Neue App Deep Nostalgia Digitale Zombies

Zu Lebzeiten war sie grantig, aber plötzlich flirtet die tote Urgroßmutter, als würde sie für eine Partnervermittlung posieren. Mit einer neuen App lassen sich alte Fotografien zum Leben erwecken. Unheimlich.
Screenshot Deep Nostalgia: Immer tiefere Blicke in den Rückspiegel

Screenshot Deep Nostalgia: Immer tiefere Blicke in den Rückspiegel

Und dann lächelt die Urgroßmutter plötzlich. Sie ist zwar schon 1972 gestorben, galt als eher miesepetrig. Auch auf dem einen wirklich guten Bild, das es von ihr gibt, schaut sie ziemlich grimmig an der Kamera vorbei. Lädt man dieses Bild aber in einer neuen App hoch, rollt sie auf einmal mit den Augen, dreht den Kopf, schaut sich leicht verwundert um, als käme sie gerade erst zu sich, zwinkert, sucht Blickkontakt mit dem Betrachter – und lächelt endlich so gütig, wie man sich das schon immer von ihr gewünscht hat.

Bekannt ist, dass Algorithmen mit Gesichtserkennung interessante Sachen machen können. Deepfakes ermöglichen, den Kopf von Barack Obama auf den Kopf von Donald Trump zu montieren und den dann Albanien den Krieg erklären zu lassen. Solche Sachen. Mit Software wie Mug Life oder Avatarify lässt sich theoretisch der Pförtner in die Vorstandsvorsitzende verwandeln und jede Zoom-Konferenz in Heiterkeit auflösen.

Deep Nostalgia zielt auf ein anderes Publikum. Und auf ein anderes Gefühl. Die App eines Unternehmens für DNA-gestützte Ahnenforschung ist in Zusammenarbeit mit einem israelischen Spezialisten für die Manipulation von Bildern entstanden und ermöglicht es, Fotos der Vorfahren »zum Leben zu erwecken«.

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Zu diesem Zweck wird die hochgeladene Vorlage (Urgroßmutter) über eine Datenbank einer passenden Videoaufnahme zugewiesen, die dann sozusagen in das Bild kriecht wie eine Hand in einen Handschuh – und das Unbewegliche in Bewegung versetzt. Der Effekt ist auf den ersten Blick faszinierend. Und ein wenig unheimlich.

»Jede fortschrittliche Technologie«, schrieb Arthur C. Clarke, »ist von Magie nicht zu unterscheiden.« Tatsächlich fühlen sich viele Betrachter an die belebten Ölgemälde aus den »Harry Potter«-Filmen erinnert. Mit dem Unterschied, dass diesmal die 1972 verstorbene Urgroßmutter wieder Luft holt, der 1917 vor Verdun gefallene Fritz oder der Onkel, den man nicht mehr hat kennenlernen können. Und sei es auch nur für die Dauer eines GIF.

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Die Versuchung ist groß, verstorbenen Altvorderen wieder eine Mimik zu verleihen. Zwar ermöglicht die digitale Séance keinen Kontakt zu den Toten. Aber sie versetzt in Bewegung, was bisher für alle Ewigkeiten in einer Fotografie festgefroren war. Das Verlorene rückt scheinbar näher, wird zugänglich, vertraut.

Erinnerungstechnisch erlaubt dieser Einsatz künstlicher Intelligenz eine Tiefenbohrung in jene Schicht, die nicht das Glück hatte, auf Super 8 oder sonst wie filmisch fixiert worden zu sein. Was möglicherweise eine Schicht ist, die in Familienfotos besser aufgehoben ist – bestenfalls in einem Gedächtnis, das überhaupt keine visuellen Krücken braucht.

So süß die Nostalgie als »Heimkehrschmerz« auch sein mag, das Bewegte ist eine Fälschung. Urgroßmutter hat nie so aus der Wäsche geschaut. Und nie würde sie auf so kokette Weise aus dem Jenseits herüberflirten, als wär's ein Video für die Partnervermittlung »Ü-120«.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass beim Betrachten der animierten Ahnen, wenn die »Magie« ihren Dienst getan hat, irgendwann das Unheimliche überwiegt. Was wir sehen, sind tatsächlich Gespenster der Vergangenheit, mit »magischen« Mitteln zu reichlich untotem »Leben« erweckt. Digitale Zombies.

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Über Retromanie geht das inzwischen weit hinaus. Hauntologie ist das Wort, das der französische Philosoph Jacques Derrida 1993 für Heimsuchungen der Gegenwart durch Phänomene der Vergangenheit geprägt hat. Da ist etwas, was doch nicht ist – und womöglich niemals war.

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Immer tiefere Blicke in den Rückspiegel

Hauntologisch ist auch die fortschrittliche Technologie, die hinter Deep Nostalgia steckt. Sie vergegenwärtigt uns auf trickreiche Weise, was doch unwiderruflich vergangen ist – und befriedigt unser Bedürfnis nach tiefen und immer tieferen Blicken in den Rückspiegel. Ob das eine gute Sache ist, mag jeder für sich selbst entscheiden. Derrida ist 2004 verstorben, ihn kann man leider nicht mehr fragen.

Er rollt auch nur mit den Augen, dreht den Kopf, schaut sich leicht verwundert um, als käme er gerade erst zu sich, zwinkert, sucht Blickkontakt mit dem Betrachter – und lächelt mitleidig.