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Theaterregisseur Castorf über Corona-Politik »Ich möchte mir von Frau Merkel nicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss«

Frank Castorf ruft zu »republikanischem Widerstand« gegen die Pandemie-Maßnahmen auf. Wir sollten uns nicht länger den Dekreten von Virologieprofessoren und Politikern unterwerfen. Einer der meistgelesenen SPIEGEL+-Artikel des Jahres.
Ein Interview von Wolfgang Höbel
Theatermacher Castorf: »Ich stelle mit Erschrecken fest, dass ich plötzlich sogar Trump mag«

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SLAVICA

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SPIEGEL: Herr Castorf, wie viele andere Menschen sind auch Sie im Augenblick zum Nichtstun verdammt. Haben Sie Verständnis dafür, dass die Politik große Teile des öffentlichen Lebens zum Stillstand gebracht hat?

Castorf: Nein. Ich zweifle daran, dass im Augenblick der Nutzen dem Aufwand entspricht. Ich bin kein Biologe, ich bin kein Mediziner. Ich arbeite im Theater, da erhält man sich die Bereitschaft zum Fantasieren, zum Nachdenken über das, was außerhalb geschieht. Und da stelle ich fest: Mich stört in der momentanen Krise der Grad der Ideologisierung. Schon die Worte »Lockdown« und »Shutdown« machen mich bösartig. In einer Zeit von massiver Migration und Klimawandel und sozialer Not fängt jede Nachrichtensendung, jeder Zeitungsartikel mit der Worthülse »In Zeiten von Corona …« an. Für mich ist das eine Kampagne. 

SPIEGEL: Sie bezweifeln die Notwendigkeit der von vielen Wissenschaftlern für zwingend erklärten Maßnahmen gegen die Virusverbreitung ?

Castorf: Wenn das Robert Koch-Institut klar sagen könnte, dass wir ohne drakonische Maßnahmen in wenigen Wochen 600.000 bis 1,5 Millionen Tote hätten, würde ich sofort einsehen, dass wir einen Ausnahmezustand haben. Aber angesichts der jetzigen Sterblichkeitsrate und der Zahl von bisher weniger als 6000 Corona-Toten sage ich: Es ist immer traurig, wenn ein Mensch stirbt, auch ein alter Mensch. Aber es ist der Lauf der Dinge, den wir akzeptieren müssen. Wir sind mit dem Tod geboren, das ist eine philosophische Plattitüde. Das Theater ist dafür da, daran zu erinnern, dass wir den Tod nicht abschaffen können. Es macht uns klar: Die Welt wird irgendwann das Zeitliche segnen. Das ist traurig. Aber es wird passieren. Das Problem ist, dass wir in einer Welt leben, die glaubt, dass sie unsterblich sei. Die Unsterblichkeit ist unsere praktizierte Religion. Theater besteht auch darin, dass man mit dem Tod umgeht und nicht mit der Verwaltung der Gegenwart. So wie zu Zeiten der DDR von der Politik die sozialistische Menschengemeinschaft propagiert wurde, wird heute die gesellschaftliche Pflicht zur Rettung vor dem Tod propagiert.

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