweise darauf«, schreibt Pilgrim, aber Volker hört die Signale.

Eva Braun, immerhin, hatte einen kontinuierlichen Papa, doch der, Patriarch, wollte statt der Eva lieber einen Rudolf. Folge: »Muttertochter« und Sucht nach »Gewaltmann«. Warum Emmy süchtig nach Hermann wurde, wird leider nicht so klar; ihr Leben, schreibt Pilgrim frei, »strotzt vor Normalität«.

Irgendwo hapert''s bei der Rekonstruktion des Tatherganges »Drittes Reich«. Das mag daher rühren, daß Pilgrim nicht als »Anwalt oder Ankläger« auftritt, sondern, studienbedingt auch, als »Analytiker«; und als solcher stützt er sich gern auf Bücher, die ein anderer nicht mal als Stütze für einen wackligen Tisch nehmen möchte.

Der Reiseschriftsteller Hans-Otto Meissner ("Gemsen vor meiner Tür") ist dabei, der Filmautor Erich Ebermayer ("Die Mädel vom Immenhof") und vor allem eine andere Hohe Frau des Dritten Reiches, Henriette von Schirach; in ihrem Nachkriegsschaffen beschreibt sie, »wie willensstark und zielstrebig Hitler seine Selbstverwirklichung vollzog«.

Sie zitiert auch ein Hitler-Wort, das alles erklärt und Pilgrim entging: »Die Freundin eines Politikers darf nicht gescheit sein.« Y

* Volker Elis Pilgrim: »Du kannst mich ruhig ,Frau Hitler'' nennen.Frauen als Schmuck und Tarnung der NS-Herrschaft«. Rowohlt Verlag,Reinbek; 336 Seiten; 39,80 Mark.

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