Frank Castorf inszeniert Erich Kästner Ich zeig euch das bessere »Babylon Berlin«!

Der Regisseur Frank Castorf zeigt am Berliner Ensemble in seiner Adaption von Erich Kästners Roman »Fabian« seine Vision vom Ende der Hauptstadt-Zwanziger – und erzählt von eigenen Beziehungsproblemen.
Marc Hosemann als Fabian im Berliner Ensemble: Ein Mann verkauft seinen Schatten

Marc Hosemann als Fabian im Berliner Ensemble: Ein Mann verkauft seinen Schatten

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Matthias Horn

Man sieht Menschen auf einer mit Kartoffelsalat vollgekleckerten Tanzfläche hüpfen und nackt eine Badewanne voller Blut besteigen. Man hört Frauen und Männer gegen Klaviermusik und uralte Popsongs wie Eric Burdons »When I Was Young« anschreien. Und man bewundert über Stunden hin den Fieberschweiß, die komischen Verrenkungen und die Lust von Schauspielerinnen und Schauspielern, die offenbar gewillt sind, sich möglichst bis auf den letzten Energierest zu verausgaben.

Insofern ist alles ganz gewöhnlich für eine Premiere des Regisseurs Frank Castorf. Nur dass der Mann sich diesmal mit einem literarischen Stoff beschäftigt, der den inneren Antrieb und Aufklärungswillen des Castorf-Theaters auf eine schöne Formel bringt. Sie lautet: »Man kommt nur aus dem Dreck raus, wenn man sich dreckig macht.«

Es ist Erich Kästners Roman »Fabian oder Der Gang vor die Hunde«, den der Regisseur im Berliner Ensemble in einer Bühnenversion präsentiert. Das Buch, zu Beginn der Dreißigerjahre geschrieben, erzählt die Geschichte des Werbetexters Jakob Fabian, der während der Wirtschaftskrise seinen Job, den Glauben an die Liebe und seinen besten Freund verliert. Der Roman berichtet von den Ausschweifungen in Berliner Bordellen und von der Verkommenheit einer Zeit, in der das Heraufdämmern des Faschismus bereits erkennbar ist. Erst vor ein paar Tagen präsentierte der Regisseur Dominik Graf beim pandemiebedingten »Summer Special« der Berlinale seine Film-Version des Stoffes zum ersten Mal vor Publikum.

Nun könnte man vermuten, am Beispiel von Castorfs und Grafs Arbeiten trete die Konkurrenz von Theater und Film so deutlich zum Vorschein und ließe sich so gründlich untersuchen wie selten. Tatsächlich wird nur klar, wie absolut gegensätzlich sich die Regisseure dem Stoff nähern – und dass sie beide zu ziemlich großartigen Ergebnissen kommen.

Während der Filmemacher Graf bewundernswert konzentriert das Künstler-, Freundschafts- und Liebesdrama des Helden Fabian (Tom Schilling), seiner von einem reichen, alten Kinoproduzenten abspenstig gemachten Schauspielerinnenfreundin (Saskia Rosendahl) und seines Freundes Libude (Albrecht Schuch) erzählt, betreibt der Theatermacher Castorf seine »Fabian«-Dramatisierung mit Marc Hosemann als Fabian, Margarita Breitkreiz als Cornelia und Andreas Döhler als Libude bemerkenswert unkonzentriert.

Marc Hosemann als Fabian (r.), Andreas Döhler als sein Freund Labude: Bemerkenswert unkonzentriert

Marc Hosemann als Fabian (r.), Andreas Döhler als sein Freund Labude: Bemerkenswert unkonzentriert

Foto: Matthias Horn

Denn wo Graf über »Fabian oder Der Gang vor die Hunde« danach strebt, möglichst präzise »die Zeit, die Liebe, den Verlust« zu erzählen, wie er sagt, hat Castorf den Stoff mit einem überzeitlichen Märchenstoff kombiniert, um von der Allgegenwart der »künstlichen Paradiese« und des »hemmungslosen Verkaufs des eigenen Körpers« zu berichten, wie er sich vorgenommen hat.

Offenbar aus diesem Grund geistert nun der mit einem wunderbar zerfurchten Gesicht ausgestattete Schauspieler Wolfgang Michael als Teufelsgestalt aus Adelbert von Chamissos »Peter Schlehmihls wundersamer Geschichte« aus dem Jahr 1813 mit schwarzem Hut über die Bühne des Berliner Ensembles – das Märchen erzählt die Story eines Mannes, der seinen Schatten verkauft.

Tatsächlich scheitert auch der Kästner-Held Fabian an dem Versuch, ein Leben ohne Schatten zu leben, seine Tage ohne jede Seriosität, ohne Schmerz und voller Leichtigkeit zu verbringen. Der Schauspieler Marc Hosemann spielt diesen Kerl als tanzverliebten, slapstickbegeisterten Entertainer, als pfiffigen Frauencharmeur und ewigen Talentverschleuderer, dem selbst bei seiner überraschenden Entlassung aus dem Werbetexterjob ein Lächeln ins Gesicht zementiert ist.

Für die wenigen melancholischen Momente im Leben dieses Bartresenhockers und Bordellbesuchers hat der Bühnenbildner Aleksandar Denić dem Helden einen mit Herbstlaub bedeckten Berliner Miethaushinterhof auf seinem Drehbühnenpanorama eingerichtet. Ansonsten beschwört Denić mit einer riesigen Revuetänzerinnen-Hampelfrau-Installation, einer schicken Bar und einer Ufa-Kinowerbung den Glanz und die Abgründigkeit wilder Zeiten.

An einer Außenwand klebt ein Werbeplakat für eine Ausstellung mit Deutschen Schäferhunden, in einem Hinterzimmer der Bar findet sich ein Schlachthausraum wie aus Upton Sinclairs Roman »Der Dschungel«, in dem die Schäbigkeit des kapitalistischen Erwerbsstrebens besonders drastisch vorgeführt wird.

Marc Hosemann und Margarita Breitkreiz (Cornelia): Schäbigkeit des kapitalistischen Erwerbsstrebens

Marc Hosemann und Margarita Breitkreiz (Cornelia): Schäbigkeit des kapitalistischen Erwerbsstrebens

Foto: Matthias Horn

Der Regisseur Castorf richtet ein Assoziations- und Verweise-Bombardement an, das die Zuschauerinnen und Zuschauer fünf Stunden lang mit vielen Wiederholungen, aber auch zahlreichen Überraschungen versorgt. So trägt Marc Hosemann einmal einen Brief vor, der offenbar von einer in Paris ansässigen Geliebten Castorfs geschrieben wurde und in dem sie sich über sein rohes Benehmen beschwert, aber auch – so viel Männerstolz muss sein – seine Liebhaberfähigkeiten lobt.

Mit einem auf der Theater-Webseite zitierten  Erich-Kästner-Satz wird der Abend eher zaghaft an die Gegenwart der Impfgegner und Querdenker angedockt: »Heute sind bereits neue, genauer, sehr alte Mächte fanatisch dabei, wieder standardisierte Meinungen durch Massenimpfung zu verbreiten«, schrieb Kästner, »doch wissen viele nicht mehr, dass man sich Urteile selber bilden kann und sollte.«

Viel mehr scheint Castorf die Erfolgsserie »Babylon Berlin« zu interessieren. Castorf nennt sie im Programmheft »Kitsch«, weil er sie zu ordentlich findet. Er vermisst die Darstellung der »Gleichzeitigkeit von Geschwindigkeiten im Raum von verschiedensten Themen, die vollkommen asynchron sind«. Das ist schön wolkig formuliert. Aber man darf das große, lärmende Durcheinander des »Fabian«-Spektakels im Berliner Ensemble in der Tat als Gegenentwurf zur Eleganz und zum Glamour der »Babylon Berlin«-Serienoptik begreifen.

Castorfs Fabian sucht die Wahrheit nicht in glitzernden Kulissen und mondänen Bonzensalons, sondern im Schweiß, im Blut, im Schmutz – und er findet sein womöglich größtes, kurzes Glück beim Tanz im Kartoffelsalat.

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