Samira El Ouassil

Nach Franziska Giffeys Rücktritt Schummeln cum laude

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Akademische Titel werden überbewertet, wenn es um politische Posten geht. Aber wer nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft Anerkennung will, muss sich auch an diesen Maßstäben messen lassen.
Bundesministerin Giffey: Ist ihr Rücktritt eine bewundernswerte Geste mit Rückgrat?

Bundesministerin Giffey: Ist ihr Rücktritt eine bewundernswerte Geste mit Rückgrat?

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Kay Nietfeld / picture alliance / dpa

In der Politik geht es um Macht, in der Wissenschaft um Wahrheit. Das sind die Währungen, mit denen man in diesen beiden sozialen Systemen operiert.

Wer in der Politik keine Macht besitzt, der kommt in einer Partei nicht weit, der kann im Bundestag nicht mitentscheiden. Wer in der Wissenschaft die Unwahrheit sagt und diese schlimmstenfalls auch noch in Aufsätzen und Büchern veröffentlicht, der wird es höchstwahrscheinlich in seiner Disziplin nicht weit bringen, denn die wissenschaftliche Reputation baut auf der Produktion von wahrem Wissen auf; und wie diese Wahrheit hergestellt und gesichert wird, dafür gibt es nachvollziehbare Methoden und Leitfäden, auf die man sich je nach Fakultät und Fachbereich geeinigt hat.

Es ist, glaube ich, nicht zu gewagt zu behaupten, dass es sich bei vielen Volksvertreter*innen, die einen akademischen Titel tragen, nicht um Vollblutwissenschaftler*innen handelt, die nach Jahren intensiver Forschung überraschend in den politischen Betrieb wechseln und nur deshalb ihre Studien ruhen lassen. Wie im Falle vieler anderer Hochschulabgänger*innen ist auch für sie mit dem Abschluss die aktive wissenschaftliche Karriere beendet. Dennoch beruft man sich auch journalistisch gerne auf solche Qualifikationen, wenn es darum geht, die Kompetenz unserer Repräsentant*innen zu bewerten. Und politisch, wenn es darum geht, jemandem mangelnde Geeignetheit zu unterstellen – siehe die seltsam boomerigen Attacken auf Kevin Kühnert und die akademischen Schwanzvergleiche in Bezug auf die Qualität von Annalena Baerbocks Abschlüssen.

Unsere Kanzlerin, die promovierte Physikerin

Aber waren wir nicht alle auch ein bisschen happy, dass wir eine Bundeskanzlerin haben, der man bei einigen heiklen Entscheidungen vertrauen konnte, da sie ja eine promovierte Physikerin ist? Wie beispielsweise im Falle des Atomausstiegs nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima oder jetzt bei den Herausforderungen dieser Pandemie? Erinnern Sie sich noch, wie uns Dr. rer. nat. Angela Merkel im vergangenen Jahr die Reproduktionszahl erklärte und damit alle begeisterte? In der »Deutschland kommt ja ganz gut durch die Krise«-Phase hörte ich ziemlich häufig den Satz »Gott sei Dank lenkt uns eine Frau mit Doktor in Naturwissenschaft durch die Pandemie und kein Trump«.

Man kann um jede Politikerin froh sein, die ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten für den Staat, für die Demokratie und uns alle einsetzt. Doch neben einigen Abgeordneten, die mit ihrem Titel echte Berufe und Berufungen verbinden, gibt es – wie wir nun vermehrt feststellen durften – auch einige, die versuchen, durch einen gekauften, erschlichenen oder einfach nur sehr schlecht gemachten akademischen Grad das Beste aus beiden Systemen – Politik und Wissenschaft – herauszuholen; die sowohl die Macht wollen als auch diese Aura eines mutmaßlichen Wahrheitsträgers.

Endgegner der Wahrheit: die Habilitation

In Deutschland nimmt ein Doktortitel eine ganz besondere Bedeutung ein. Eine Person, die ihn trägt, hat unser Bildungssystem gewissermaßen fast bis zum Endgegner der Wahrheit (der Habilitation) durchgespielt. Selbstverständlich muss man dieses akademische Spiel nicht unbedingt mitspielen, wenn man das nicht möchte. Es gibt viele andere Qualifikationen, Ausbildungen und Berufe, in denen man außerdem mehr verdient. Aber wenn wir das ernst nehmen, was man schon seit längerer Zeit allen Schülerinnen und Studentinnen eintrichtert, nämlich dass Klausuren, Noten, Prüfungen und Lebensläufe einen Wert haben, wenn nicht sogar über die eigene professionelle Existenz bestimmen, dann steht diejenige, die das zu leisten vermag, mit einem Doktortitel als eine Art olympische Medaille weit oben auf der Treppe der erarbeiteten Erkenntnis, am oberen Ende unseres gesellschaftlichen Bildungsmarathons.

Abgesehen davon, dass Plagiate immer Schläge in die Gesichter derjenigen sind, die es auf oftmals sehr anstrengende und entbehrliche Weise versuchen: Wenn bei Doktorarbeiten geschlampt oder sogar bewusst plagiiert wird, wenn solche Schriften nicht von akademischen Gremien zurückgewiesen und womöglich sogar sanktioniert werden, dann ist das ein großes Problem für unsere gesamte Gesellschaft und das Bildungssystem; umso mehr, wenn es sich dabei um fragwürdige Leistungen von Menschen mit Macht handelt.

Natürlich können wir uns darüber unterhalten, ob akademische Titel überbewertet werden (ja!), wenn es um politisches Ansehen und Posten geht. Aber Politiker*innen, die nicht nur im System der Macht, sondern auch in dem der Wahrheit unterwegs sein wollen, müssen sich auch an dessen Maßstäben messen lassen.

Wissenschaftsgleichgültigkeit

Wer wie Franziska Giffey aus Gründen der Selbstverteidigung oder des politischen Machterhalts öffentlich verkündet, dass man ja auf den unrechtmäßig erhaltenen Titel verzichten könne, weil man ja mehr als solch ein Titel sei, der kommuniziert zugleich auf sehr abfällige Weise eine Wissenschaftsgleichgültigkeit, um den eigenen Reputationsopportunismus zu kaschieren.

Aus politischer Sicht ist es nachvollziehbar, dass die SPD das Ausscheiden ihrer ehemaligen Familienministerin als eine bewundernswerte Geste mit Rückgrat verkaufen muss – sie muss sie ja erneut aufstellen. Aus wissenschaftlicher ist es eine Katastrophe. Im Grunde sagt man: Die Diebin hat zwar gestohlen, aber sie hat es ja zurückgegeben, als sie erwischt wurde – man sollte sie zur Schatzmeisterin machen.

Es geht um etwas Grundsätzliches: den Wert, den man wissenschaftlicher Arbeit beimisst. Wenn nicht einmal Menschen in repräsentativen Funktionen dem wissenschaftlichen Arbeiten Wertschätzung entgegenbringen können, aber gleichzeitig davon profitieren, eben weil sie wissen, wie überwichtig akademische Grade in der deutschen Gesellschaft bewertet werden, dann missbrauchen sie nicht nur unser Vertrauen, sondern das System der Wahrheit.

Ich könnte mir während einer Pandemie, in der wir auch mit einer gewissen Wissenschaftsfeindlichkeit umgehen müssen, kein schlechteres Signal vorstellen.