Margarete Stokowski

Gleichberechtigung Bisschen was für die Ladys

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Am Frauentag kurz mal was "Feministisches" zu machen und dann wieder zum unfeministischen Normalzustand zurückzukehren ist so, als äße man immer nur Pizza und sonntags zusätzlich einen kleinen Salat, um abzunehmen.
Feiertagskollektion, Kostenpunkt 31 Euro: "Dieser Strauß heißt Margarete Stokowski und erzählt die Geschichte einer Frau..."

Feiertagskollektion, Kostenpunkt 31 Euro: "Dieser Strauß heißt Margarete Stokowski und erzählt die Geschichte einer Frau..."

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Colvin

Einen fröhlichen Frauentag allerseits! Ach nee, ist ja schon wieder vorbei. Es ist aber auch ein echt kurzer Spaß jedes Mal. Hier eine Bildergalerie mit "starken Frauen", da eine Playlist mit Musik von "starken Frauen". 20 starke Frauen, die du kennen musst, 10 starke Frauen verraten ihre Beautygeheimnisse. Am Frauentag ist alles voll mit diesen "starken Frauen" - gemeint sind üblicherweise: berühmte Frauen – und man weint kurz in den Prosecco, dass an Frauen immer gelobt werden muss, dass sie "stark" sind, als wäre das irgendwie eine bemerkenswerte Abweichung vom Normalzustand, aber da ist der kleine Revolutionsfasching schon wieder vorbei und überall wieder schön Jens Spahn.

Frauentag ist klassischerweise der Tag, an dem darüber reflektiert wird, wie weit "wir" inzwischen gekommen sind mit der Gleichberechtigung, nur manchmal ist dieses "wir" nicht so richtig zu erkennen. Kurz mal was "Feministisches" zu machen und dann wieder zum absolut unfeministischen Normalzustand zurückzukehren, ist leider gar keine Revolution. Es ist ungefähr so, als wenn man immer nur Pizza isst und sonntags zusätzlich einen kleinen Salat, um abzunehmen.

Frauenkrams als Werbung, warum nicht?

Aber es ist ein verbreitetes Phänomen: Bisschen Frauenkrams als Werbung, warum nicht? H&M Deutschland twitterte  ein Video zum Frauentag mit strahlenden H&M-Chefinnen und folgendem Text: "7 von 10 Führungskräften bei H&M sind Frauen. Wenn wir Frauen stärken, profitieren alle. Was für uns normal ist, sollte die Norm sein – in jeder Branche und in allen Lebensbereichen!" Äh, na ja. Das Letzte, das man von H&M so gehört hat, war, dass dort Beschäftigte offenbar bespitzelt wurden  und dabei unter anderem über Menstruationsprobleme der Arbeiterinnen gemutmaßt worden sein soll. Das Vorletzte, das man hörte, war dass den indischen Näherinnen, die für H&M arbeiten, eine Stunde Lohn gestrichen wird , wenn sie eine Minute zu spät kommen. Das Vorvorletzte war, dass ihnen bei Schwangerschaft oft direkt gekündigt wird . Aber cool, das mit den Führungskräften.

Eine vorgezogene Frauentagspointe hatten sich die Kandidaten für den CDU-Vorsitz überlegt. Gut, bei dem einen gab es keine Frauenpointe im engeren Sinne, Armin Laschet erklärte einfach, er wolle gern Jens Spahn zum Vize machen. Alles klar soweit. Sein Konkurrent Friedrich Merz hingegen kündigte an, er werde, falls er Parteivorsitzender wird, "in jedem Fall eine Frau" als Generalsekretärin vorschlagen. Und Norbert Röttgen twitterte : "Die zweite Person in meinem Team wird eine Frau sein." Angeblich haben Feministinnen ja keinen Humor, aber wie lustig ist das denn? Zwei Typen aus einer Partei, die ein notorisches Problem  mit Frauenquoten hat, versuchen sich einen progressiven Anstrich zu verleihen, indem sie erklären, dass sie, solange sie selbst gesetzt sind, auch noch irgendeiner Frau einen Job gönnen werden – ähm, ja, also welcher genau ist vielleicht noch unklar, aber ja, irgendeine Frau halt. Wird sich schon eine finden. Man darf auf die Porträts gespannt sein über die dann Auserkorene von Merzens oder Röttgens Gnaden, hoffentlich werden sie so liebevoll sein wie neulich dieser Text auf "Zeit Online" über Franziska Giffey , in dem es hieß, die Politikerin sei "ein Gottesgeschenk mit Hochsteckfrisur".

Frauen als Deko mit Lavendel

Frauen als Dekoration, wer liebt das nicht? Und zwar wortwörtlich, bisweilen. Ich weiß gar nicht, wie ich das folgende Beispiel anmoderieren soll, ohne an meinem eigenen Lachen zu ersticken, aber ich sage das jetzt einfach: Nach mir wurde zum Frauentag ein Blumenstrauß benannt. Kostenpunkt 31 Euro. "Dieser Strauß heißt Margarete Stokowski und erzählt die Geschichte einer Frau..." – Ein Blumenversandshop hat eine "Frauentagskollektion" entworfen , in der vier Sträuße nach vier Frauen benannt wurden. Einer ist inzwischen nicht mehr erhältlich, denn eine der – ähm – Geehrten ist dagegen vorgegangen, weil der Shop vorher nicht gefragt hat, ob er die Namen verwenden kann , das finde ich einerseits absolut nachvollziehbar, andererseits war ja wohl klar, dass so eine Revolution kein Wunschkonzert ist.

Videos von lachenden Frauen auf Spitzenpositionen als Versuch, von ausgebeuteten Frauen abzulenken, Frauen als Zusätze zu machthungrigen Männern, Frauen als Deko mit Lavendel und Eukalyptus, das ist es, was wir erwarten können in einer Welt, in der Jobs immer noch klassisch von Bob zu Bob (kein ausgedachtes Beispiel ) weitergereicht werden.

Es ist, als wenn irgendein Mann den ganzen Tag frauenfeindliche Witze macht und dann zwischendurch, als Pause, aber betont, dass er auch schon mal abgewaschen hat – leider auch nicht wirklich ein ausgedachtes Beispiel. Der "Südfinder", eine kleine Zeitung aus Oberschwaben, hatte neulich ein paar Sonderseiten zum Thema "Männer: Alles was Spaß macht ", randvoll mit Klischees: bisschen was über die Wahl zur "Miss Tuning", Motorräder, die Feststellung, dass Männer gern Fleisch essen und ständig an Sex denken, und eine Witzeseite, auf der es bei den meisten Witzen darum ging, dass mit der Hochzeit alles schlimm wird und Frauen das Geld ihrer Männer ausgeben, aber Männer dafür ihre Frauen immer mit Sekretärin betrügen, hehe.

Vorne im Editorial erklärte aber der Chef, dass er neben all dem "Macho-Spaß" auch einen Kommentar für Frauen geschrieben hat, der ist auf der letzten Seite etwa zwei Briefmarken groß und trägt den Titel "Frauen müssen arbeiten können". Das ist dann auch exakt der Inhalt: Frauen sollten eigenes Geld verdienen können. Der Text beginnt mit den Worten "Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich mit diesem Kommentar bei einigen Männern unbeliebt mache..." – und dann folgt die Feststellung, dass Frauen immer noch nicht genug eigenes Geld verdienen. Publizistischer Mut im Jahr 2020.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich mit diesem Kommentar bei einigen unbeliebt mache... der aktuelle Zustand der feministischen Revolution ist, wenn man es mit einem Coronavirus-Bild sagen will: Das Monster Harvey Weinstein ist in Quarantäne, und draußen lecken weiterhin alle fröhlich die Türklinken ab.