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FILM Förster im sauren Wald

»Der Tod des Mario Ricci«. Spielfilm von Claude Goretta. Schweiz 1983. 100 Minuten; Farbe. *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Wer darüber traurig sein sollte, daß die Förster- und Arzt-Filme der fünfziger Jahre ausgestorben sind, der muß nicht zu früh verzweifeln: In Claude Gorettas Film »Der Tod des Mario Ricci« feiern sie Auferstehung.

Natürlich hat sich dabei etwas geändert, denn, bildlich gesprochen, ein heutiger _(Mit Gian Maria Volonte und Heinz ) _(Bennent. )

Förster stünde nicht mehr im Silberwald, sondern im sauren Regen, und ein heutiger Arzt -

- aber damit ist man schon mitten in Gorettas Film: Ein heutiger Arzt ist beispielsweise ein weltberühmter Wissenschaftler, der gegen den Hunger in der Dritten Welt kämpft. Jahrelange Studien und scharfsinnige Überlegungen haben ihn dazu gebracht, daß er nun weiß: Es gibt Leute, die haben zu viel zu essen; andere wiederum haben zu wenig. Dünn und dick statt Dick und Doof.

Ein heutiger Arzt kann aber beispielsweise auch ein Fernsehreporter sein. Das Leid der Erde hat seine Lippen schmerzgebeugt, seine Augen weißhaarig gemacht; als er in einem südamerikanischen Land wieder einmal mit der Kamera die Wahrheit und nichts als die Wahrheit aufspürte, ließ ihn eine korrupte Regierung mittels eines fingierten Verkehrsunfalls zum Krüppel fahren.

Jetzt sucht er, gewissermaßen als Arzt Nummer eins, den Wissenschaftler, also den Arzt Nummer zwei, in einem Dorf im Schweizer Jura auf, wo der nicht nur darunter leidet, daß die Regierungen seine Pläne gegen den Hunger in die Aktenschränke tun, sondern auch darunter, daß er mit Heinz Bennent besetzt ist.

Dem Fernsehreporter laufen Dorf-Jugendliche nach und sagen, während der stolz-abweisend lächelt, daß sie seine zehn Jahre alte Rundfunkreportage über den Amazonas auf Band haben. Reife Kellnerinnen legen sich mit dem mutigen Mann des Nachts ins Bett, obwohl sie damit ihren Arbeitsplatz gefährden. Schweizer Hoteliers sind bekanntlich muffig, besonders auf dem Lande.

Die junge Lebensgefährtin des Professors, die darüber enttäuscht ist, daß er resigniert, erhofft sich von dem Fernsehinterview viel. Recht hat sie, denn erst darf sie mit dem fast ebenso berühmten Assistenten des berühmten TV-Reporters schlafen, weil ihr Freund sich mitten im Interview über den Welthunger übermannt von demselben im Klo einschließt. Und dann hat sie es geschafft, daß er nicht mehr resigniert. Stolz und zuversichtlich sagt sie zu ihrem Flirt am Schluß, beim Abschied: »Er fährt nach Ottawa.« Nämlich zu einem Kongreß gegen den Hunger, den er eben noch abgesagt hatte. Aufatmen und zufriedenes Magenknurren beim Publikum, der Welthunger erbleicht.

So kann der berühmte Reporter mit immer noch leidvoll zusammengekniffenen Zügen befriedigt (und das in jedem Sinn des Worts) das Dorf verlassen, denn nebenbei hat er noch einen Verkehrsunfall aufgeklärt, bei dem ein junger italienischer Motorradfahrer zu Tode gekommen ist. Er gibt dem Film den Titel und zeigt, daß beim sauren Kitschregen die Hauptsache nur über die Bande, also indirekt, gespielt wird. Natürlich hat der Italiener eine Friseuse geschwängert und ein Verhältnis mit der Frau des Stellvertretenden Bürgermeisters, und

natürlich denkt man, daß der Unfall aus dem Ausländerhaß resultiert, was er aber nicht tut.

Denn, so sagen es stille Filme wie der von Goretta mit marktschreierischer Beiläufigkeit: Die Wahrheit ist anders und, wie immer, komplizierter.

Was den alternativen Heimatfilm a la Goretta mit dem Heimatfilm a la Frauenarzt Doktor Roberts verbindet, ist das pathetisch verklärte Berufsbild, das beide entwerfen, ist die ins Übermenschliche enthobene Gefühligkeit, mit der sich da Menschen lieben und, was noch edler ist, wieder voneinander lassen (früher hieß das: »verzichten").

Was die Berufe anlangt, so sind die Ausübenden, ob beim Fernsehen oder in der Antihungerwissenschaft, trotz jahrelanger Arbeit immer noch ganz außer sich über ihre eigene Größe. Wenn der Professor auch nur eine statistische Zahl über die Dritte Welt von sich gibt, droht er wahnsinnig vor Schmerz zu werden oder schnauzt mindestens seine Frau an, weil die das triviale Telephonklingeln nicht abgestellt hat.

Wenn der Fernsehreporter merkt, daß er fünf Minuten zu wenig Interview im Kasten hat, schaut er drein wie Bankier Herstatt nach einem Blick in den leeren Panzerschrank; so hat einst Rudolf Prack vor Herzoperationen nach Zange und Pinzette verlangt.

Und erst die Gefühle: sie sind zu groß für Worte und werden deshalb mit klassischer Musik umrahmt. Und ist es nicht auch zu geil, wenn ein jüngerer Mann, den eine junge Frau liebt, die er auch wahnsinnig liebt, auf sie verzichtet, weil sonst ihr älterer Gefährte nicht so richtig gegen das Elend der Entwicklungsländer weiterforschen könnte?

Der berühmte Fernsehreporter versteht das und lacht grimmig und doch sehr human in sich hinein: Gian Maria Volonte wurde dafür in Cannes als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet. Wer denn sonst?

Hellmuth Karasek

Mit Gian Maria Volonte und Heinz Bennent.

Hellmuth Karasek
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