Prominente über die Klimakrise »Wer im freien Fall auf den Erdboden zurast, sollte nicht über die Kosten für den Fallschirm debattieren«

Der neue Weltklimabericht der Uno warnt vor Wetterextremen, wie wir sie noch nie erlebt haben. Was sollte die Politik jetzt tun? Antworten von Alice Schwarzer, Reinhold Messner, Wolfgang Niedecken und anderen.
Der Weltklimabericht hat diese Prominenten aufgeschreckt. Aber auch die Politik?

Der Weltklimabericht hat diese Prominenten aufgeschreckt. Aber auch die Politik?

Foto: imago images / dpa / Getty Images / Reuters
»Die größte Hausaufgabe ist Klima-Außenpolitik«

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ehrenpräsident des Club of Rome, Gründungspräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie

Die Politik muss mithelfen, Deutschland und die EU zu Welt-Vorbildern für Klimaschutz und Wohlstand zu machen. Sie darf aber nicht so tun, als ob das für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels genügt. Die größte Hausaufgabe ist »Klima-Außenpolitik«: mithelfen, dass es für Entwicklungsländer lukrativ wird, endlich selbst Klimaschutz zu betreiben. Wir müssen anerkennen, dass wir als altes Industrieland unser Emissionsbudget schon erschöpft haben. Wir müssten folglich Entwicklungsländer bitten, uns noch freie Lizenzen zu verkaufen. Die brauchen wir für die Kohle-Restlaufzeit, für die alte Autoflotte und für Gasheizungen. Durch Verkauf von Lizenzen wird Klimaschutz im Süden mehr und mehr eine »Lizenz zum Gelddrucken«. Dann wird es zum Beispiel für Saudi-Arabien, wo eine Kilowattstunde Sonnenstrom nur noch 1 Eurocent kostet, lukrativer, grünen Wasserstoff statt Öl zu verkaufen. Dann gibt es eine Chance, das weltweite 1,5-Grad-Ziel einzuhalten.

»Wir brauchen einen Paradigmenwechsel«

Wolfgang Niedecken, Sänger der Band BAP

Wir haben im September die Chance einer Weichenstellung, die wir nicht ungenutzt lassen dürfen. Wir brauchend einen Paradigmenwechsel. Die führenden Politiker aller Parteien müssen jetzt und endlich eindeutig Position beziehen, damit die Wähler sich zwischen den beiden einzigen Alternativen entscheiden können, die es gibt: alles tun, um die Klimaziele zu erreichen – oder Augen zu und durch.

Die Konzert- und Showbranche leidet zurzeit schwer unter den Konsequenzen menschengemachter Katastrophen, unter Covid-19 ebenso wie unter Extremwetterlagen. Sich an die Gegebenheiten anzupassen, ist nahezu unmöglich. Mittlerweile wandern viele Fachkräfte bereits in andere Berufe ab, weil es so gut wie keine Planungssicherheit mehr gibt.

Ich versuche seit vielen Jahren, so nachhaltig wie möglich zu leben, bin Vegetarier, trenne meinen Müll, fahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln und verzichte seit dem Beginn der Pandemie auf Flugreisen jeglicher Art. Sollte es Ideen geben, wie ich in meinem Bereich noch mehr ändern kann – her damit!

»Subventionen klimaschädlicher Produkte stoppen«

Gretchen Dutschke-Klotz, Autorin und einstige Studenten-Aktivistin

  1. Die Politik muss die Herausforderung endlich annehmen und der Klimakrise erste und höchste Priorität einräumen.

  2. Noch in diesem Jahr müssen die Parlamente Beschlüsse fassen. Wichtig: Industrielobbys werden nicht gehört.

  3. Noch in diesem Jahr müssen die Parlamente damit beginnen, die Beschlüsse umzusetzen. Alle anderen Projekte müssen dafür verschoben werden, mit Ausnahmen sozialer und gesundheitlicher Projekte für benachteiligte Menschen.

  4. Um die Klimaprojekte zu finanzieren, müssen die Steuern für jene reichen Menschen und Konzerne erhöht werden, die von der Coronakrise profitiert haben.

  5. Jegliche Subvention klima- und umweltschädlicher Produkte muss sofort gestoppt werden.

  6. Lokale Räte müssen eingerichtet werden, in denen Menschen Ideen für Klimaverbesserungen in ihrer Umgebung entwickeln – und diese von der Politik finanziert bekommen.

»Die Atmosphäre ist keine Dunstabzugshaube«

Eckart von Hirschhausen, Arzt, Fernsehmoderator und Bestsellerautor

Wie viele Jahrhundertereignisse brauchen wir noch, um zu verstehen, dass dieses Jahrhundert gerade erst angefangen hat? Und die nächsten 10 Jahre darüber entscheiden, wie es zu Ende geht? Jede Tonne Treibhausgas, mit der wir die Luft verdrecken, fällt uns auf die Füße. Naturgesetze sind nicht verhandelbar. Nur weil wir Absichtserklärungen, Abkommen oder Wahlprogramme schreiben, hat sich noch kein einziges CO2-Molekül reumütig wieder zurück unter die Erde begeben. Der Dreck bleibt. Die Atmosphäre ist keine Dunstabzugshaube. Sie ist eine hauchdünne Schicht, die unser Überleben sichert. So dünn wie die Haut von einem Apfel. Und so verletzlich.

Als Arzt habe ich gelernt: erst die Diagnose, dann die Therapie. Die Diagnose haben wir, nicht erst seit heute. Wir brauchen jetzt Politik, die auf Wissenschaft hört, handelt und konsequent Emissionen senkt. Eine Jahrhundertaufgabe – für die wir kein Jahrhundert mehr Zeit haben. Wir leben in historischen Zeiten. Es kommt jetzt auf jeden an. Noch haben wir eine Wahl.

Denn das Ziel auf das wir uns doch alle einigen können: Gesunde Menschen und Tiere gibt es nur auf einer gesunden Erde.

»Das Leid trifft letztlich uns alle«

Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Die aktuellen Extremwetterereignisse machen weltweit auf besonders tragische Weise sichtbar, welche dramatischen Folgen der Klimawandel jetzt schon hat. Der neue Bericht des Weltklimarats beschreibt eindringlich, welche Szenarien in den kommenden Jahrzehnten auf uns zukommen, wenn nicht schnell Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Das erfordert entschiedenes politisches Handeln. Jedes weitere Zögern, jede Blockade hätte zur Folge, dass wir auf krasse Weise zulasten künftiger Generationen leben und verschließt die Augen vor schrecklichem menschlichem Leid, das damit verbunden wäre. Dieses Leid trifft zuallererst diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, es trifft aber letztlich uns alle. Die Verantwortung liegt deshalb nicht nur bei der Politik, sondern bei jeder und jedem einzelnen. Den Klimawandel können wir nur gemeinsam aufhalten. Quer durch die Generationen, unabhängig von politischen Überzeugungen und Weltanschauungen, rund um den Globus.

»Wann, wenn nicht jetzt?«

Jan Plewka, Sänger der Band Selig

Die Politik muss sofort aufhören zu reden und anfangen zu handeln! Als Musiker und als Privatperson werden wir so klimaneutral wie möglich leben, aber allein schaffen wir das nicht.

Es bedarf einer übergeordneten, sozialverträglichen Strategie um den CO2-Ausstoß auszunullen. Wann, wenn nicht jetzt?

»Wir sehen einen rückfälligen Trend«

Ma Jun, Chinas führender Umweltaktivist, Direktor des Pekinger Instituts für Umweltangelegenheiten

Chinas Führung hat angekündigt, dass sie die CO2-Emission reduzieren wird. Sie muss ihren Aktionsplan nun auch wirklich umsetzen. Wir alle wissen, dass die größten Emissionen in den Städten anfallen, und in den Städten sind es diese energieintensiven Industrien, die am meisten zu den Emissionen beitragen. Um die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie voranzutreiben, haben einige Städte in letzter Zeit ihre Überwachung der Unternehmen aber gelockert. Einige dieser Unternehmen expandieren in der Hoffnung, mehr Spielraum zu schaffen. Daher sehen wir hier einen rückfälligen Trend. Es ist wichtig, dass der Aktionsplan nach Sektoren und dann nach Branchen und Unternehmen aufgeschlüsselt wird. Es muss sehr klar sein, wer die Verantwortung trägt.

»Mehr Risikokapital für Start-ups«

Frank Schätzing, Thrillerautor

Die Hausaufgaben: sofortiger Ausstieg aus den fossilen Energien, turbomäßiger Ausbau von Wind-, Solar- und Wasserkraft, Vollversorgung durch Erneuerbare vor 2030.

Steigerung der Innovationsrate made in Germany: Flugwindkraftwerke, Vier-Rotor-Anlagen. Hocheffiziente Tandem-Solarzellen, Solarfolien, Solarfarben. Durchbrüche bei Batterien und Zwischenspeichern. Bio-Reaktoren zur Reinigung der Luft von CO2, urbanes Energiemanagement durch künstliche Intelligenz.

Technologiemix in der Mobilität: Elektrifizierung des Personenverkehrs plus Biokraftstoffe, grüner Wasserstoff für den Schwerlast- und Langstreckenverkehr, flächendeckende Ladenetze.

Mehr Risikokapital für Start-ups, um Abwanderung zu verhindern, Innovationskraft zu sichern und Arbeitsplätze zu schaffen. Und Schluss mit dem Märchen, Klimaschutz und Arbeitsplatzsicherung schlössen einander aus. Konsequent betrieben, schafft der ökologische Wandel mehr Arbeit, als er kostet.

Wie wir das bezahlen? Sagen wir mal so: Wer im freien Fall auf den Erdboden zurast, sollte nicht über die Kosten für den Fallschirm debattieren.

»Ohne heilsame Verbote kommen wir nicht aus«

Richard David Precht, Philosoph und Bestsellerautor

Bislang haben alle deutschen Regierungen die alarmierenden Nachrichten der Klimaforscher nicht ernst genommen. Das muss sich ändern. Und da keine Zeit bleibt: sofort! Wir dürfen uns nicht weiter in die Antwort flüchten, alle Klima- und Umweltprobleme ließen sich in absehbarer Zeit durch technische Innovationen lösen. Erst wenn man versteht, dass wir unseren Lebenswandel dringend verändern müssen, versteht man die Lage. Ein Klima-Realismus, der sicherstellt, dass die Erde für künftige Generationen bewohnbar bleibt, kommt ohne den Gebrauch staatlichen Ordnungsrechtes nicht aus. So wie der Staat das Ozonloch wieder verkleinerte durch das FCKW-Verbot oder wie er das Blei aus dem Benzin verbannte, indem er bleihaltiges Benzin verbot – so kommen wir auch jetzt ohne heilsame Verbote nicht aus.

Völlig umdenken muss vor allem die Landwirtschaftspolitik, denn billiges Fleisch kommt in seinen ungezählten Umweltschäden den Steuerzahler viel teurer als ökologische Tierhaltung. Das Hochwasser und der Weltklimabericht belehren uns unmissverständlich darüber: Was ist teurer als ernsthafte Klimapolitik? – keine Klimapolitik! Und was schränkt die Freiheit künftiger Generationen mehr ein als Verbote? – Keine Verbote!

»Wir haben keine Zeit für Gefasel«

Saralisa Volm, Schauspielerin und Filmproduzentin

Ich erwarte von der Politik jetzt etwas Außergewöhnliches: Radikale Ehrlichkeit, Mut und die Bereitschaft für kurzfristige Veränderung. In meinen Augen haben wir keine Zeit für das Gefasel von grünem Wohlstand. Wir müssen ehrlich einsehen, dass wir über unsere Verhältnisse leben und das beenden. Der Flächenfraß, unsere Form der Mobilität, unser Konsumverhalten und die Massentierhaltung gehören reduziert, konsequent neu gedacht oder abgeschafft. Wir sollten den Preis lieber jetzt zahlen und Zeit gewinnen, statt in ein paar Jahren keine Entscheidungen mehr treffen zu können.

»Privatautos verbieten«

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin Uni Bonn

Die Menschheit ist angezählt in ihrer Existenz. Was müsste die Politik jetzt tun? Sich nackig machen! Niemand kann das Klima retten, schon gar nicht im Wettbewerb Globaler Süden gegen Globaler Norden, Europa gegen China oder die USA. Aus dem Kampf um Ressourcen muss ihr gemeinsames Management werden.

Autos auf den Mond schießen ist sicherlich keine Lösung (oder nur für Männer), wie es überhaupt nicht die Lösung sein kann, nur der Technik zu vertrauen. Zum technologischen Solutionismus gehören die Lebenslüge der Elektromobilität ebenso wie die der Windenergie als Allheilmittel, die oft verschleiern, dass es um ein »Weitermachen wie bisher« mit anderen Mitteln geht.

Effiziente Lösungen hingegen könnten sein: Handys wegschmeißen, auf Zoom & TikTok verzichten, der KI den Stecker ziehen, dickere Wände bauen, auf Klimaanlagen verzichten (In Deutschland wird inzwischen im Sommer mehr gekühlt als im Winter geheizt). Auch weniger Fleisch essen, innereuropäische Flüge und Privatautos verbieten, stattdessen endlich ein funktionierendes European High-Speed-Train-Netz aufbauen. Und: die gute alte Seife im Bad rehabilitieren statt Duschgel & Co. in Plastikflacons.

Wären wir wirklich unglücklicher?

»Die Fakten liegen auf dem Tisch«

Jonathan Berlin, Schauspieler

Wenn die Regierenden ihren Job ernst nehmen und den Menschen Sicherheit, ein Leben in Würde und in Freiheit ermöglichen wollen, müssen sie das jetzt beweisen. Dann nämlich gibt es keine andere Option, als umgehend zu handeln – und das heißt, nicht erst nächstes Jahr oder in ein paar Monaten, sondern jetzt, sofort. Das Know-how ist da, das Wissen, die Technologien. Den Willen sind die Regierenden uns schuldig.

Ich bin immer wieder erstaunt, dass bei einer Bankenkrise noch in derselben Nacht Krisengipfel eingeleitet werden – wenn aber der IPCC Alarm schlägt, dass die gesamte Menschheit in Gefahr ist, passiert nichts dergleichen. Der Bericht ist das schärfste Signal, das die Wissenschaft geben kann. Die Fakten liegen auf dem Tisch, in aller Härte und Klarheit. Wenn den führenden Politikern:innen dieser Welt ihre eigenen Kinder und Enkel etwas bedeuten, dann gibt es nur eine Option: Handeln. Jetzt. Und ich ergänze bewusst: Alles andere wäre unverzeihlich.

»Leute, hört auf die Jugend!«

Leoniden, deutsche Indie-Rock-Band

Die Politik sollte dringend einen konkreten Plan entwickeln, wie Klimaziele global und verbindlich umgesetzt werden können. Und sie sollte dafür sorgen, dass sich Großkonzerne ihrer Verantwortung stellen. Die Zeit der Ausreden und des Aufschiebens muss vorbei sein. Leute, hört auf die Jugend! Hört auf die Generation, denen eure Verantwortungslosigkeit, eure Sturheit und euer Egoismus in ein paar Jahren um die Ohren fliegen wird.

Auch die Musikszene sollte sich ihres gesellschaftlichen Einflusses bewusst werden und diesen nutzen, indem sie die Leute vor der Bühne aufklärt. Bertolt Brecht stellte mal fest, dass Kunst zwar nicht die Hungernden satt machen, aber die Hoffnungslosen aufrichten kann. Sie kann den Unwissenden sagen, wer sie ausbeutet. Und vor allem: Sie kann diejenigen, die müde sind, zum Kämpfen motivieren. Kunst ist immer politisch.

Jede und jeder von uns trägt einen kleinen Teil zur Katastrophe bei. Und jede und jeder sollte alles tun und ändern, was sie oder er tun oder ändern kann. Diese Eigenverantwortung aber sollte uns nicht lähmen: Es ist vollkommen klar, dass die Krise ohne politische Mittel nicht zu lösen ist.

»Meine eigene Lebensweise ändern? Mit Freude«

Jo Schück, Fernsehmoderator

Die Politik muss endlich eine positive Erzählung für unsere Gesellschaft und den Planeten entwerfen: Wie wollen wir leben? Wie schön kann sie sein, die klimaneutrale Zukunft? Apokalyptische Bilder und angstgetriebene Verzichtsdebatten haben wir schon. Ergebnis: Fatalismus, Trotz, selten Handlungen. Wer eine breite Mehrheit mitnehmen will in die Zukunft, der sollte auch eine Vision haben, warum sich das lohnt.

Bei ZDF »aspekte« haben wir gerade als erste deutsche Fernsehsendung unsere CO2-Bilanz errechnet und veröffentlicht. Erst mal nur ein symbolischer Akt, aber wir wollten wissen, wovon wir eigentlich reden. Fazit: TV-Produktion vergleichsweise unproblematisch, Streaming zunehmend ein echtes CO2-Problem. Auch darüber braucht es eine (politische) Debatte und Regeln für alle.

Meine eigene Lebensweise ändern? Klar. Mit Freude. Noch lieber, wenn die Politik schneller mitzieht: Aufs Auto verzichten fällt ja leicht mit gutem ÖPNV und einer breiten Fahrradstraße. Verantwortung allein auf Einzelne abwälzen, wird es nicht bringen. Nur weil ein paar Besserverdienende auf Bambuszahnbürsten umsteigen, ist noch keine Welt gerettet. Die Steak essende Klimaaktivistin hilft jedenfalls mehr als der unpolitische Veganer.

»Der Klimawandel wird im Flachland produziert«

Reinhold Messner, Extrembergsteiger und Bestsellerautor

Der Klimawandel zwingt uns zum Umdenken. Wir sollten den Verzicht als positiven Wert entdecken, das könnte die Lage der Welt verbessern.

Der Klimawandel wird im Flachland produziert, in Städten, Industrieansiedlungen und beim Verkehr – aber seine Folgen schlagen sich besonders stark in den Bergen nieder, dabei trägt hier oben nicht einmal der Tourismus stark zum Klimawandel bei. Klimawandel gab es immer, allerdings wird er eben seit etwa 100 Jahren auch mit vom Menschen verursacht. Meine große Hoffnung ruht auf Wissenschaft und Technologie. Die Politik kann nur dann zu Lösungen beitragen, wenn sie sich nicht vom Populismus verführen lässt.

»Bei uns hat das Umdenken begonnen«

Axel Bosse, Musiker

Die Regierung muss alles dafür tun, den Anstieg der Erderwärmung schnellstmöglich zu stoppen. Die Politik muss das als Priorität überzeugender und konsequenter vertreten. Klimafreundliches Verhalten sollte finanziell und steuerlich belohnt werden.

Bei uns hat das Umdenken auch in der Arbeit schon begonnen. Erste Schritte waren überarbeitete Speisen- und Getränkepläne auf Tournee (weniger Plastik, regional, vegetarisch) und der Ausgleich von CO2-Emissionen durch Anpflanzen neuer Bäume. Wir versuchen, den Gedanken des »Green Tourings« in die Tourneeplanung einfließen zu lassen.

Klimakrise

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Wir verändern Lebensgewohnheiten, es gibt ja keine Alternative dazu, auch wenn es nicht immer leicht fällt. Es gibt viele Dinge im täglichen Leben, an denen jeder von uns im Kleinen ansetzen kann. In meiner Familie versuchen wir schon seit längerer Zeit, uns ökologischer auszurichten. Das funktioniert und tut nicht weh.

»Den notwendigen Mumm aufbringen«

Alice Schwarzer, »Emma«-Chefredakteurin

Wie hoffentlich viele Menschen hoffe ich, dass die Verantwortlichen, dass WIR Verantwortlichen, endlich einen Schock bekommen – und Konsequenzen ziehen. Vor allem auch die Politik, die in Deutschland nach den Wahlen hoffentlich den notwendigen Mumm aufbringen wird, unbequem zu sein, auch in Bezug auf die Wirtschaft. Denn allmählich müsste doch allen klar sein: Radikales Handeln gegen die Klimasünden ist eine Überlebensfrage.

»Machen Politiker sich nie Sorgen um ihre Enkel?«

Stefanie de Velasco, Schriftstellerin

An die Politik habe ich keine Forderungen, offenbar fehlt da prinzipiell der Wille, wirklich etwas zu verändern. Einige haben Enkel, schätze ich. Machen die sich denn nie Sorgen um die?

Für mich selbst ist die ökologische Krise auch eine Imaginations- und damit eine Schreibkrise. Wer kann und will sich schon die eigene Auslöschung vorstellen? Vor allem aber: Wie kann ich angesichts des Unvorstellbaren erzählen, das heißt einen relevanten Kommentar zur Gegenwart liefern, »Echo der Zeit« sein? Womöglich hat das Dystopische, die Climate Fiction, deswegen Konjunktur. Ich versuche mich stattdessen an einem Konzept, das ich »Nachhaltiges Erzählen« nenne: eine Ästhetik des Nachhaltigen als künstlerische Praxis in Anlehnung an ressourcenschonende Handlungsprinzipien, die nicht nur die Brüchigkeit der Verhältnisse im Anthropozän nachweist, sondern gleichzeitig damit experimentiert, neue Kreisläufe herzustellen, und nach neuen Existenz– und Erzählformen sucht, die es der Literatur ermöglicht, aus eben jenen Kreisläufen auszubrechen, die überhaupt erst zum Anthropozän geführt haben.

»Im Worst Case gibt es in Zukunft keine Tourneen mehr«

Giant Rooks, deutsche Indie-Pop-Band

Es kann keine Ausreden mehr geben, dass Deutschland allein nichts erreichen könne. Dieses Denken hat schon zu viel Schaden angerichtet.

Wir müssen uns auch als Künstler:innen und in der Konzertbranche intensiv damit beschäftigen, wie Tourneen klimaneutral gestaltet werden können. Das ist aktuell kaum möglich. Wir müssen uns daher die Frage stellen, ob wir das, was wir lieben und wovon wir leben, zukünftig überhaupt noch machen können. Wenn wir da keine Antworten finden, gibt es im Worst Case in Zukunft keine Tourneen mehr.

Wir halten nicht so viel davon, die Klimakrise zu individualisieren. Die Probleme liegen tiefer als nur in der Frage Plastik- oder Mehrwegbecher. Und dennoch: Jeder kleine Schritt kann größere Veränderungen anstoßen.

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