Fotoband "Heiter bis wolkig" Schönes Deutschland, schreckliches Deutschland

Schützenfeste, Strände, Frühstücksteller mit Graubrot: Ein Fotoband versammelt die Dinge, die Deutschland ausmachen. Richtig, denkt man, genau so schaut sie aus, die BRD.
Aufnahme vom Strand in Koserow auf der Insel Usedom

Aufnahme vom Strand in Koserow auf der Insel Usedom

Foto:

Sven Stolzenwald/ Hatje Cantz

Wer hätte noch vor ein paar Wochen gedacht, dass ein Fotobuch mit dem Untertitel "Eine Deutschlandreise" zwischenzeitlich beinahe Qualitäten eines exotischen Reisebands entwickeln könnte?

Angesichts von weitreichenden Reisebeschränkungen und Kontaktverboten kann selbst die nächste Nähe ganz schnell fern erscheinen - oder zumindest bemerkenswert: Wer durch den Fotoband "Heiter bis wolkig. Eine Deutschlandreise" blättert, streift etwa Gelsenkirchener Barock, einen Frühstücksteller "Hannover" (oder ist es ein Frühstück, eingenommen in Hannover?) mit dem Graubrot, das es nur in diesem Land so gibt. Und Ansammlungen von Pflegeprodukten oder Garagenarrangements, deren innere Ordnung sich dem Beobachtenden niemals vollständig erschließen wird.

Fotostrecke

Fotoband "Heiter bis wolkig: Eine Deutschlandreise"

Foto: Sven Stolzenwald/ Hatje Cantz

Natürlich, das alles ist oft genug als fotografischer Gag formuliert worden, das hat man schon gesehen, aber vieles davon eben nicht auf exakt diese unaufgeregte Weise. Richtig, denkt man, genau so schaut sie aus, die BRD. Und: Das ist stellenweise eine ziemlich gute Quintessenz auch der eigenen losen Bildersammlung, die noch in irgendwelchen Kisten herumfliegt und die ein Deutschlandbild der Jahre zeichnet, kurz bevor es vollends digital und die Kamera von Familienfeiern getilgt wurde.

Weder zynisch noch verklärend

Der Bildband ist die gemeinsame Abschlussarbeit von David Carreño Hansen, Sven Stolzenwald und Christian A. Werner, die sich im Studiengang Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover kennengelernt haben, es ist vor allem die politisch und medial viel beschworene Mittelschicht, deren Lebenswelten und Protagonisten bei ihnen im Fokus stehen. Eine BRD-Variante der Simpsons vielleicht, der berühmtesten Untere-Mittelschicht-Familie der Welt, die nicht immer schön ist und auch genau so ausschaut.

Der Schmunzeltonfall der Bildunterschriften steht dem zwar manchmal entgegen, als Gesamtwerk hängt sich "Heiter bis wolkig" aber nicht so sehr an Skurrilitäten auf. Weder in zynischer Manier noch verklärend, im Sinne wohltuender Einbalsamierung dessen, was ist. Dafür, dass keine Schmonzette draus wird, sorgt auch Kabarettist und Autor Frank Goosen mit seinem unversöhnlichen und dabei trotzdem nicht unemphatischen Vorwort. "Am besten begegnet man Deutschland nüchtern", so seine Empfehlung.

Was bedeutet dies nun für die Bilder? Mit der fotografischen Nüchternheit von zum Beispiel Bernd und Hilla Becher und ihren strengen Perspektiven auf deutsche Fachwerkhäuser und Industriebauten hat dieses Fotoprojekt nichts zu tun. Die Flussufer und Landstraßen, die in "Heiter bis wolkig" präsentiert werden, sind keine rein formalistische Angelegenheit wie Gurskys "Rhein II". Aber sie sind eben auch umgekehrt nicht mit dem subjektiven Cool geschossen, der seit den frühen Neunzigern nahezu durchgängig die Editorials beherrscht.

Die fotografische Haltung scheint sich vielmehr im ständigen Ausloten zwischen Subjektiv und Objektiv zu verorten. In der Praxis geht es dann wohl um so pragmatische Fragen wie diese: Lässt man die minimal angeschnittene blaue Mülltonne raus, weil sie nichts zum sowieso schon gut gefüllten Bild mit dem grillenden Mann beizutragen hat? Setzt man den Fokus so, dass der ganze Nippes möglichst hübsch addiert erscheint, oder muss man sich manchmal ganz aktiv dem Drang des geschmeidigsten Bildes widersetzen? Die stärksten Bilder sind daher vielleicht auch die mit der größten Beiläufigkeit, deren Fotografen beinahe abwesend erscheinen.

Bungalows und Doppelhaushälften, Vereinstreffen, Straßenverkehrsschilder, beschmierte Wahlplakate, vertiefte Gespräche zwischen Sammlungen von Schirmmützen (überhaupt, klar: Sammeln und Hobbys!), junge und ältere Menschen, darunter ein fröhlicher Herr, der aus dem Dickicht eines Miniatur-Eisenbahnanlagen-Buschs ragt wie ein Kohlkopf: schönes Deutschland, schreckliches Deutschland. Vor allem aber ein ganz zweifellos irgendwie spezifisch als solches erkennbares Deutschland.

Und diese Erkennbarkeit scheint wiederum viel mit den Dingen im Land zu tun zu haben. Was es für Dinge gibt, wie die genau ausschauen, wie sie hergestellt sind, organisiert und miteinander kombiniert werden. Und welche Beziehungen die Menschen, die sich mit ihnen umgeben, zu ihnen pflegen. "Heiter bis wolkig" leistet hierzu eine gute Bestandsaufnahme. Schlussfolgerungen überlassen die Fotografien, und das ist heute ja nicht so selbstverständlich, vor allem ihren Betrachtern.

Beim Hatje Cantz Verlag , 20 Euro. Die zugehörige Ausstellung in der Freelens Galerie Hamburg muss bis auf Weiteres verschoben werden.

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