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FILM Frau unter Einflüssen

»Die Praxis der Liebe«. Spielfilm von Valie Export. Österreich/Deutschland 1985; 90 Minuten; Farbe. *
Von Michael Fischer
aus DER SPIEGEL 19/1985

Judith ist eine junge Frau, die vielen Rollen gerecht werden muß. In »Die Praxis der Liebe«, dem dritten Spielfilm der hauptsächlich als Experimentalfilmerin bekannten Österreicherin Valie Export ("Menschenfrauen"), spielt Judith tagsüber die patente Reporterin, am Feierabend die anschmiegsame Geliebte eines Herrn Doktor. Die Stunden dazwischen verbringt sie oft in einem Wiener Hotel mit ihrem Freund Alfons (Rüdiger Vogler), der das Gebaren eines undurchsichtigen Geschäftsmanns an den Tag legt.

Adelheid Arndt spielt diese Judith zugleich kokett und nachdenklich, spröde und sinnlich und vermittelt so bereits die Spannung dieses ungewöhnlichen, vital pulsierenden Films.

Unruhig flattert Judith von einer Sensation zur nächsten Affäre, von einer beruflichen Aufgabe zur anderen. Ihr dauernder Rollenwechsel verunsichert sie, er hält sie davon ab, der eigenen Persönlichkeit auf den Grund zu gehen: Ist sie nun eine eigenständige Person oder nur eine Frau unter - männlichen - Einflüssen?

Zufällig wird sie Zeugin eines Unfalls in der Wiener U-Bahn. Ein junger Mann hat dort scheinbar Selbstmord begangen. Neugierig geworden, geht Judith dem Unglück nach und wird langsam in den Strudel der Ereignisse gezogen: Das U-Bahn-Unglück, ihr Leben mit den beiden Männern, ihre beruflichen Querelen verdichten sich auf einmal auf frappierende Weise zu einer Einheit.

Valie Exports Film beginnt irritierend wie ein Puzzle, in dem jedes Steinchen seine Bedeutung hat (photographiert hat ihn der Achternbusch-Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein); am Ende fügt sich alles zum gescheiten Bild einer Frau in dieser Männergesellschaft.

Mit ihrem ungewöhnlichen, aus der Masse des formal wohlfeilen Gremienkinos herausragenden Werk ist es Valie Export gelungen, Experimental- und Kinofilm miteinander zu verbinden - ihr Film ist ein reizvolles Rätsel, an dessen Auflösung freilich nur aufmerksame Beobachter Spaß haben werden.

Dem vom Überangebot träge und blind gewordenen Publikum entlockte es während der Berlinale - wo der Film als österreichischer Beitrag im Wettbewerb lief - immerhin die wenigen Buhrufe, die heuer dort zu hören waren.

Michael Fischer

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