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Zigaretten Fluppe der Erlösung

Ein US-Kulturforscher hat den höheren Wert der Zigaretten ergründet: Sie sind, sagt er, die Zauberstäbchen der Zivilisation.
aus DER SPIEGEL 26/1994

Englands König machte lieber gleich ernst. »Ekelhaft zu schauen, widerlich im Geschmack, dem Hirne verderblich, für die Lunge Gift« sei der neueste Zeitvertreib seiner Mitbürger, schrieb James I. anno 1604. Schon die Schwaden des Knasters, der kurz zuvor aus Amerika eingeschleppt worden war, stanken dem bibelfrommen Monarchen »so übel wie die aus der Hölle selber«.

Vergeblicher Zorn - gegen das Teufelskraut, das heutige Gesundheitsminister nur noch mit einem dezenten »Rauchen gefährdet die Gesundheit« zu bekämpfen wagen, blieben auch christliche Donnerworte machtlos. Gerade Künstler und Intellektuelle, sonst für Argumente empfänglich, ließen sich ihr Nervengift nicht mehr ausreden.

Lange haben Forscher gegrübelt, weshalb weder der Mief ungeleerter Aschenbecher noch das Horrorbild eines reinrassigen Lungenkrebses, ja nicht einmal der allmorgendliche Dauerhusten einem passionierten Zigarettenraucher seine Glimmstengel verleidet. Nun aber kommt Hilfe von ungeahnter Seite. In seinem Buch »Cigarettes Are Sublime« deckt der US-Romanist Richard Klein auf, daß das gedrehte Ding aus Tabak und Papier mehr ist als ein Lungenverpester für willensschwache Suchtanfällige: Wer Zigaretten raucht, so der Cornell-Professor, vollzieht das letzte Ritual der Moderne*.

Anfangs wollte Klein, 53, sich schlicht das Rauchen abgewöhnen. Als er, wie so viele, immer wieder scheiterte, begann er sein eigenes Fachgebiet nach Leidensgenossen zu durchkämmen - und wurde fündig.

Schon George Sand, die phänomenal produktive Romanschriftstellerin, war bei Bekannten neben ihrem Zigarren- und Schnupftabakkonsum als »eine der wildesten Zigarettenraucherinnen aller Zeiten« verschrien. Ähnliche Mengen verbrauchte auch Literat und Meisterdenker Jean-Paul Sartre: Zur Pfeife kamen mindestens 50 Filterlose pro Tag.

50mal vollzog der Existentialist damit eine »Zeremonie«, der sein Zeitgenosse, der ebenfalls den Stäbchen verfallene Jean Cocteau, »mächtige Magie« bescheinigte: 50mal Packung öffnen, Feuerzeug oder Streichholz zünden und dann der erste Zug. Schon 1856 meinte ein Pariser Journalist: »Wer raucht, der betet.«

Selbstdreher ziehen demnach einem eiligen Ave Maria das große Glaubensbekenntnis vor: »Ist der Tabak erst einmal an seinem Ort und gleichmäßig verteilt, muß das Papierblatt elegant, rasch, in rhythmischer Harmonie, mit flinkem, sicherem Griff gerollt werden«, erläuterte der Essayist Theodore de Banville _(* Richard Klein: »Cigarettes Are ) _(Sublime«. Duke University Press, Durham ) _(und London; 212 Seiten; 21,95 Dollar. ) 1890 die »mystische Freude« der liturgischen Handlung.

Brennt dann endlich die Lulle und läßt ihre dünnen Schwaden »wie Weihrauch« (Klein) himmelwärts ziehen, kann der Raucher ein medizinisch suspektes, aber gerade darum lockendes Vergnügen genießen: Erst steigen Blutdruck und Puls kurz an, bald darauf sinken sie befreiend ab; die selbsterzeugte Spannung löst sich, die Gedanken wandern freier, ein kurzes Weilchen lang scheint das Nirwana des Geistes nahe - welch Labsal für die gehetzten Opfer der Zivilisationsangst.

»Sublim« nennt Klein das flüchtige Pläsier des Zigarettenrauchers, jene Wonne des Moments, da der Schmerz nachläßt - und beruft sich auf die philosophische Vorarbeit von Immanuel Kant höchstpersönlich. Als sublime, zu deutsch »erhabene« Erfahrungen hatte der deutsche Denker, selber der Pfeife ergeben, jene »negativen« Reize bezeichnet, in denen »das Gefühl der Unlust . . . und eine zugleich dabei erweckte Lust« sich mischen.

Gerade in Krisenzeiten boten die kleinen Zauberstäbchen, austauschbar und doch begehrt, noch stets seelischen Halt. Einen ersten Produktionsboom erlebte die Zigarette während des Revolutionsjahrs 1848, der Krimkrieg (1853 bis 1856) machte sie dann in ganz Europa populär, ohne eiserne Ration inhalierbarer Sorgenbrecher wäre kaum ein Landser im Schützengraben ausgekommen, und hernach, wenn alles in Trümmern lag, milderte die Zigarettenwährung das wirtschaftliche Chaos.

Auf andere Art unentbehrlich waren seine Giftstengel dem Pariser Fotografen BrassaI: Er nutzte Caporals, die deftigen französischen Filterlosen, als Arbeitshelfer - Nachtaufnahmen belichtete der Kamerakünstler nämlich gern eine Zigarettenpause lang. In besonders finsteren Neumondnächten wich er auf eine extra dicke Zweitmarke aus.

Frauen scheinen unter den Helden von Kleins kleiner Fluppenkunde eine Minderheit zu bilden. Erst nach und nach kommt zum Vorschein, daß gerade sie fürs Image der Zigarette eine Hauptrolle gespielt haben - als Exotinnen. Prototyp der morbiden Raucherin ist Carmen, Zigeunerin und Femme fatale aus einer spanischen Zigarettenfabrik.

Von Prosper Merimee als Novellenfigur erfunden, von Bizet zur Opernheldin erkoren, prägte Carmen das Bild des emanzipierten Weibs, das sich - Schrecken aller Machos - »aktiv Lust verschafft, statt sie passiv zu empfangen« (Klein). Kein Wunder, daß Hitler, ohnehin allem Tabak feind, kategorisch erklärte: »Deutsche Weiber rauchen nicht.«

Das letzte Abenteuer der Moderne, den Nikotingenuß, hätten die Männer sich eben gern allein gesichert: Eine Marlboro- oder Camel-Frau wäre da fehl am Platz. In »Casablanca«, der Hollywood-Elegie schlechthin, müssen Damen zusehen, wie die männlichen Darsteller eine nach der anderen paffen. Noch ehe Humphrey Bogart auf der Leinwand sein Gesicht zeigen darf, kommt seine Hand mit dem Nikotinröllchen ins Bild. Nicht zu vergessen die musikalische Ehre: In »As Time Goes By«, dem unsterblichen Casablanca-Song, glaubt Klein geradezu die heimliche Hymne aller Zigarettenraucher entdeckt zu haben. Das glimmende Stäbchen, das zwischen den Fingern zu Asche zerfällt, bringt rasches Glück und bleibt doch zugleich ein Symbol der Vergänglichkeit.

Gerade der letzten Zigarette haben Künstler darum manch Sublimes abgewonnen: in rührenden Filmszenen etwa, wo der Todeskandidat als letztes Zeichen der Humanität noch eine schmöken darf. Oder auch beim Abgewöhn-Ritual: Schon Mark Twain erwähnte gern, er habe das schon tausendmal geschafft. Der Schriftsteller Italo Svevo aus Triest erfand sogar, radikalste Form der Selbstanalyse, einen autobiographischen Helden, der unentwegt letzte Zigaretten raucht.

Fast scheint es, als glaube Richard Klein, mit der wirklich letzten Zigarette werde auch das Abendland untergehen. Auf ihn selbst allerdings sollten die Freunde der Zivilisation nicht mehr rechnen. Das Buch war eine Kur. Heute, so versichert Klein, ist er glücklicher Nichtraucher. Y

* Richard Klein: »Cigarettes Are Sublime«. Duke University Press,Durham und London; 212 Seiten; 21,95 Dollar.

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